ein jahr vor dem fall der berliner
mauer kommt emilia mit ihren eltern nach westberlin. sie sind
aussiedlerdeutsche und erhalten deshalb unkompliziert schnell
deutsche pässe und müssen nicht mit der unsicherheit eines
asylverfahrens leben. sie gelten als deutsche, verleugnen ihre
herkunft, lernen intensiv deutsch und machen alles für eine totale
integration. in der oeffentlichkeit sprechen sie nicht polnisch und
vermeiden jeden kontakt mit anderen landsleuten. emilia geht dieses
verhalten in fleisch und blut über. sie spricht nie über ihre
herkunft. den druck zuhause hält sie aber nicht mehr aus, zieht mit
sechzehn jahren aus und hält sich mit gelegenheitsjobs über wasser.
nach einer ausbildung zur opernsängerin kommt sie zum journalismus,
beginnt einen anderen blick auf ihre ursprüngliche heimat zu
erhalten und definiert letztlich ihre identität neu.
dieses buch ist ein etwas anderer
beitrag zum thema migration. es thematisiert eine einwanderergruppe,
der es gelingt, sich ziemlich unsichtbar zu machen. wie assimilation
und integration über alles gestellt wird, lässt einen beinahe etwas
aufschrecken. der autobiografische text wird ergänzt durch
analysierende kapitel, die das ganze in den mir weitgehend
unbekannten kontext der aussiedlerdeutschen stellen. das buch findet
ein versöhnliches ende und schliesst den kreis der handlung auf eine
schöne art.
13.12.2022
emilia smechowski: wir strebermigranten
06.12.2022
nino haratischwili: das mangelnde licht
die jugendjahre der vier frauen fallen
in die zeit des politischen umbruchs nach dem ende der sowjetunion
und der schwierigen gründung des eigenen staates in ihrer heimat
georgien. dina, nene, ira und keto, die die geschichte erzählt,
stehen sich seit ihrer schulzeit sehr nahe und bilden, trotz
verschiedener charaktere eine eingeschworenen gemeinschaft. sie
erleben ihre erste liebe, aber auch viel gewalt und unsicherheit in
einer zeit, wo clans um einfluss und macht kämpfen. der
neugegründete staat steht auf schwachen füssen,
bürgerkriegsähnliche zustände kommen auf. es gibt momente, in
denen die jungen frauen abenteuerliche entscheide treffen müssen,
bis tod und verrat sie auseinander treiben, jede ihren eigenen weg
geht. etwa 30 jahre später treffen sich drei von ihnen wieder an
einer ausstellung von fotografien der nicht mehr lebenden dina. hier
finden sie irgendwie wieder zueinander.
ein spektakulärer und emotionaler
roman, der über 800 seiten einen sog ausübt, dem man unausweichlich
unterliegt. die reiche sprache mit kunstvollen sätzen lässt einen
wunderbaren lesefluss erleben. trotz der vielschichtigen erzählung
und der vielen figuren geht die orientierung nicht verloren.
meisterhaft versteht es die autorin vor dem hintergrund der damaligen
politischen und gesellschaftlichen ereignisse die persönlichen
geschichten der vier frauen aufleben zu lassen. ihre träume, wünsche
und unterschiedlichen lebensziele kollidieren immer wieder mit einer
männerdominierten gesellschaft, die sich nur ganz langsam zu
verändern beginnt. die handlung, die zwischen brutalität und
sinnlichkeit pendelt, nimmt einen unweigerlich gefangen. keto, die
ich-erzählerin, reflektiert, analysiert und beschreibt daneben immer
wieder, was dies alles in ihr auslöst. dieser blick in ihre
gedankenwelt spiegelt auf eine spannende und tiefgründige art die
realen ereignisse, denen die menschen ausgesetzt sind.
26.11.2022
thomas röthlisberger: das licht hinter den bergen
1939 tobt der zweite weltkrieg. die
schweiz ist für viele menschen der letzte ort der hoffnung. spät
abends klopft es an der türe des dorflehrers anton, vor ihm steht
anna, eine junge fremde frau und bittet um einlass. sie ist aus dem
vorarlbergischen über einen pass in die schweiz geflohen, ihr mann
wurde bereits deportiert und erschossen. zunächst zögernd lässt
anton sie ins haus, aus der geplanten einen nacht werden wochen. ihre
anwesenheit geheim zu halten wird immer schwieriger. es gibt gerede
im dorf, aber auch das bisher geordnet verlaufende leben der familie
gerät durcheinander. nach wochen wird anna verraten, die polizei
holt sie ab. niemand weiss, wohin sie gebracht worden ist, man
spricht nicht mehr darüber. lange später, erst nach dem ende des
krieges, löst sich das rätsel auf eine unerwartete weise.
spannend entfaltet sich beim lesen eine
stimmungsvolle, tiefgründige handlung. die bildgewaltige sprache
bringt uns die menschen und deren schicksale, die natur, die
landschaft und das dorfleben nahe. treffend werden die
beziehungsgeflechte in der dorfgemeinschaft und die nicht einfache familienstruktur dargestellt. das dilemma
des ethischen handelns, das sich gegen das herrschende recht stellt,
ist ein zentrales moment dieses romans. trotz unwahrscheinlich
anmutender elemente bleibt die geschichte realistisch und behält
etwas bodenständiges.
20.11.2022
anita shreve: eine gefangene liebe
als charles zufällig das bild von siân
richards in der zeitung sieht, erinnert er sich an das jugendlager,
in dem sie sich mit 14 jahren getroffen und sich verliebt hatten. die
gleichen gefühle sind sofort wieder da und lassen ihn nicht in
ruhe. er schreibt ihr nun 31 jahre später und bittet sie
unverbindlich um ein treffen. sie antwortet und willigt ein. beide
sind inzwischen verheiratet und eltern und führen ein geordnetes
leben. sofort ist beim wiedersehen die gegenseitige anziehung wieder
da und beginnt ihr bisheriges leben in frage zu stellen. sie treffen
sich weiterhin, beide sind getrieben, vom wunsch zusammen zu sein.
nichts ist mehr, wie es einmal war.
ganz behutsam beginnt die handlung
immer schneller zu drehen und entwickelt einen sog, dem nicht nur die
beiden liebenden unterliegen. beim lesen kann man kaum noch
innehalten. sehr nahe an den gefühlen und zweifeln führt uns die
autorin durch die geschichte. der text bleibt konzentriert und
beschränkt sich auf das wesentliche und wirkt – das ist das
faszinierende daran – keinen moment moralisierend.
15.11.2022
paolo cognetti: das glück des wolfes
immer wieder zieht es fausto in ein
kleines bergdorf in den italienischen hochalpen. nach der trennung
von seiner frau verbringt er dort einen ganzen winter, arbeitet
als koch in einem saisonrestaurant. hier lernt er silvia kennen, mit der
er eine beziehung beginnt. im frühling fährt er nur kurz zurück
nach mailand, um seine wohnung zu verkaufen. den sommer über kocht
er für die waldarbeiter, während silvia auf einer
berghütte im monte-rosa-massiv arbeitet. er kann sich ein gemeinsames leben hier in diesem dorf
vorstellen, sie aber zieht es im herbst wieder hinunter in die stadt.
er kann sie nicht vergessen und träumt von einem gemeinsamen leben
hier oben.
alleine die schilderung der natur im
verlauf der jahreszeiten lohnt sich, das buch zu lesen. mit einer
ruhigen, bildreichen sprache lässt uns der autor in diese wunderbare
gegend eintauchen. mit gut beobachteten details zeichnet er ein
liebevolles bild der leute im dorf und des jungen glücks der beiden
zugewanderten. die dramatik der wetterphänomene und naturschauspiele
sind ebenso zentral wie die begegnung von fausto und silvia. trotz oder
vielleicht auch wegen des philosophischen tiefgangs leicht und schön
zu lesen.
06.11.2022
regula portillo: andersland
als matilda noch keine sieben jahre alt
ist, stirbt pascal, ihr alleinerziehender vater. für pascals bruder
tobias und dessen partner michael ist es selbstverständlich, dass
sie für das mädchen sorgen werden; die behörden entscheiden jedoch
anders. lucia, die mutter, kommt aus mexiko in die schweiz um ihre
tochter abzuholen. in der neuen heimat trifft matilda auf lucias
familie, in der sie liebevoll aufgenommen wird. während ihrer jugend
verliert sie auch ihre mutter, sie kann sich aber auf ihren
stiefvater und ihre grosseltern verlassen. sie studiert psychologie,
lernt als junge frau ihren mann kennen und wird selbst mutter.
gleichzeitig beschäftigt sie die fehlende erinnerung an ihre ersten
lebensjahre immer mehr. parallel dazu erfahren wir über tobias und
michael, dass deren versuche kontakt aufzunehmen scheitern und all ihre
briefe unbeantwortet bleiben. der seinerzeitige entscheid, einem
männerpaar die sorge um das kind nicht zu erlauben, belastet tobias
schwer. nach einer langen lebenskrise beginnt er, sich für die
rechte gleichgeschlechtlicher paare einzusetzen. kurz vor dem ende
wendet die geschichte sich zum guten, ein erster kontakt kommt
zustande.
die klar strukturierte sprache mit eher
kurzen sätzen hindert etwas den lesefluss. der gut und leicht
verständliche text erinnert irgendwie an ein jugendbuch. trotz der
zahlreich auftretenden personen und der teilweise abrupten
szenenwechsel, verliert man den ueberblick nicht, auch wenn
wiederholt gewisse sequenzen etwas isoliert dastehen, die keinen
wirklichen bezug zum handlungsverlauf haben. die figuren bleiben
etwas blass und nicht so greifbar: alle sind irgendwie schön,
sympathisch, wohlhabend und leben in geordneten verhältnissen. der
roman versucht vielen themen gerecht zu werden, was ihn überladen
daherkommen lässt. viele realistische ereignisse und handlungen
wechseln ab mit psychologisierenden abschnitten, was etwas
konstruiert wirkt. das buch bietet aber einen beitrag zur diskussion
über erziehung und kinderbetreuung ausserhalb traditioneller
familienstrukturen.
02.11.2022
sasha filipenko: die jagd
der russische oligarch slawin legt sein
vermögen im ausland an. zudem führt er in frankreich mit seiner
familie ein luxuriöses leben. dies alles passt nicht zu seiner
angeblich patriotischen einstellung und seinen politischen
ambitionen. anton quint, ein aufrechter journalist, beginnt die
machenschaften dieses mannes aufzudecken. deshalb muss er zum
schweigen gebracht werden. die jagd auf ihn wird eröffnet, slawin
beauftragt einen korrupten journalisten. falsche aussagen über quint
werden veröffentlicht, vermutungen verbreitet, drohungen
ausgesprochen. scheinbar zufällige begebenheiten und ereignisse
stören die ruhe seiner kleinen familie aber quint gibt nicht auf,
versucht sich treu zu bleiben. zum schluss läuft die aktion aus dem
ruder.
drastisch ist die beschreibung der
hinterhältigen methoden, derer sich slawins vasallen bedienen, um
den ruf und das leben von anton quint zu zerstören. dieses bild
menschenverachtender handlungen und verhältnisse fordert einem beim
lesen einiges ab. der autor baut diese geschichte interessant auf,
die parallelen der beiden journalisten sind frappierend, nur ist
einer der jäger, der andere der gejagte. es zeigt auf, wie klein der
unterschied sein kann, der darüber entscheidet, auf welcher seite
man steht. ein brandaktuelles werk, das uns erahnen lässt, wie es im
heutigen russland zugeht.