08.10.2026

eveline hasler: tells tochter

julie bondeli, tochter einer berner patrizierfamilie, fällt schon früh durch ihre wissbegierde und intelligenz auf. ihr vater lässt ihr eine gute ausbildung mit privaten lehrern zukommen. höhere bildung – zu der zeit für mädchen völlig unüblich – wird von der gesellschaft kritisch beäugt. als junge frau entzieht sie sich den verheiratungsabsichten ihrer eltern, gründet einen literarischen salon, setzt sich für frauenrechte ein und ist demokratischen veränderungen zugetan. sie korrespondiert mit rousseau und voltaire, die damals wegen ihrer fortschrittlichen revolutionären ideen aus bern verbannt sind. finanzielle sorgen nach dem tod ihrer bereits verwitweten mutter zwingen sie, sich von ihrem geliebten landgut zu trennen um schulden zu bezahlen. die letzten zehn lebensjahre, die sie als glücklich und befreit beschreibt, verbringt sie in einer befreundeten familie in neuenburg.
das buch zeigt die damalige rolle der frau, aber noch viel mehr ist es eine eindrückliche beschreibung der verhältnisse und machenschaften des berner patriziats zur zeit seiner grössten machtfülle. arrangierte hochzeiten, zu denen die jungen leute wenig zu sagen hatten, waren eine gängige methode reichtum und einfluss zu bewahren oder zu erweitern. spannend beschrieben, wie sich julie in diesem umfeld selbstbewusst behauptet, erscheint die handlung jedoch zeitweise etwas unwirklich. doch vermittelt der roman auf seine eigene weise ein stück schweizer geschichte, die mir weitgehend unbekannt war.

02.10.2026

liviu rebreanu: der wald der gehenkten

ein deserteur der oesterreichisch-ungarischen armee wird während des ersten weltkrieges an der russischen front zum tod verurteilt. den sehr religiös erzogenen leutnant apostol bologa, der auf befehl unfreiwillig mitglied des kriegsgerichts ist, belastet dieses urteil schwer. als später rumänien der donaumonarchie den krieg erklärt, wird die einheit bologas an diese front verlegt. unerwartet sieht er sich so der tatsache gegenüber, als ethnischer rumäne gegen seine eigenen landleute kämpfen zu müssen. auch er denkt ans desertieren. der ihm gewährte heimaturlaub schenkt ihm einen aufschub. er sieht seine mutter wieder und verliebt sich in ilona, die tochter des totengräbers. doch dann wird er angeklagt, selbst seine desertation geplant zu haben. er wird abgeholt und vor das gleiche kriegsgericht gestellt, dem er selbst angehört hat. in der verhandlung verteidigt er sich nicht, verliert alles und nimmt sein urteil letztlich ruhig im vertrauen auf gott an.
mit dieser kriegsgeschichte beschreibt der autor, in welch schwierige lage dieser leutnant kommt. der vielvölkerstaat, der keine rücksicht auf die befindlichkeit der ethnischen minderheiten nimmt, die komplizierte liebe über soziale schichten hinweg und die moralischen wertehaltungen jener zeit prallen aufeinander, was den hauptprotagonisten in eine ihn beinahe zerreissende lage bringt. viele seiner philosophischen und ethischen gedanken sind noch heute brisant. fremdbestimmtheit, macht und unterordnung sind die zentralen themen des vor mehr als hundert jahren geschrieben romans. er ist nicht ganz einfach zu lesen aber noch immer aktuell.

26.09.2026

kati naumann: wo wir kinder waren

vor dem ersten weltkrieg beginnt albert langbein mit der herstellung von puppen. aus den anfängen wird eine florierende spielzeugfabrik, die alle stürme der zeit übersteht. in der ddr wird sie verstaatlicht und nach dem mauerfall zwingt die wirtschaftliche situation die einstellung des betriebs. jan, iris und eva – die jüngste generation – räumt das alte, mittlerweile leerstehende wohnhaus der familie. jeden tag nehmen sie sich ein zimmer vor und finden gegenstände, die von den vergangen zeiten zeugen und sie an ihre gemeinsamen kindheitserlebnisse erinnern. bald wird klar, dass die grossmutter flora mit ihrer toleranten und pragmatischen haltung über viele jahre das zentrum und die seele des ganzen familienverbandes war. eine sich über fast ein jahrhundert hinziehende geschichte tut sich auf, die beinahe in einem erbenstreit endet.
das leben von vier generationen dieser fabrikantenfamilie, die mehrmals alles verloren hat, wird in diesem roman erzählt und zeugt damit von der deutschen industriegeschichte der 20. jahrhunderts. vertieft wie selten erfahren wir von der herausforderungen der planwirtschaft in der ddr, während die schwere zeit des nationalsozialismus im buch eher weniger gewicht hat. bildhaft beschreibt die autorin starke personen, die trotz aller schwierigkeiten an die fabrik, die selbständigkeit und die unabhängigkeit glauben. die komplexe handlung mit vielen personen bleibt angenehm übersichtlich und liest sich leicht und flüssig. schön sind die begegnungen der drei jungen leute, die sich in kindheitserinnerungen verlieren und sich den innerfamiliären konflikten entgegenstellen. das buch endet mit der perspektive auf einen neuanfang, was etwas hoffnung aufkommen lässt.

16.09.2026

raffaella romagnolo: das flirren der dinge

der auf einem auge fast blinde antonio lebt im waisenhaus. unter all den kindern wählt alessandro, der fotograf, ihn als lehrling aus. schnell lernt dieser mit den chemikalien umzugehen und als er seine ersten fotografien selbst macht, erscheinen vor seinem schlechten auge bildfragmente, aus denen er zukünftige ereignisse erahnen kann. in den unruhigen zeiten des politischen umbruchs in italien gibt es viel zu fotografieren. dabei trifft er im tumult einer demonstration auf caterina, eine junge hebamme. sie werden ein paar und erleben gemeinsam die politischen verwerfungen, aber auch viele persönliche schicksale.
der komplex geschriebene text gestaltet den einstieg etwas schwierig, erst nach etwa fünfzig seiten beginnt die handlung verständlich zu werden. die zeit der einigung italiens, das risorgimento, bildet den spannenden hintergrund vor dieser lebensgeschichte. emotionsreiche kapitel wechseln mit solchen ab, die mich weniger berührten. die fähigkeit antonios, die zukunft zu erahnen und die bodenständigen einschätzungen der hebamme in krisensituationen werden zu einem interessanten kontrast.

28.08.2026

matteo beltrami; mein name war 125

piero wird als uneheliches kind in den 1950er jahren seiner mutter weggenommen und in ein erziehungsheim gebracht. in dem von nonnen geführten haus herrschen unsägliche zustände. den kindern wird der name genommen, sie erhalten eine nummer und werden nur mit dieser angesprochen. sie sind körperlicher und psychischer gewalt als auch missbrauch ausgesetzt, werden nur schlecht ernährt, erfahren weder liebe noch zuwendung und werden nicht gefördert. piero erlebt fünf schreckliche jahre, bis er zufällig einem pater begegnet, der sich seiner annimmt und ihn ins kloster bringt. dort beginnt für ihn ein neues leben mit einer perspektive, die er längst verloren glaubte.
dieses zeugnis einer gestohlenen kindheit wird von pieros sohn erzählt. nur die innere emigration helfen piero, die dauernde verunsicherung und das unsägliche leiden zu ertragen. er entwickelt eine kraft und ein durchhaltevermögen, die ihn diese schwere zeit überstehen lassen. der blick auf die situation dieser kinder lässt einen schockiert und fassungslos zurück. das buch ist ein weiterer wichtiger beitrag zur aufarbeitung der unrühmlichen geschichte der fürsorgerischen zwangsmassnahmen, die in der schweiz bis in die 1980er-jahre eine grausame realität waren.

21.08.2026

alan hollinghurst: unsere abende

david win, sohn einer englischen mutter und eines burmesischen vaters, erhält von der hadlow-familienstiftung ein stipendium. um ihn kennen zu lernen, laden die mäzenaten david auf ein wochenende zu sich ein. mit ihrem ungefähr gleichaltrigen sohn gilles wird david das eliteinternat besuchen. wirklich freunde werden sie nicht. schon früh wird davids talent bei aufführungen des schultheaters sichtbar, als schauspieler wird er erfolgreich, ist jedoch wegen seiner dunklen haut und seiner homosexualität immer wieder vorurteilen und diskriminierungen ausgesetzt. gilles wird ein opportunistischer, den brexit befürwortender politiker. die wege der beiden kreuzen sich immer wieder, unterschiedliche wertehaltungen lassen ihre begegnungen aber kühl und oberflächlich bleiben. erst spät findet david eine glückliche und starke liebesbeziehung.
das leben und der soziale aufstieg davids bilden den roten faden dieses romans, der uns den alltag in englands unterschiedlichen gesellschaftsschichten nahe bringt. allein schon die emotionale und einfühlsame beschreibung der gefühlslage davids lohnt die lektüre. treffend, beinahe amüsant sind die szenen, in denen er sich zum ersten mal im umfeld einer ganz anderen gesellschaftsschicht zu bewegen lernt. prägnante beschreibungen der einzelnen menschen und orte lassen beim lesen faszinierende bilder auferstehen. immer wieder überraschende humorvolle bis sarkastische vergleiche bringen einen immer wieder zum lachen. trotz der relativ vielen handelnden personen und nebenschauplätze geht der ueberblick nie verloren. ich habe dieses berührende, sprachlich schöne buch, das sich über mehr als 600 seiten erstreckt, nur schwer weglegen können.

13.08.2026

lukas hartmann: der sänger

mit der machtergreifung der nationalsozialisten geht die karriere des berühmten und beliebten sängers joseph schmidt in deutschland abrupt zu ende. als jude darf er nicht mehr auftreten, seine lieder werden im radio nicht mehr gespielt. ueber oesterreich und belgien gelangt er nach südfrankreich. seine ueberfahrt nach kuba scheitert, es bleibt ihm nur die flucht in die schweiz, wo er krank und geschwächt ankommt. wegen seines schlechten gesundheitszustandes wird er ins spital gebracht, wo er jedoch nur unzureichend behandelt und entlassen wird. kurze zeit später stirbt er im internierungslager.
dieser biografische roman berichtet nicht nur von einer der vielen sich gleichenden flüchtlingsgeschichten während des zweiten weltkrieges, sondern zeichnet auch ein bild der persönlichkeit dieses begabten und verehrten sängers. die härte der offiziellen flüchtlingspolitik, das menschliche handeln und die dilemmas einzelner akteure bilden einen bewegenden hintergrund. viele details illustrieren die geschichte ohne sie zu überladen. trotz der schwere des themas ist dieses buch – was erstaunt – unterhaltsam und leicht zu lesen.