leman ist eine junge selbstbewusste
frau. ihre tante selma, die sich früh den konventionen und
familiären verpflichtungen zu entziehen weiss, um ein eigenständiges
leben zu führen, ist
ihr vorbild.
im zu beginn des 20. jahrhunderts zerfallenden osmanischen reich,
entscheidet sich leman ihre geburtsstadt saloniki zu verlassen, um –
als griechin albanischer ethnie – nach tirana zu gehen. dort lernt
sie ihren mann asllan, einen politisch tätigen juristen, kennen. in
den schwierigen zeiten, in denen albanien zankapfel zwischen italien,
deutschland, den alliierten und der sowjetunion ist, kommt ihr sohn
zur welt. mit der machtübernahme der kommunisten nach dem zweiten
weltkrieg wird das leben schwierig, bisherige werte gelten nicht
mehr. asllan wird verfolgt und wegen angeblichem landesverrat zu
einer jahrelangen gefängnisstrafe verurteilt. leman bleibt – trotz
der möglichkeit zur
flucht – bewusst mit ihrem einzigen kind in albanien.
die autorin geht der geschichte ihrer
grossmutter nach. aus familiären erinnerungen, wenigen fotografien,
gesprächen mit menschen, aber vor allem mit nachforschungen in
archiven, entsteht das bild einer starken, selbstbewussten frau, die
aufrecht durchs leben geht, sich den wechselnden politischen und
gesellschaftlichen bedingungen stellt und sich dabei selbst treu
bleibt. das ausleuchten von lebensentscheidungen in totalitären
systemen ist das starke zentrale moment dieses romans. neben viel
geschichtswissen über die politischen prozesse in albanien widmet
sich der text auch vielen ethischen und psychologischen fragen. die
persönlichen schicksale der menschen werden so zu den tragenden
elemente dieses buches.
25.12.2025
lea ypi: aufrecht
16.12.2025
res brandenberger: einer wie erik
schon im kindergarten tauscht erika
mit herbert die kleider. sie kommt mit seinen nach hause, er mit
ihren, was von beiden elternpaaren auf unterschiedliche weise nicht
goutiert wird. erika ist schnell klar: sie ist ein junge in einem
mädchenkörper, ihr ziel ist als mann, als erik zu leben, was sich
in dem bürgerlichen milieu von nidau, ihrem wohnort, schwer umsetzen
lässt. es heisst warten bis zur volljährigkeit. dann beginnt ein
neuer lebensabschnitt an einem neuen ort als kehrrichtmann. so
verrichtet erika als erik täglich im team mit seinen kollegen die
arbeit. als er eines tages mit bauchschmerzen notfallmässig ins
spital gefahren wird, erfahren seine wartenden kollegen von seiner
niederkunft mit einer tochter. was zunächst unerklärlich und
skandalös ist. erik, dessen geheimnis nun nicht mehr zu halten ist,
flüchtet während der nacht mit dem neugeborenen aus dem wochenbett und verschwindet. mit
der unterstützung seines alten freundes herbert, der mittlerweile in
paris lebt, landet er in venedig, wo ihn niemand kennt. viele
wundersame begegnungen und ereignisse beginnen sein leben zu
verändern – endlich findet er ruhe, frieden und gute freunde.
eigentlich besticht diese schöne
geschichte schon alleine durch ihr wertfreies, offenes daherkommen
ohne einen wissenschaftlichen anspruch auf korrektheit. streckenweise
durchaus etwas unwirklich und phantasievoll, hat der autor trotz des
nicht einfachen themas etwas märchenhaftes, leichtes geschaffen, das
das lesen zu einer richtigen freude macht. ein überraschender aufbau
und eine – ihnen aufmerksam zugewandte – liebevolle zeichnung aller
figuren prägen dieses buch ebenso wie der manchmal durchscheinende
berner witz oder die milieubeschreibungen der bürgerlichen
gesellschaft nidaus. venedig als schöne kulisse zu wählen ist nicht
nur dankbar, sondern hier sehr stimmig, auch – oder vielleicht weil
– das geografische nicht so genau genommen wird. dass
zwischenhinein auch möbel und andere gegenstände zu worte kommen,
macht alles noch vielgestaltiger. ob der name, erika/erik, bewusst
gewählt wurde? mich erinnert es gleich an die damalige
österreichische skirennfahrerin, die zwar aus einem anderen grund
von erika zu erik wurde. es könnte ein aufklärungsbuch sein, aber
nicht alles muss gelöst oder analysiert werden. so wird es zu einer
art ode an die freiheit, diversität einfach zu leben.
10.12.2025
claudie gallay: ein stück vom himmel
als claire mit der post eine
schneekugel ohne begleitbrief und ohne absender erhält, weiss sie
dies als zeichen ihres vaters zu deuten. er, der reisende, meist
abwesende erwartet sie zu weihnachten in ihrem in den alpen gelegenen
heimatdorf. dort angekommen trifft sie auf ihre geschwister und damit
auch auf ihre längst vergangenen kindheitserfahrungen. mit
ihrer schwester gaby und ihrem bruder philipp teilt sie viele
erinnerungen an früher. die
brandkatastrophe, die sie als kinder
erleben mussten, war ein entscheidender wendepunkt, der ihre
herkunftsfamilie auseinanderbrechen liess. auf den vater haben die
drei vergeblich gewartet, aber mit allem versöhnt entscheidet claire
bei ihrer abreise wiederzukommen.
hinter dem nicht ganz
nachvollziehbaren titel verbirgt sich ein
vielschichtiger roman mit vielen unterschiedlichen handlungssträngen,
was einen beim lesen etwas fordert. die in tagebuchform erzählte
eigentlich interessante familienchronik zieht sich streckenweise in
die länge. stark ist die sorgfältig detaillierte darstellung der
einzelnen personen und der teilweise schwierigen beziehungen
untereinander. diese art weihnachtsgeschichte, die neben all dem
schweren auch einen unterhaltsamen charakter hat, passt gut in diese
jahreszeit.
28.11.2025
han kang: die vegetarierin
die
eigentlich unauffällige yong-hye wird auf grund eines traums von
einem tag zum anderen vegetarierin und beginnt sich ihrer umwelt zu
verschliessen. ihr mann versteht dies nicht, sucht erklärungen und
wendet sich zunächst an ihre familie. weder die eltern noch ihre
schwester in-hye können sie umstimmen. es kommt zur scheidung; die
zunehmend magersüchtige frau lebt in der folge alleine in einer
kleinen wohnung. ihr schwager, ein künstler, heimlich schon länger
in sie verliebt, gewinnt sie für ein videoprojekt als darstellerin.
dabei kommt es zu einer gemeinsamen nacht, was auch seine
ehe mit in-hye gefährdet. yong-hye wird in eine psychiatrische
klinik eingewiesen, wo ihr nebst der magersucht eine schizophrenie
diagnostiziert wird. in-hye besucht sie regelmässig, fühlt sich
trotz der ganzen vorgeschichte, die auch ihre ehe zerstört hat,
verantwortlich. ein in der klinik gestarteter versuch der
zwangsernährung mit einer sonde endet in einem gewaltakt, der ihr
beinahe das leben kostet.
der
titel passt nicht ganz: es geht hier eher um magersucht, denn die art
wie yong-hye ihr essen und verhalten umstellt hat etwas sehr
radikales. was zunächst unverständlich erscheint, lässt schnell an
einen psychiatrischen hintergrund denken, und so kommt es dann auch.
die schilderungen der vorgänge in der klinik sind alarmierend. sehr
treffend sind die beschreibung
der sorge um die schwester und die gewissensbisse in-hyes. einige eher an pornografischen text erinnernde passagen passen nicht
wirklich in die ernsthaftigkeit der restlichen handlung. eine
fremdartige, nicht einfache geschichte, deren botschaft ohne kenntnis
kultureller hintergründe schwer zu verstehen ist. trotz aller
vorbehalte habe ich das buch zu ende gelesen, dessen ausgang
letztlich im ungefähren bleibt und deshalb auch irgendwie
enttäuscht.
21.11.2025
edna o'brien: die kleinen roten stühle
in einem dorf an irlands küste taucht
ein mann
auf, der sich als dr. vladimir dragan, arzt und sexualtherapeut,
vorstellt und eine praxis eröffnet. das gibt zu reden, gerüchte
machen die runde, er findet aber auch leute, die seine dienste in
anspruch nehmen. in wahrheit ist er aber ein gesuchter
kriegsverbrecher aus dem jugoslawienkrieg. fidelma konsultiert ihn
als heiler, lässt sich mit ihm ein und wird schwanger. während
eines ueberfalls durch maskierte männer, die sie foltern, steigt
ihre angst. sie verlässt ihren mann und geht nach london. mittellos
wird sie dort von einer frau – einer zufallsbekanntschaft –
aufgenommen. nur schlecht kann sie fuss fassen: enttäuschung und
armut lassen sie letztlich wieder in ihre heimat zurückkehren.
nicht nur das untertauchen eines
kriegsverbrechers, sondern auch das abtreibungsverbot in irland und
der soziale abstieg eines menschen werden in diesem buch
thematisiert, auch sprachlosigkeit und zweifel der hauptprotagonistin
sind omnipräsent. die komplexe geschichte mit vielen nur
angedeuteten facetten ist nicht einfach und ist spätestens bei der
folterszene unerträglich zu lesen. der vielen angesprochenen themen
wegen, entsteht zeitweise der eindruck eines überladenen textes.
detailliert wird die figur des arztes beschrieben, während von den
anderen personen nur eher vage bilder entstehen. viele kurze,
einfache sätze haben einen etwas unharmonischen leserhythmus zur
folge. der titel des buches bezieht sich auf eine installation in
sarajevo zum gedenken der toten während der belagerung der stadt,
lässt einen aber ohne weitere erklärung dazu zurück. insgesamt
ein anspruchsvolles und herausforderndes werk.
16.11.2025
philippe grimbert: ein besonderer junge
als louis die anzeige sieht, in der
jemand zur betreuung eines besonderen jungen gesucht wird, meldet er
sich. da sein studium ihn nicht überzeugt, sieht er darin die
möglichkeit von den ansprüchen seiner eltern wegzukommen. er wird
engagiert und fährt in einen kleinen badeort in der normandie, wo
iannis, der zu betreuende autistische junge, mit seiner mutter helena
lebt. doch bald versucht diese louis zu verführen, was ihn
verunsichert und verwirrt. zu iannis findet er als einziger einen
zugang und entdeckt dessen
ungeahnten
fähigkeiten. als eine institution in belgien endliche einen
heimplatz
hat, bleibt louis nur noch ihn in diese ungewisse zukunft zu
begleiten. doch iannis will da nicht hin –
er wählt einen anderen weg.
trotz der schwierigen materie ein
spannender, leicht zu lesender roman, der sehr konzentriert die
spannungsfelder der betroffenen beschreibt. geschickt werden
verschiedene geschichten verwoben und geben am schluss ein
abgerundetes ganzes. der offene ausgang gibt uns raum für alle das
beste zu wünschen. ein berührendes buch, das menschen gewidmet ist,
die anders sind.
10.11.2025
ayelet gundar-goshen: ungebetene gäste
als naomi einen moment nicht auf
ihren kleinen sohn uri achtet, klettert er zum fenster. der dort
liegende hammer des arabischen handwerkers fällt hinunter und tötet
einen zufällig vorbeigehenden jungen mann. schnell wird der
handwerker eines attentats verdächtigt und verhaftet. naomi weiss
die wahrheit, lässt sich aber drei tage zeit, bis sie auf drängen
ihres mannes juval zur polizei geht. wegen ihrer schuldgefühle mag
sie den nachbarn nicht mehr begegnen und verlässt das haus kaum
noch. juval erhält ein angebot für einen einsatz in nigeria.
zunächst scheint ihr der umzug nach afrika eine befreiung. bald
erlebt sie aber einen
einsamen und schwierigen alltag, der auch die beziehung zwischen ihr und ihrem mann
gefährdet.
nach einem fulminanten einstieg
und einer packenden ersten hälfte beginnt die spannung nachzulassen.
zu viele personen, etliche handlungsstränge, deren inhalte nicht
weiterverfolgt werden und einige nebenschauplätze lassen die
geschichte irgendwie unwirklich erscheinen. das unglück im ersten
teil bleibt nur mittel um das spätere zerbrechen einer beziehung
einzuleiten und wird damit den opfern nicht gerecht. ebenso
missglückt der versuch die korrupte politische lage in nigeria
darzustellen und auch die auseinandersetzung mit rassismus will nicht
gelingen. schade, weniger wäre mehr gewesen.