27.06.2026

daniel speck: jaffa road

der verschollene grossvater moritz wird tot in der garage seiner villa in palermo aufgefunden. nina, seine christliche enkelin aus berlin, und seine jüdische tochter joëlle aus paris werden zur testamentseröffnung einbestellt. hier erscheint unerwartet elias, ein muslimischer palästinenser, der sich als sohn vorstellt. die beiden frauen misstrauen dem mann, verdächtigen ihn sogar des mordes. drei verwandte menschen aus drei kulturen und drei religionen treffen aufeinander und beginnen langsam das geheimnisvolle leben von moritz zu entdecken. die zunächst schwierige begegnung nimmt ein zwar offenes aber doch ver­söhnliches ende.
erzählt wird die aktuelle geschichte von nina. grosse rückblenden lassen die ganze lebensgeschichte von moritz, seinen drei familien und der damaligen politischen verhältnisse rund ums mittelmeer gestalt annehmen: das ende des afrikafeldzugs der deutschen wehrmacht, die konflikte vor, während und nach der gründung des staates israel und die aktionen und attentate der plo, werden – verwoben mit den familiengeschichten – zu einer art unterricht in weltgeschichte, der den bis heute andauernden konflikt zwischen israelis und palästinensern zu erklären weiss. die schilderung der menschen, deren verluste und abhängigkeiten machen das buch zu einer mitreissenden lektüre, die einen in die verschiedenen kulturen versinken lässt und von der man nur schwer ablassen kann. trotz der vielen handelnden personen und wechselnden schauplätzen bleibt das ganze werk übersichtlich und lässt einen nie die orientierung verlieren.

18.06.2026

seán hewitt: oeffnet sich der himmel

vom abgelegenen dorf, in dem der 16-jährige james bei seinen eltern wohnt, will er einfach nur weg. er hat keine freunde, muss sich oft um seinen kleinen bruder kümmern und jeden morgen als milchjunge dazuverdienen. dabei trifft er eines tages auf den ein jahr älteren luke, der von seinen eltern als disziplinierende massnahme auf dem hof seines onkels untergebracht wird. james ist fasziniert von luke, diesem schönen, eigenwilligen und etwas verschlossenen jungen. james verliebt sich in luke, was sein geheimnis bleibt. er wagt es nicht, luke seine gefühle mitzuteilen. luke, der nie wirklich freunde hatte und immer alleine war, wendet sich ihm zu. sie verbringen ein jahr in gemeinsamer freundschaft, dann wird luke plötzlich wieder von seinem vater zurückgeholt.
der stoff dieses romans gäbe alles her um eine kitschige, cliché-befrachtete geschichte zu werden. und genau das tut er nicht. meisterhaft und mit einer gewissen leichtigkeit führt uns der autor durch dieses jahr zweier unterschiedlicher jungen. die langen und detaillierten schilderungen von james’ träumen, wünschen, gefühlen und aengsten sind ohne die realität zu verlassen sehr emotional. trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erscheint alles so nachvollziehbar. auch die milieubeschreibungen des englischen landalltags tragen zur authentizität der handlung bei. eine durchgehend aufrecht erhaltene spannung führt zu einem schluss von eigener schönheit, der einen aber etwas fragend zurücklässt.

10.06.2026

marco balzano: bambino

triest in den 1920er-jahren: als junge erfährt mattia, dass die frau seines vaters nicht seine mutter ist. das lässt ihn nicht ruhen, doch sein vater verweigert ihm die erklärung. er gerät in den kreis der damals erstarkenden schwarzhemden, die versprechen ihm zu helfen seine mutter zu finden. «bambino» wird er wegen seiner bartlosigkeit genannt, was ihn antreibt, seine stärke durch brutales handeln zu zeigen. er entwickelt sich zum stadtbekannten schläger und mörder, der bis zum ende des krieges ungestraft sein unwesen treibt. seine opportunistische haltung lässt ihn sich überall andienen, wo es gerade passt. erst spät beginnt er seine taten zu reflektieren und bereuen. als die machtverhältnisse endgültig wechseln, muss er sich unter fremder identität in den umliegenden bergen verstecken. heimweh treibt ihn zurück nach triest, wo er erkannt wird. slowenische partisanen nehmen ihn gefangen und bringen ihn weg. er endet, wie viele seiner früheren opfer in den tiefen gräben der umliegenden karstlandschaft.
die schilderung aus der ungewohnten perspektive des täters macht dieses buch ganz besonders. zeitweise kaum auszuhalten ist die streckenweise häufung von erschiessungen und folter. exemplarisch zeigt der text auf, wie ein junger, beeinflussbarer mensch manipuliert und zu taten verleitet werden kann, die er zunächst selbst kaum reflektiert. erst langsam kommen gefühle und fragen auf. die den hintergrund bildenden grossen politischen umwälzungen sind auch ohne detaillierte geschichtskenntnisse gut nachvollziehbar.

07.06.2026

eni yousuf: nach oben und von dort über die dächer

mit neun jahren wird er von den taliban in ein kinderarbeitslager verschleppt, wo er teppiche knüpfen muss. als jugendlicher wird er später gezwungen in einem kohlebergwerk unter schlimmsten bedingungen zu arbeiten. hunger und schläge von wachleuten bestimmen seinen alltag. schliesslich gelingt ihm die flucht. unterwegs trifft er auf hilfsbereite menschen, aber auch auf solche, die ihn ausnutzen oder betrügen. dauernde unsicherheit, die sich immer wieder stellende frage, wem er vertrauen und auf wen er sich verlassen kann, begleitet ihn. es ist schwierig immer neuen herausforderungen gegenüber zu stehen. unter vielen entbehrungen gelangt er endlich auf abenteuerlichen wegen in die schweiz, wo die unsicherheit im asylverfahren ihn weiter belastet. aber er schafft es dank eigener disziplin und harter arbeit sich hier ein neues leben in freiheit und sicherheit aufzubauen.
dieses sehr berührende lebenszeugnis zeigt, warum menschen die unwägbarkeiten und gefahren einer flucht auf sich nehmen. sehr persönlich und unverstellt berichtet der autor von seinen gefühlen und gedanken, von seinen anstrengungen, misserfolgen und erfolgen. eni yousuf schreibt zum schluss, er habe nicht alles aufschreiben können, weil vieles zu grausam war. dieses buch ist ein wichtiger beitrag zu den in diesem land dauernd geführten diskussionen, in denen asylbewerbende immer nur objekte sind. zudem wirft es einen blick auf die ungerechtigkeiten und nöte, denen menschen unverschuldet ausgesetzt sind. dieses sehr persönliche buch ist harte kost, die mir beim lesen tränen in die augen getrieben hat. einfach danke für dieses wichtige zeugnis.

05.06.2026

arno geiger: reise nach laredo

kaiser karl ist des regierens müde, dankt ab und zieht sich in das kloster yuste zurück. aber er findet nicht wirklich die ruhe und selbstbestimmtheit, die er sich wünscht. seine begleiter vom damaligen hof, sein leibarzt und andere akteure vergraulen ihm das leben. als er den auf der klostermauer sitzenden geronimo erblickt, sieht er seine chance zur flucht. mit dem unbekannten jungen macht er sich auf die reise nach laredo. unterwegs erleben sie viel schwieriges. sie begegnen menschen, die ihnen nicht alle gewogen sind. zeitweise geraten sie in lebensgefahr, aber immer wieder entkommen sie. zum schluss erreichen sie das ziel nach vielen mühen und entbehrungen.
die historische tatsache ist einzig kaiser karl v., seine abdankung und sein anschliessender aufenthalt im kloster yuste. der rest ist eine fantasiereiche, bildhaft erzählte fiktion. berührende liebevolle, aber auch schlimme momente der gewalt kontrastieren das harte leben im mittelalter. karl, der sein inkognito erfolgreich erlebt, wird mit dem leben des armen und einfachen volkes konfrontiert. als ein weiser und bescheidener mann mit dem herz am richtigen fleck und einem grossen gerechtigkeitssinn zeigt aber auch schwächen, die ihn sympathisch machen. diese geschichte zeugt von einer hohen erzählkunst und ist trotz all der schrecklichen begebenheiten schön zu lesen.

30.05.2026

monika zeiner: villa sternbald oder die unschärfe der jahre

nikolas kehrt nach vielen jahren der abwesenheit für ein wochenende zurück ins elternhaus, die villa sternbald. hier lebt seine familie, die in fünfter generation eine schul- und büromöbelfabrik besitzt. sebastian, sein bruder wird als nächster die firma übernehmen, nikolas bleibt der aussenseiter. aus verschiedenen gründen zieht sich sein aufenthalt bis zu mehreren monaten in die länge. auch trifft er auf seine frühere freundin katharina, die in ihm wieder verunsichernde gefühle auslöst. durch beobachtungen in diesem komplizierten familienbiotop und in gesprächen mit früheren freunden, beginnt er sich mit der geschichte der familie und ihrer firma zu beschäftigen und stösst dabei auf ereignisse in der jüngeren vergangenheit. er beginnt fragen zu stellen und in archiven nachzuforschen. dabei stösst er auf die dunkle firmengeschichte und die nsdap-mitgliedschaft seines grossvaters. innerhalb der familie liegt ein mantel des schweigens über dieser zeit. alle versuche nikolas darüber zu sprechen werden verunmöglicht.
aus der perspektive von nikolas führt der roman in zeitsprüngen zwischen aktuellen und retrospektiven kapiteln durch all die jahre. das buch beschäftigt sich mit einem thema, über das in vielen deutschen familien schweigen herrscht: die zeit des dritten reiches und der eigenen rollen im nationalsozialismus. auch wenn der roman sich manchmal etwas in details verlierend hinzieht, hilft der einen einzigartigen lesefluss erzeugende text zumindest eine gewisse spannung aufrecht zu erhalten. stark sind die differenziert beschriebenen charaktere der einzelnen familienmitglieder, die ein klares bild erzeugen. besonders schön sind die beschreibungen der erinnerungen nikolas’ an seine kindheit und der damaligen – oft erst später verstandenen – sicht auf die dinge. das buch ist ein wichtiger beitrag zu dem thema des verschweigens dieser schwierigen zeit.

17.05.2026

aline valangin: das dorf an der grenze

unmittelbar an der grenze zu italien liegt der ort der handlung. als der krieg ausbricht, erscheinen die ersten flüchtlinge, denen sich die dorfbevölkerung entgegen der vorgaben der regierung annimmt. auf dem ausserhalb des dorfes liegenden hof bargada lebt die unverheiratete zoe mit tochter und mutter. ein frauenhaushalt, der unter kritischer beobachtung der leute im dorf steht. hier finden die immer mehr auftauchenden schmuggler unterschlupf, hier wird vor allem reis, ihr wichtigstes gut weiterverkauft. gegen ende des krieges kommen immer mehr menschen über die grenze, die die solidarität und das zusammenleben im dorf auf eine harte probe stellen.
der roman zeigt wie die solidarität einer dorfgemeinschaft nicht nur durch äussere umstände, sondern auch durch eigene moralvorstellungen belastet wird. in einer zeit, in der viele männer wegen des krieges in der armee sind, verändert sich die rolle der frauen. treffend und fesselnd bearbeitet sind beziehungen, liebschaften und unerfüllte erwartungen, wie auch der frauenemanzipatorische aspekt. ich hätte mir etwas mehr detaillierte beschreibungen zu den einzelnen menschen gewünscht, unter denen sich einige originale vermuten lassen. der recht spannende text bleibt trotz einer komplexen und vielfältigen handlung dank der klaren und direkten erzählung gut lesbar. ein kleines, aber exemplarisches stück schweizergeschichte, das heute unter veränderten umständen weiterhin aktuell ist, wird uns hier nahegebracht.