giuseppe
vaglio lebt in cremenaga, einem dorf an der
italienisch-schweizerischen grenze. während des zweiten weltkrieges
hilft er flüchtlingen durch den fluss in die schweiz zu gelangen. er
wird aber verraten, von der deutschen ss gefangengenommen und ins
konzentrationslager mauthausen zur zwangsarbeit deportiert. dort
erlebt er die befreiung am
kriegsende. seine frau concetta bleibt während seiner abwesenheit
weitgehend nachrichtenlos, weiss nichts über seinen verbleib, gibt
die hoffnung auf seine rückkehr aber nie auf. nach der befreiung ist
giuseppe zwei monate zu fuss unterwegs und kommt nach vielen
entbehrungen wieder zurück nach cremenaga.
giuseppe
und concetta waren die grosseltern des autors, denen er mit diesem
roman ein eindrückliches denkmal setzt. dieses preisgekrönte buch
vermittelt anhand der lebensgeschichte eines einzelnen, wie
aufrichtige menschen opfer dieses systems wurden. in einem
faszinierend einfachen und klaren text wechselt der schauplatz immer
wieder, so wird parallel über das leiden giuseppes und das leben
concettas mit ihrer familie berichtet. trotz angst, unsicherheit und
verzweiflung verlieren beide eheleute die hoffnung nicht. die
rückkehr bildet einen überraschenden abrupten schluss. gerne wäre ich noch etwas bei der wiedervereinten
familie verweilt.
steilacotschna
lesen ist das kino mit meinen eigenen bildern
14.05.2026
fabio andina: sechzehn monate
10.05.2026
jiři weil: mendelsohn auf dem dach
während
der deutschen besetzung prags wird das rudolfinum zum «haus der
deutschen kunst»: unter
den statuen auf dem dach ist auch jene von
medelsohn-bartholdy. auf befehl des reichsprotektors heydrich muss
das denkmal des jüdischen komponisten entfernt werden. der
hausverwalter weiss jedoch nicht, welche der figuren die richtige
ist. mit dieser wahren begebenheit beginnt der roman über die zeit
der besetzung prags durch die deutsche wehrmacht. juden und jüdinnen
werden systematisch verhaftet und abtransportiert, ihr eigentum
eingezogen. in prag formiert sich im untergrund aber auch der
widerstand gegen die besatzung und das attentat auf den verhassten
heydrich hat grausame sühneaktionen der nazis zur folge. erste
nachrichten von der landung der alliierten in der normandie lassen
die leidende bevölkerung hoffen.
verschiedene
wahre begebenheiten und einzelschicksale von menschen werden hier zur
grundlage eines romans über diese dramatische zeit. beim lesen spürt
man, dass der autor die geschichten der menschen, die opfer dieses
systems werden, aus eigener erfahrung kennt. durch die eindringliche
beschreibung der schreckensherrschaft der nazis gibt er einen tiefen
blick in die struktur des totalitären systems, die er mit ironie und
sarkasmus entlarvt. als gegenpol steht der widerstand der bevölkerung
und die solidarität der menschen, dem dieses buch ebenso raum gibt.
dieses unheimlich authentische und dichte werk geht unter die haut
und lässt einen lange nachdenken.
01.05.2026
dacia maraini: ein halber löffel reis
im
zweiten weltkrieg steht japan durch einen pakt verbunden gemeinsam
mit italien auf der seite des deutschen reiches. dacias familie lebt
in tokio, ihre eltern weigern sich – wie von den japanischen
behörden verlangt – mussolinis repubblica da salò anzuerkennen.
wie weitere mitglieder der kleinen italienischen gemeinde wird die
ganze familie in ein lager interniert, in dem unsägliche
hygienische zustände, willkür, vor allem aber hunger herrschen. die
damals siebenjährige erlebt harte kindheitsjahre, aber auch die
befreiung und die zeit unmittelbar nach kriegsende.
trotz
der erniedrigenden erlebnisse berichtet die autorin eindrücklich,
gleichzeitig emotional und sachlich über ihre schwerste zeit.
bedrückend ist nicht nur die detaillierte beschreibung der
persönlichen not, sondern auch die grausamkeit der sie bewachenden
männer. aus der sicht eines kindes versteht sie damals erstaunlich
viel: so gibt sie mit einer faszinierenden genauigkeit die damaligen
begegnungen und ereignisse wieder.
gleichzeitig ist es auch ein buch über ein stück uns weitgehend
unbekannte geschichte japans, abseits der clichées von kirschblüten
und zen-gärten.
26.04.2026
ozan zakariya keskinkılıç: hundesohn
zeko, dessen eltern aus der türkei nach deutschland ausgewandert sind, fährt jedes jahr mit ihnen einmal in ihr heimatdorf. dort trifft er hassan, der mehr als nur ein jugendfreund ist. hassan ist das objekt seiner liebe und seiner begierde. während des ganzen jahres trifft er über dating-apps verschiedene männer, doch er hat nur hassan im kopf und sehnt sich nach begegnungen und liebesnächten mit ihm. sein verlangen, seine not und sein zwiespalt diktieren seine tage. wie weit die familie davon weiss, wird nicht klar, jedoch nennen sie hassan «hundesohn». bei seiner besten freundin pari findet zeko etwas ruhe und ihren rat, dem zu folgen ihm aber oft nicht gelingt.
die zeitspanne von neun tagen bis zum erneuten treffen mit hassan wird in einem sprachlichen feuerwerk erzählt. sein ihn permanent umtreibendes begehren steht im vordergrund und wird detailliert beschrieben. der fulminante, collageartige, manchmal etwas hektische text lässt die gefühlslage zekos sehr unmittelbar erleben. regelmässig eingefügte türkische und arabische, teils unübersetzte sätze lassen einen beim lesen hin und wieder im ungewissen, geben aber dem gesamten roman farbe und authentizität. ein drama, das durch die schonungslose beschreibung vieler begegnungen sehr intensiv wirkt, durch die streckenweise mangelnde spannung jedoch etwas an kraft verliert, es gerade deshalb aber zur anspruchsvollen lektüre macht.
23.04.2026
joseph lloyd carr: ein monat auf dem land
als
mr. birkin aus london in einem nordenglischen ort ankommt, weiss
schnell das ganze dorf bescheid. als restaurator hat er den auftrag,
in der kirche ein altes wandgemälde freizulegen. traumatisiert vom
ersten weltkrieg hofft birkin hier auf dem land auch wieder ruhe zu
finden. je länger er hier ist, umso mehr fühlt er sich zuhause. ob
es immer nur das interesse am fortgang seiner arbeit ist, das leute
zu besuchen in die kirche verleitet, lässt sich bezweifeln. auch die
frau des pfarrers kommt öfters und bleibt zu immer längeren
gesprächen. es ist birkin zunächst unangenehm, weil er für die
ausserordentlich schöne frau gefühle entwickelt. was nicht sein
darf geschieht, die beiden verlieben sich ineinander. des
restaurators arbeit findet ein ende und man legt ihm nahe, möglichst
schnell den ort zu verlassen.
das
buch beinhaltet eine liebevolle, tiefgründige geschichte, die ruhig
erzählt wird. dörfliche neugier und menschliche schwächen, aber
auch schöne persönliche freundschaften und zuverlässige
verbindlichkeiten sind tragende elemente dieses kleinen werkes, das
einen besonderen blick auf die moralischen werte einer damaligen
ländlichen dorfgemeinschaft wirft.
18.04.2026
gina bucher: schattengänger
jo
wohnt alleine
in
einer wohnsiedlung – kaum jemand kennt ihn, er scheint keine
familie, keinen besuch, keine freunde zu
haben
was ihn zu einem objekt der beobachtung durch seine nachbarn macht.
man spricht über ihn hinter vorgehaltener hand und nennt ihn
schattengänger. als ein nachbarsmädchen dabei gesehen wird, wie sie
zu jo in die wohnung geht, entstehen gerüchte und vermutungen –
schon will jemand die polizei informieren. doch es gibt auch
mässigende stimmen. irgendwann wird er vermisst. er erscheint
nicht mehr zur arbeit und die wohnung macht
einen unbewohnten
eindruck.
letztlich klärt sich vieles überraschend auf, aber ein offenes ende
lässt die zentrale frage über seinen verbleib unserer fantasie
überlassen.
die
geschichte wird aus der perspektive von vielen verschiedenen leuten
erzählt,
von
nachbarn, arbeitskollegen und vorgesetzten, aber auch aus der sicht
seiner aerztin. aus all diesen teilen fügt sich langsam nicht nur das wesen dieses mannes, sondern auch eine art soziogramm dieser
siedlung zu einem bild. mit diesem kreativen ansatz vermag das buch die ganz
besondere spannung bis zum schluss zu halten.
13.04.2026
pier vittorio tondelli: getrennte räume
leo
und thomas verlieben sich ineinander und scheinen wie für einander
geschaffen. weit voneinander weg lebend, beginnen sie eine
komplizierte fernbeziehung. die beiden männer sind sehr verschieden
und haben unterschiedliche ansprüche und vorstellungen. während für
thomas «getrennte räume» diese beziehung erst möglich machen,
wünscht sich leo nichts anderes als im gleichen haus zu leben. nach
drei jahren wiederkehrenden streites und anschliessender versöhnung
trennen sie sich. später ereilt leo die mitteilung von
thomas’ baldigem tod. er liegt
schwer krank im spital. leo fährt hin, sieht thomas ein letztes mal
und bleibt alleine zurück.
die geschichte handelt im ausgehenden 20. jahrhundert -- einer zeit, da es männerbeziehungen oft noch schwer hatten, akzeptiert zu werden. erzählt wird sie aus der perspektive von leo, der sehr unter dem verlust leidet, unendlich trauert und sich mit dem alleine zurückbleiben schwer tut. den ausschweifenden text konnte ich nur sehr langsam lesen um all die emotionen, gedanken, ueberlegungen und handlungen leos ganz zu erfassen. ein sehr emotionaler roman, der trotz der schwere nie larmoyant ist, erfasst dieses drama auf eine psychologische und sehr persönliche weise.