03.02.2026

ismail kadare: der anruf

hat der anruf von stalin wirklich stattgefunden? und wie hat boris pasternak auf die frage nach seiner einschätzung des regimekritischen gedichts mandelstams in dieser zeit der unsicherheit und des verrates reagiert? hätte er – weniger zögernd antwortend – das leben mandelstams retten können? oder wäre er je nach antwort selbst in ungnade gefallen? diesen fragen geht der autor nach und stellt die vielen, sich teilweise widersprechenden versionen, die dazu berichtet werden, einander gegenüber ohne zu einer abschliessenden antwort zu kommen.
kadare geht, mit den unwägbarkeiten eines totalitären regimes vertraut, dieser frage nach. so unter­schiedlich die versionen sind, steht bei allen im hintergrund die frage nach dem umgang mit einem unberechenbaren despoten. und als das offizielle albanien sich von der sowjetunion abwendet, unterliegt auch die einschätzung des werks pasternaks einer neuen unsicherheit. analytisch genau werden hier die einschätzungen von allen seiten dargelegt. sie lassen erahnen, wie menschen in unsicherheit und unfreiheit immer wieder vor fragen der loyalität und des ethischen handelns gestellt werden.

23.01.2026

susanne gregor: halbe leben

die erfolgreiche architektin klara und jakob, der fotograf, haben sich ihr leben gerade in einem grossen haus gut eingerichtet, als klaras mutter irene einen schlaganfall erleidet und pflegebedürftig wird. ins pflegeheim will und soll sie nicht. paulina, die aus der slowakei vermittelte krankenschwester, schafft es schnell mit der anspruchsvollen patientin einen guten umgang zu finden. aber nicht nur das, sie wird auch immer mehr ein teil der familie, übernimmt zusätzliche aufgaben im haushalt, die ihr klara und jakob auch grosszügig abgelten. paulina ist alleinerziehend. während ihren abwesenheiten leben ihre beiden halbwüchsigen söhne bei der grossmutter. zerrissen zwischen ihrer arbeit, die ihr ein gutes einkommen ermöglicht und der durch ihre abwesenheit sich ihr immer mehr entfremdenden söhne, stellt sie sich grundsätzliche fragen.
der roman ist ein interessanter beitrag zu der 24-stunden pflege, die meist von osteuropäischen frauen erbracht wird. die vorliegende geschichte ist vielleicht nicht ganz repräsentativ, beleuchtet aber viele facetten solcher einsätze, bei denen es nicht nur um die erledigung der arbeit geht, sondern auch darum, dass plötzlich eine fremde person dauernd innerhalb des gewohnten familienverbandes ist. diesen fragen geht die autorin sehr treffend nach. was als sachbuch daherkommen könnte, ist geschickt in einen roman verpackt. das offene ende lässt einen mit dem thema etwas unschlüssig zurück.

20.01.2026

domenico dara: malinverno

als der friedhofswärter von timpamara, einem fiktiven dorf in kalabrien, verunglückt, wird astolfo malinverno, der halbtags arbeitende gemeindebibliothekar, dazu berufen auch den friedhof zu betreuen. zunächst widerwillig beginnt er dort seine tätigkeit. die auseinandersetzung mit dem tod und die begegnung mit den menschen lassen ihn in seiner arbeit aufgehen, so dass er bald eine gute balance zwischen den beiden tätigkeiten findet. während seiner arbeit trifft er auf viele trauernde hinterbliebene, mit denen er philosophische und tröstende gespräche führt. ein grab zieht seine aufmerksamkeit besonders auf sich. ein unbeschrifteter grabstein mit nur einem foto einer schönen frau zeugt von der toten. in das bild verliebt, kümmert er sich ganz besonders um den ort, bis er eines tages dort eine unbekannte trifft, die dem foto gleicht. dies bringt sein bisher geruhsames und geordnetes leben ziemlich durcheinander.
interessant gezeichnete menschen in aussergewöhlichen lebenssituationen rufen schnell einen starken eindruck hervor und geben der geschichte viel gehalt. vor allem aber ist sie geprägt von der auseinandersetzung mit dem lebensende und dem danach. die einzigartige beschreibung astolfos mit all seinen zweifeln und schwierigkeiten. der wie ein weiser seinen mitmenschen begegnet, lohnt schon alleine, das buch zu lesen. dank der ruhigen erzählart lässt sich entspannt in dieses existenzielle thema eintauchen. und dann findet diese ausführlich erzählte, philosophische geschichte ein überraschendes ende.

12.01.2026

martin prinz: die letzten tage

in den letzten tagen des zweiten weltkrieges steht die rote armee bereits unten im tal. zum volkssturm, dem letzten aufgebot der deutschen, werden alte, kranke und invalide aufgeboten. die örtlichen nazi-mächtingen um den ns-kreisleiter braun installieren ein standgericht, um die bevölkerung, die sich nur noch ein ende des krieges und der schreckensherrschaft wünscht, zu disziplinieren. bereits verleumdungen, üble nachrede oder vermutungen reichen für verhaftungen. so werden viele unschuldige – auch jugendliche – ohne rechtmässiges urteil durch erschiessen oder am galgen umgebracht. ebenso werden minderjährige für die erschiessungskommandos verpflichtet. der willkür fallen in diesen tagen auch menschen zum opfer, mit denen die örtlichen nazi-grössen alte rechnungen offen haben.
der roman entstand auf der basis von archivdokumenten und zeugenberichten. am anfang steht ein kapitel, das die umstände der verurteilung der straftäter vor einem volksgericht zwei jahre nach kriegsende beschreibt. danach folgen die kapitel, die nicht nur verhaftungen und schicksale einzelner opfer dokumentieren, sondern auch den einfachen aber mutigen leuten jener zeit einen platz einräumen. die gesetzlosigkeit und die willkür jener tage macht bewusst, wie schnell ein krieg plötzlich einen einfluss auf das eigene leben, die eigene sicherheit haben kann. in der heutigen wenig stabilen zeit ein eher unheimlicher gedanke, der sorge bereitet.

08.01.2026

joël dicker: ein ungezähmtes tier

die anwältin sophie und der banker arpad machen vordergründig den eindruck eines glücklichen, erfolgreichen paares, das in einer villa in einem nobelvorort von genf lebt. sie freunden sich mit greg und karine, einem anderen ehepaar im ort an. greg – der seinen beruf nicht offenlegen darf, weil er teil einer polizeilichen sondereinheit ist – verfällt dem charme und der erscheinung von sophie. doch diese hat ein geheimnis, über das sie mit niemandem – selbst mit ihrem mann nicht – sprechen kann. ihre vergangenheit liegt ebenso im dunkeln, wie der grund ihres beachtlichen vermögens. aber auch arpad hat eine unklare vergangenheit. und was haben die beiden mit einem ueberfall auf ein juweliergeschäft zu tun?
das buch beginnt mit einer kurzen beschreibung des ueberfalls. danach läuft die geschichte geschickt über die letzten zwanzig tage auf dieses ereignis zu. die teils abenteuerlichen handlungen und schwierigen beziehungen wirken nie unrealistisch. emotionen, krisen, dramatische momente, leidenschaft und neid sind die zutaten zu diesem komplexen, aber übersichtlich konstruierten krimi, der einen auf einzigartige weise in den bann zieht. die eher karge beschreibung der personen lässt einen sich mehr auf deren gedanken und agieren konzentrieren. ohne dass es an sprachlicher qualität mangelte, ist der krimi ein pageturner erster güte.

05.01.2026

nelio biedermann: lázár

zu beginn des 20. jahrhunderts wird lajos geboren. das kind ist seinem vater, dem baron sándor lázár, irgendwie unheimlich: er wird nie einen wirklichen zugang zu ihm finden. der erste weltkrieg mit dem untergang der donaumonarchie hat für die ungarische adelsfamilie folgen. traditionen verschwinden und die sich anbahnende veränderung der machtverhältnisse bringen unsicherheit ins haus. in dieser schwierigen zeit tritt lajos als junger erwachsener das erbe an und schafft es zunächst auch, den glanz der früheren zeit wieder ein wenig aufleben zu lassen. doch mit der besatzung der deutschen wehrmacht im zweiten weltkrieg sieht sich lajos herausforderungen gegenüber, die ihn zum mittäter bei der verfolgung der juden machen. pista und eva, seine kinder, erleben als nächste generation die zeit des kommunismus, der ihnen enteignung, armut und unterdrückung bringt. nach dem ungarnaufstand 1956 sind sie noch mehr der gefahr ausgesetzt, verhaftet zu werden. sie entscheiden sich, das land zu verlassen.
ein spannendes und ergreifendes buch, das einen beim lesen aus einer ganz besonderen perspektive in ein stück weltgeschichte tauchen lässt. die zu beginn eher etwas träumende sprache mit teils überlangen sätzen verändert sich beinahe unbemerkt parallel zum zeitlauf in eine immer modernere, kargere form und bringt damit dem text eine andere dynamik. der roman vermittelt damit oft etwas exemplarisches. lázár gehört zu den büchern, bei denen man gegen schluss immer langsamer liest, weil man das ende noch etwa herauszögern will.

27.12.2025

paul bermond: 75902

1944 wird paul bermond, damals 18 jahre alt, mit weiteren mitschülern von der miliz verhaftet, ins konzentrationslager dachau verschickt und dort als häftling 75902 registriert. er erlebt das grauen des lagerlebens: unmenschliche qualen, arbeitseinsätze bis zur erschöpfung, schläge; kälte und hunger beherrschen den alltag. als begabter zeichner dokumentiert er – trotz der gefahr, entdeckt zu werden – den lageralltag. die solidarität untereinander, die hoffnung auf den sieg der alliierten und das ende des krieges lässt die häftlinge durchhalten, bis ihnen auf einem transport die flucht gelingt.
mit einfachen, klaren worten schildert paul bermond seine damaligen erlebnisse. die schlichten beschreibungen liegen im französischen original und in der deutschen uebersetzung vor. sie vermitteln das erlebte auf eine eindrücklich persönliche weise, deren wirkung man sich nicht entziehen kann. die zeichnungen ergänzen die texte und lassen ein unvergessliches bild entstehen. die ausserordentlich schöne gestaltung des buches kontrastiert dessen inhalt.