1944 wird paul bermond, damals 18
jahre alt, mit weiteren mitschülern von der miliz verhaftet, ins
konzentrationslager dachau verschickt und dort als häftling 75902
registriert. er erlebt das grauen des lagerlebens: unmenschliche
qualen, arbeitseinsätze bis zur erschöpfung, schläge; kälte und
hunger beherrschen den alltag. als begabter zeichner dokumentiert er
– trotz der gefahr, entdeckt zu werden – den lageralltag. die
solidarität untereinander, die hoffnung auf den sieg der alliierten
und das ende des krieges lässt die häftlinge durchhalten, bis ihnen
auf einem transport die flucht gelingt.
mit einfachen, klaren worten schildert
paul bermond seine damaligen erlebnisse. die schlichten
beschreibungen liegen im französischen original und in der deutschen
uebersetzung vor. sie vermitteln das erlebte auf eine eindrücklich
persönliche weise, deren wirkung man sich nicht entziehen kann. die
zeichnungen ergänzen die texte und lassen ein unvergessliches bild
entstehen. die ausserordentlich schöne gestaltung des buches
kontrastiert dessen inhalt.
27.12.2025
paul bermond: 75902
25.12.2025
lea ypi: aufrecht
leman ist eine junge selbstbewusste
frau. ihre tante selma, die sich früh den konventionen und
familiären verpflichtungen zu entziehen weiss, um ein eigenständiges
leben zu führen, ist
ihr vorbild.
im zu beginn des 20. jahrhunderts zerfallenden osmanischen reich,
entscheidet sich leman ihre geburtsstadt saloniki zu verlassen, um –
als griechin albanischer ethnie – nach tirana zu gehen. dort lernt
sie ihren mann asllan, einen politisch tätigen juristen, kennen. in
den schwierigen zeiten, in denen albanien zankapfel zwischen italien,
deutschland, den alliierten und der sowjetunion ist, kommt ihr sohn
zur welt. mit der machtübernahme der kommunisten nach dem zweiten
weltkrieg wird das leben schwierig, bisherige werte gelten nicht
mehr. asllan wird verfolgt und wegen angeblichem landesverrat zu
einer jahrelangen gefängnisstrafe verurteilt. leman bleibt – trotz
der möglichkeit zur
flucht – bewusst mit ihrem einzigen kind in albanien.
die autorin geht der geschichte ihrer
grossmutter nach. aus familiären erinnerungen, wenigen fotografien,
gesprächen mit menschen, aber vor allem mit nachforschungen in
archiven, entsteht das bild einer starken, selbstbewussten frau, die
aufrecht durchs leben geht, sich den wechselnden politischen und
gesellschaftlichen bedingungen stellt und sich dabei selbst treu
bleibt. das ausleuchten von lebensentscheidungen in totalitären
systemen ist das starke zentrale moment dieses romans. neben viel
geschichtswissen über die politischen prozesse in albanien widmet
sich der text auch vielen ethischen und psychologischen fragen. die
persönlichen schicksale der menschen werden so zu den tragenden
elemente dieses buches.
16.12.2025
res brandenberger: einer wie erik
schon im kindergarten tauscht erika
mit herbert die kleider. sie kommt mit seinen nach hause, er mit
ihren, was von beiden elternpaaren auf unterschiedliche weise nicht
goutiert wird. erika ist schnell klar: sie ist ein junge in einem
mädchenkörper, ihr ziel ist als mann, als erik zu leben, was sich
in dem bürgerlichen milieu von nidau, ihrem wohnort, schwer umsetzen
lässt. es heisst warten bis zur volljährigkeit. dann beginnt ein
neuer lebensabschnitt an einem neuen ort als kehrrichtmann. so
verrichtet erika als erik täglich im team mit seinen kollegen die
arbeit. als er eines tages mit bauchschmerzen notfallmässig ins
spital gefahren wird, erfahren seine wartenden kollegen von seiner
niederkunft mit einer tochter. was zunächst unerklärlich und
skandalös ist. erik, dessen geheimnis nun nicht mehr zu halten ist,
flüchtet während der nacht mit dem neugeborenen aus dem wochenbett und verschwindet. mit
der unterstützung seines alten freundes herbert, der mittlerweile in
paris lebt, landet er in venedig, wo ihn niemand kennt. viele
wundersame begegnungen und ereignisse beginnen sein leben zu
verändern – endlich findet er ruhe, frieden und gute freunde.
eigentlich besticht diese schöne
geschichte schon alleine durch ihr wertfreies, offenes daherkommen
ohne einen wissenschaftlichen anspruch auf korrektheit. streckenweise
durchaus etwas unwirklich und phantasievoll, hat der autor trotz des
nicht einfachen themas etwas märchenhaftes, leichtes geschaffen, das
das lesen zu einer richtigen freude macht. ein überraschender aufbau
und eine – ihnen aufmerksam zugewandte – liebevolle zeichnung aller
figuren prägen dieses buch ebenso wie der manchmal durchscheinende
berner witz oder die milieubeschreibungen der bürgerlichen
gesellschaft nidaus. venedig als schöne kulisse zu wählen ist nicht
nur dankbar, sondern hier sehr stimmig, auch – oder vielleicht weil
– das geografische nicht so genau genommen wird. dass
zwischenhinein auch möbel und andere gegenstände zu worte kommen,
macht alles noch vielgestaltiger. ob der name, erika/erik, bewusst
gewählt wurde? mich erinnert es gleich an die damalige
österreichische skirennfahrerin, die zwar aus einem anderen grund
von erika zu erik wurde. es könnte ein aufklärungsbuch sein, aber
nicht alles muss gelöst oder analysiert werden. so wird es zu einer
art ode an die freiheit, diversität einfach zu leben.
10.12.2025
claudie gallay: ein stück vom himmel
als claire mit der post eine
schneekugel ohne begleitbrief und ohne absender erhält, weiss sie
dies als zeichen ihres vaters zu deuten. er, der reisende, meist
abwesende erwartet sie zu weihnachten in ihrem in den alpen gelegenen
heimatdorf. dort angekommen trifft sie auf ihre geschwister und damit
auch auf ihre längst vergangenen kindheitserfahrungen. mit
ihrer schwester gaby und ihrem bruder philipp teilt sie viele
erinnerungen an früher. die
brandkatastrophe, die sie als kinder
erleben mussten, war ein entscheidender wendepunkt, der ihre
herkunftsfamilie auseinanderbrechen liess. auf den vater haben die
drei vergeblich gewartet, aber mit allem versöhnt entscheidet claire
bei ihrer abreise wiederzukommen.
hinter dem nicht ganz
nachvollziehbaren titel verbirgt sich ein
vielschichtiger roman mit vielen unterschiedlichen handlungssträngen,
was einen beim lesen etwas fordert. die in tagebuchform erzählte
eigentlich interessante familienchronik zieht sich streckenweise in
die länge. stark ist die sorgfältig detaillierte darstellung der
einzelnen personen und der teilweise schwierigen beziehungen
untereinander. diese art weihnachtsgeschichte, die neben all dem
schweren auch einen unterhaltsamen charakter hat, passt gut in diese
jahreszeit.