28.02.2026

jiři weil: leben mit dem stern

als durch den autoritären staat verfolgter erlebt josef roubiček auf sich allein gestellt eine schwierige zeit. die rechte der ausgegrenzten werden immer mehr beschnitten und zunehmend werden sie zum abtransport in den osten aufgeboten. auch roubiček erwartet den befehl, sich bei der sammelstelle einfinden zu müssen. er träumt immer wieder von seiner freundin růžena, die nicht mehr hier ist. ab einem bestimmten tag werden die geächteten durch das tragen eines sternes auch äusserlich erkennbar gemacht. immer weniger ist ihnen erlaubt, täglich erfolgen neue bekanntmachungen, die die bewegungsfreiheit weiter einschränken. als freunde ihm anbieten, ihn zu verstecken, tut sich eine weite und komplizierte ethische frage auf. denn wenn er nicht zum transport antritt, wird jemand anders an seiner stelle gehen müssen. und wenn er entdeckt wird, wartet nicht nur auf ihn die todesstrafe sondern auch auf seine beschützer.
ohne sie zu nennen beschreibt der roman das schicksal der juden unter den nationalsozialisten. roubiček steht stellvertretend für die vielen verfolgten und entrechteten, deren gedankengänge, aengste und zweifel, aber auch deren mut und hoffnung. als jemand, der kaum etwas besitzt, erlebt der hauptprotagonist eine gewisse freiheit, weil ihm kaum etwas genommen werden kann. sein verantwortungsbewusstsein anderen gegenüber und seine philosophischen gedankengänge sind zentrale momente dieses buches. deutlich werden die absurden staatlichen massnahmen karikiert und damit aufgezeigt, dass es immer wieder möglich wird, grundlos menschen aufgrund ihrer zugehörigkeit zu einer gruppe auszugrenzen. die persönliche perspektive eines einzelnen verschafft dem text trotz des schweren themas eine angenehme ruhe. das 1949 erschienene werk hat nichts an aktualität verloren.

18.02.2026

pajtim statovci: bolla

arsim ist albaner, verheiratet und wird gerade zum ersten mal vater, miloš ist serbe, der in pristina medizin studiert. als arsim miloš zum ersten mal sieht, folgt er ihm von seiner erscheinung fasziniert und setzt sich im café zu ihm. schnell ist alles klar, die faszination ist gegenseitig: die beiden werden ein paar. eine schwierige konstellation in dieser konservativen gesellschaft, die zudem mit den ressentiments zwischen den volksgruppen belastet ist. so verbringen sie 1995 – verborgen vor der oeffentlichkeit – eine intensive gemeinsame zeit. wegen des aufkommenden balkankriegs verlässt arsims familie das land, für die beiden männer bedeutet dies eine trennung. der zurückgelassene miloš findet sich in der serbischen armee wieder, wo er die grauen des krieges erleben muss. zehn jahre später kehrt arsim nach pristina zurück und erfährt, dass miloš in einer psychiatrischen klinik ist. er fährt hin, um ihn dort herauszuholen, in der hoffnung, alles werde wieder wie es einmal war. aber miloš ist durch seine schrecklichen kriegserlebnisse nur noch ein schatten seiner selbst, eine gebrochene und zerstörte existenz.
das buch ist von beeindruckender emotionalität. im zentrum der handlung stehen zwei besondere protagonisten mit ihrer liebe, ihren hoffnungen, aber auch mit ihren zweifeln, ihrem scheitern und zerbrechen. eindringlich zeigt die traurige geschichte auf, was die grauen des krieges mit menschen macht. wünsche und träume werden zerstört, nichts bleibt wie es ist, zu nichts kann wieder zurückgekehrt werden. dagegen steht die sorgfältige subtile schilderung der liebe und des verlangens der beiden. einen besonderen zugang zu den gedanken und gefühlen der beiden männer erlaubt die jeweils wechselnde persönliche perspektive. das offene ende des romans macht betroffen und lässt irgendwie wenig hoffnung aufkommen. noch tage danach beschäftigt mich diese geschichte.  

16.02.2026

terézia mora: muna oder die hälfte des lebens

muna, eine sehr attraktive junge frau, lernt kurz vor ihrem schulabschluss magnus kennen. sie verliebt sich in den ein paar jahre älteren, rätselhaften mann. seine kaum zugängliche verschlossenheit deutet sie als schüchternheit. sie verbringt eine nacht mit ihm, kurz darauf fällt die innerdeutsche mauer: magnus verschwindet ohne erklärung. als sie sich einige jahre später zufällig wieder treffen, werden sie ein paar. muna liebt magnus, ob magnus muna liebt, wird nicht ganz klar. ihm ist seine karriere wichtig. mehrmals zieht er deshalb in eine andere stadt um. sie folgt ihm und richtet ihr leben weitgehend nach seinem. in einer auseinandersetzung schlägt er sie. nach seiner entschuldigung versöhnen sie sich wieder im bett. weitere gewalt folgt, sie kommt von ihm nicht los, bis er sie verlässt. doch damit ist das drama bei weitem noch nicht am ende.
ein roman über projektion, abhängigkeit und gewalt in einer beziehung. fern der realität und getrieben von der eigenen verliebtheit, lebt muna, voller selbstzweifel und bis zur selbstaufgabe nicht mehr ihr eigenes leben. treffend beschrieben ist ihre gefühlslage, von seiner erfährt man wenig. dies alles reichte eigentlich als substanz der geschichte, aber mit den vielen beschreibungen der beruflichen situationen der beiden, deren akademischen hintergründe und den vielen anderen nebenschauplätzen wirkt das ganze etwas zäh und lenkt vom zentralen thema immer wieder ab.

08.02.2026

wolf haas: wackelkontakt

in der küche des trauerredners escher ist die steckdose defekt. während er auf den für die reparatur bestellten elektriker wartet, liest er in seinem buch über elio, den sohn aus einer familie der `ndrangheta. dieser hat als kronzeuge viele seiner verwandten der justiz ausgeliefert und wartet nun im gefängnis auf die entlassung in ein zeugenschutzprogramm. in der zelle liest elio in seinem buch die geschichte von escher und dem elektriker. so werden die beiden schauplätze abwechselnd erzählt: immer wieder greifen elio oder escher jeweils zu ihrem buch. die beiden handlungen laufen zunächst unerwartet, dann immer offensichtlicher aufeinander zu und enden überraschend.
einzigartig ist die geniale verzahnung der beiden handlungsstränge, die mit viel phantasie einander entgegen geführt werden. die beim lesen zunächst nur vage ahnung der zusammenhänge wird immer konkreter. ueberraschende wendungen, witzige sprache und treffend bildhaft beschriebene charaktere sind weitere stärken dieses buches. escher, als name eines der hauptprotagonisten, dürfte nicht zufällig gewählt sein, erinnert doch die konstruktion des textes an die bilder des niederländischen zeichners m.c. escher in denen raum und perspektive wie aufgehoben erscheinen. der klare und übersichtliche anfang führt schnell mitten ins geschehen, das einen bis zum schluss nicht mehr loslässt.

03.02.2026

ismail kadare: der anruf

hat der anruf von stalin wirklich stattgefunden? und wie hat boris pasternak auf die frage nach seiner einschätzung des regimekritischen gedichts mandelstams in dieser zeit der unsicherheit und des verrates reagiert? hätte er – weniger zögernd antwortend – das leben mandelstams retten können? oder wäre er je nach antwort selbst in ungnade gefallen? diesen fragen geht der autor nach und stellt die vielen, sich teilweise widersprechenden versionen, die dazu berichtet werden, einander gegenüber ohne zu einer abschliessenden antwort zu kommen.
kadare geht, mit den unwägbarkeiten eines totalitären regimes vertraut, dieser frage nach. so unter­schiedlich die versionen sind, steht bei allen im hintergrund die frage nach dem umgang mit einem unberechenbaren despoten. und als das offizielle albanien sich von der sowjetunion abwendet, unterliegt auch die einschätzung des werks pasternaks einer neuen unsicherheit. analytisch genau werden hier die einschätzungen von allen seiten dargelegt. sie lassen erahnen, wie menschen in unsicherheit und unfreiheit immer wieder vor fragen der loyalität und des ethischen handelns gestellt werden.

23.01.2026

susanne gregor: halbe leben

die erfolgreiche architektin klara und jakob, der fotograf, haben sich ihr leben gerade in einem grossen haus gut eingerichtet, als klaras mutter irene einen schlaganfall erleidet und pflegebedürftig wird. ins pflegeheim will und soll sie nicht. paulina, die aus der slowakei vermittelte krankenschwester, schafft es schnell mit der anspruchsvollen patientin einen guten umgang zu finden. aber nicht nur das, sie wird auch immer mehr ein teil der familie, übernimmt zusätzliche aufgaben im haushalt, die ihr klara und jakob auch grosszügig abgelten. paulina ist alleinerziehend. während ihren abwesenheiten leben ihre beiden halbwüchsigen söhne bei der grossmutter. zerrissen zwischen ihrer arbeit, die ihr ein gutes einkommen ermöglicht und der durch ihre abwesenheit sich ihr immer mehr entfremdenden söhne, stellt sie sich grundsätzliche fragen.
der roman ist ein interessanter beitrag zu der 24-stunden pflege, die meist von osteuropäischen frauen erbracht wird. die vorliegende geschichte ist vielleicht nicht ganz repräsentativ, beleuchtet aber viele facetten solcher einsätze, bei denen es nicht nur um die erledigung der arbeit geht, sondern auch darum, dass plötzlich eine fremde person dauernd innerhalb des gewohnten familienverbandes ist. diesen fragen geht die autorin sehr treffend nach. was als sachbuch daherkommen könnte, ist geschickt in einen roman verpackt. das offene ende lässt einen mit dem thema etwas unschlüssig zurück.

20.01.2026

domenico dara: malinverno

als der friedhofswärter von timpamara, einem fiktiven dorf in kalabrien, verunglückt, wird astolfo malinverno, der halbtags arbeitende gemeindebibliothekar, dazu berufen auch den friedhof zu betreuen. zunächst widerwillig beginnt er dort seine tätigkeit. die auseinandersetzung mit dem tod und die begegnung mit den menschen lassen ihn in seiner arbeit aufgehen, so dass er bald eine gute balance zwischen den beiden tätigkeiten findet. während seiner arbeit trifft er auf viele trauernde hinterbliebene, mit denen er philosophische und tröstende gespräche führt. ein grab zieht seine aufmerksamkeit besonders auf sich. ein unbeschrifteter grabstein mit nur einem foto einer schönen frau zeugt von der toten. in das bild verliebt, kümmert er sich ganz besonders um den ort, bis er eines tages dort eine unbekannte trifft, die dem foto gleicht. dies bringt sein bisher geruhsames und geordnetes leben ziemlich durcheinander.
interessant gezeichnete menschen in aussergewöhlichen lebenssituationen rufen schnell einen starken eindruck hervor und geben der geschichte viel gehalt. vor allem aber ist sie geprägt von der auseinandersetzung mit dem lebensende und dem danach. die einzigartige beschreibung astolfos mit all seinen zweifeln und schwierigkeiten. der wie ein weiser seinen mitmenschen begegnet, lohnt schon alleine, das buch zu lesen. dank der ruhigen erzählart lässt sich entspannt in dieses existenzielle thema eintauchen. und dann findet diese ausführlich erzählte, philosophische geschichte ein überraschendes ende.