frank
und imelda sind eigentlich das traumpaar in diesem irischen
landstädtchen: imelda, eine der
schönsten jungen frauen am
ort, und der talentierte, draufgängerische, bei allen beliebte
frank, der ein massgeblicher spieler bei der örtlichen
fussballmannschaft ist. kurz
vor der hochzeit stirbt er
jedoch bei einem autounfall.
der vorher immer etwas in seinem schatten stehende bruder dickie wird
nun der ehemann von imelda und führt nach seinem studium in dublin
das erfolgreiche autohaus seines vaters weiter. dass dickie während
seines studiums eine beziehung zu einem mann hatte, bleibt sein
geheimnis. jahre später hat er mit ryzard, einem seiner
angestellten, immer wieder sex, ryzard beginnt ihn zu erpressen. das
geschäft läuft schon einige zeit nicht mehr so gut, und der
heimliche griff in die kasse, um der erpressung nachzukommen, ruft
dickies vater auf den plan, der sein lebenswerk zu retten versucht,
in dem er einen anderen mann
aus der stadt als
geschäftsführer einsetzt. aber dieser
beginnt ein verhältnis mit imelda. immer mehr laufen die geheimnisse
gefahr aufzufliegen und alles läuft am ende des buches auf ein drama
zu
ueber
siebenhundert seiten lässt uns der roman eintauchen ins leben einer
irischen kleinstadt in der moralische wertehaltungen mit dem realen
leben kollidieren. ein unterhaltsamer lesestoff, der sich
streckenweise sehr tiefgründig mit menschlichen beziehungen und
gesellschaftlichem druck befasst. trotz der vielen nebeneinander
herlaufenden handlungen und der zeitsprünge bleibt der text
übersichtlich. spannende kapitel wechseln mit eher ausufernden
passagen zu verschiedenen themen ab, was die spannung etwas verloren
gehen lässt. weshalb etliche kapitel ohne interpunktion auskommen
bleibt unklar, stört aber nicht eigentlich beim lesen. während ich
mir immer weniger vorstellen konnte, wie die geschichte zu einem ende
findet, läuft sie auf ein zwar offenes aber durchaus überraschendes
ende zu und ist faszinierend orchestriert.
steilacotschna
lesen ist das kino mit meinen eigenen bildern
27.07.2026
paul murray: der stich der biene
16.07.2026
marek torčik: was die zeit nicht nimmt
marek, ein stiller, introvertierter junge, lebt mit seiner mutter und seiner
grossmutter in beengten wohnverhältnissen. die mutter hält als
arbeiterin in einer fabrik sich
und die familie über
wasser. daneben kümmert sie sich um ihren dem alkohol verfallenen,
immer wieder gewalttätigen vater. auch ihren sohn bindet sie immer
wieder in die betreuungsarbeit ein. in der schule ist marek, der sich
aus mädchen nichts macht, ein aussenseiter und wird von seinen
mitschülern geplagt, bis marián neu in die klasse kommt. jetzt
richten sich die aggressionen gegen diesen romajungen. langsam
freunden sich marek und marián an, verbringen viel zeit miteinander
und kommen sich sehr nahe. mit dem gelasseneren und erfahrenen marián
fühlt sich mareks leben zum ersten mal frei und gut an.
allein schon die beschreibung der prekären sozialen umstände lohnt das buch zu lesen. darin wird das bild einer verunsicherten und konservativen gesellschaft in der zeit nach dem fall des kommunismus berührend genau gezeichnet. die allgegenwärtigen vorstellungen von männlichkeit sind für die beiden jungen eine
herausforderung. etliche details, vor allem die erlebte
diskriminierung und brutale gewalt sind beim lesen schwer zu
ertragen. mit der genauen beschreibung der personen, der landschaften
und städte bildet der text ein überzeugendes zeugnis einer
realität, von der man sich fragt, wie man sie hat
überstehen können.
der autor erzählt die geschichte aus der erinnerung im wechsel
zwischen gegenwart und vergangenheit und reflektiert dabei in diesem
autobiografischen roman sein eigenes verhalten.
06.07.2026
wolf haas: müll
ein
geordneter recyclingbetrieb – in diesem roman despektierlich
mistplatz genannt – ist der schauplatz der handlung. in einer wanne
wird ein leichenteil gefunden. die eintreffenden polizisten treffen
auf ihren ehemaligen hier arbeitenden kollegen brenner, was die
ermittlungsarbeit aber
nicht
einfacher macht. die suche nach den andern leichenteilen fördert
alles zu tage, einzig das herz bleibt unauffindbar. brenner wähnt
eine organmafia dahinter. unbeschreibliche geschichten und
begegnungen führen zu verschiedenen beschuldigten, verdächtigungen
und sogar weiteren
toten. das ende bringt eine abenteuerliche und unwirkliche
verfolgungsfahrt.
es
ist eine art skurriler krimi mit vielen unerwarteten wendungen.
witzig und bis an die grenze des erträglichen sarkastisch zeichnet
der autor bilder von menschen und ereignissen, die teilweise absurd
bis unmöglich erscheinen: seine
phantasie scheint unlimitiert. zu beginn spannend und unterhaltend
zieht sich der roman aber in die länge. so driften die sich
teilweise wiederholenden personenbeschreibungen immer wieder ins
klischeehafte ab. wichtige erkenntnisse und botschaften zur richtigen abfallentsorgung scheinen immer mal wieder durch, gehen aber in diesem
etwas überladenen text leider verloren.
04.07.2026
ralph tharayil: nimm die alpen weg
die
kindheit der beiden geschwister verläuft zwischen zwei kulturen. die
eltern – eingewandert und in ihrer herkunftskultur verhaftet –
halten ihre werte hoch. die
kinder, die hier zur schule gehen, sehen sich konfrontiert mit dem
leben zwischen den beiden welten. sie befreunden sich mit einem
mitschüler, der von den anderen ausgegrenzt wird. gemeinsam ziehen
sie davon ohne sich abzumelden, werden gesucht und als ein polizist
vor dem zelt steht, endet nicht nur diese unternehmung, sondern auch
das buch.
in
einer art lyrischer prosa wird aus der sicht des einen die geschichte
der geschwister erzählt. in subtilen andeutungen beginnt sich ein
bild des lebens dieser zwei jugendlichen zu entfalten,
die ihren weg suchen müssen und finden. so schön der text ist, so
herausfordernd ist es, ihn zu lesen. spannend, wie zuweilen ein satz
konzentriert ein ganzes bild oder ein ganzes gefühl beschreiben
kann. unsicher, ob ich beim lesen wirklich alles richtig erfasst
habe, hinterlässt der roman bei
mir
eine etwas
seltsame erinnerung.
27.06.2026
daniel speck: jaffa road
der
verschollene grossvater moritz wird tot
in der garage seiner villa in palermo aufgefunden. nina, seine
christliche enkelin aus berlin, und seine jüdische tochter joëlle
aus paris werden
zur testamentseröffnung einbestellt. hier erscheint unerwartet
elias, ein muslimischer palästinenser, der sich als sohn vorstellt.
die beiden frauen misstrauen dem mann, verdächtigen ihn sogar des
mordes. drei verwandte menschen aus drei kulturen und drei religionen
treffen aufeinander und beginnen langsam das geheimnisvolle leben von
moritz zu entdecken. die zunächst schwierige begegnung nimmt ein
zwar offenes aber doch versöhnliches ende.
erzählt
wird die aktuelle geschichte von nina. grosse rückblenden lassen die
ganze lebensgeschichte von moritz, seinen drei familien und den damaligen politischen verhältnissen rund ums mittelmeer gestalt
annehmen: das ende des afrikafeldzugs der deutschen wehrmacht, die
konflikte vor, während und nach der gründung des staates israel und
die aktionen und attentate der plo, werden – verwoben mit den
familiengeschichten – zu einer art unterricht in weltgeschichte,
der den bis heute andauernden konflikt zwischen israelis und
palästinensern zu erklären weiss. die schilderung der menschen,
deren verluste und abhängigkeiten machen das buch zu einer
mitreissenden lektüre, die einen in die verschiedenen kulturen
versinken lässt und von der man nur schwer ablassen kann. trotz der
vielen handelnden personen und wechselnden schauplätzen bleibt das
ganze werk übersichtlich und lässt einen nie die orientierung
verlieren.
18.06.2026
seán hewitt: oeffnet sich der himmel
vom
abgelegenen dorf, in dem der 16-jährige james bei seinen eltern
wohnt, will er einfach nur weg. er hat keine freunde, muss sich oft
um seinen kleinen bruder kümmern und jeden morgen als milchjunge
dazuverdienen. dabei trifft er eines tages auf den ein jahr älteren
luke, der von seinen eltern als disziplinierende massnahme auf dem
hof seines onkels untergebracht wird. james ist fasziniert von luke,
diesem schönen, eigenwilligen und etwas verschlossenen jungen. james
verliebt sich in luke, was sein geheimnis bleibt. er wagt es nicht,
luke seine gefühle mitzuteilen. luke, der nie wirklich freunde hatte
und immer alleine war, wendet sich ihm zu. sie verbringen ein jahr in
gemeinsamer freundschaft, dann wird luke plötzlich wieder von seinem
vater zurückgeholt.
der
stoff dieses romans gäbe alles her um eine kitschige,
cliché-befrachtete
geschichte zu werden. und genau das tut er nicht. meisterhaft und mit
einer gewissen leichtigkeit führt uns der autor durch dieses jahr
zweier unterschiedlicher jungen. die langen und detaillierten
schilderungen von james’ träumen, wünschen, gefühlen und
aengsten sind ohne die realität zu verlassen sehr emotional.
trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erscheint alles so
nachvollziehbar. auch die milieubeschreibungen des englischen
landalltags tragen zur authentizität der handlung bei. eine
durchgehend aufrecht erhaltene spannung führt zu einem schluss von
eigener schönheit, der einen aber etwas fragend zurücklässt.
10.06.2026
marco balzano: bambino
triest
in den 1920er-jahren: als junge erfährt mattia, dass die frau
seines vaters nicht seine mutter ist. das lässt ihn nicht ruhen,
doch sein vater verweigert ihm die erklärung. er gerät in den kreis
der damals erstarkenden schwarzhemden, die versprechen ihm zu helfen
seine mutter zu finden. «bambino» wird er wegen seiner
bartlosigkeit genannt, was ihn antreibt, seine stärke durch brutales
handeln zu zeigen. er entwickelt sich zum stadtbekannten schläger
und mörder, der bis zum ende des krieges ungestraft sein unwesen
treibt. seine opportunistische haltung lässt ihn sich überall
andienen, wo es gerade
passt. erst spät beginnt er seine taten zu reflektieren und bereuen.
als die machtverhältnisse endgültig wechseln, muss er sich unter
fremder identität in den umliegenden bergen verstecken. heimweh
treibt ihn zurück nach triest, wo er erkannt wird. slowenische
partisanen nehmen ihn gefangen und bringen ihn weg. er endet, wie
viele seiner früheren opfer in den tiefen gräben der umliegenden
karstlandschaft.
die
schilderung aus der ungewohnten perspektive des täters macht dieses
buch ganz besonders. zeitweise kaum auszuhalten ist die
streckenweise
häufung von erschiessungen und folter. exemplarisch zeigt der text
auf, wie ein junger, beeinflussbarer mensch manipuliert und zu taten
verleitet werden kann, die er zunächst selbst kaum reflektiert. erst
langsam kommen gefühle und fragen auf. die den hintergrund bildenden
grossen politischen umwälzungen sind auch ohne detaillierte
geschichtskenntnisse gut nachvollziehbar.