als
durch den autoritären staat verfolgter erlebt josef roubiček auf
sich allein gestellt eine schwierige zeit. die rechte der
ausgegrenzten werden immer mehr beschnitten und zunehmend werden sie
zum abtransport in den osten aufgeboten. auch roubiček erwartet den
befehl, sich bei der sammelstelle einfinden zu müssen. er träumt
immer wieder von seiner freundin růžena, die nicht mehr hier ist.
ab einem bestimmten tag werden die geächteten durch das tragen eines
sternes auch äusserlich erkennbar gemacht. immer weniger ist ihnen
erlaubt, täglich erfolgen neue bekanntmachungen, die die
bewegungsfreiheit weiter einschränken. als freunde ihm anbieten, ihn
zu verstecken, tut sich eine weite und komplizierte ethische frage
auf. denn wenn er nicht zum transport antritt, wird jemand anders an
seiner stelle gehen müssen. und wenn er entdeckt wird, wartet nicht
nur auf ihn die todesstrafe sondern auch auf seine beschützer.
ohne
sie zu nennen beschreibt der roman das schicksal der juden unter den
nationalsozialisten. roubiček steht stellvertretend für die vielen
verfolgten und entrechteten, deren gedankengänge, aengste und
zweifel, aber auch deren mut und hoffnung. als jemand, der kaum etwas
besitzt, erlebt der hauptprotagonist eine gewisse freiheit, weil ihm
kaum etwas genommen werden kann. sein verantwortungsbewusstsein
anderen gegenüber und seine philosophischen gedankengänge sind
zentrale momente dieses buches. deutlich werden die absurden
staatlichen massnahmen karikiert und damit aufgezeigt, dass es immer
wieder möglich wird, grundlos menschen aufgrund ihrer zugehörigkeit zu einer
gruppe auszugrenzen. die persönliche perspektive eines einzelnen
verschafft dem text trotz des schweren themas eine angenehme ruhe.
das 1949 erschienene werk hat nichts an aktualität verloren.
steilacotschna
lesen ist das kino mit meinen eigenen bildern
28.02.2026
jiři weil: leben mit dem stern
18.02.2026
pajtim statovci: bolla
das buch ist von beeindruckender emotionalität. im zentrum der handlung stehen zwei besondere protagonisten mit ihrer liebe, ihren hoffnungen, aber auch mit ihren zweifeln, ihrem scheitern und zerbrechen. eindringlich zeigt die traurige geschichte auf, was die grauen des krieges mit menschen macht. wünsche und träume werden zerstört, nichts bleibt wie es ist, zu nichts kann wieder zurückgekehrt werden. dagegen steht die sorgfältige subtile schilderung der liebe und des verlangens der beiden. einen besonderen zugang zu den gedanken und gefühlen der beiden männer erlaubt die jeweils wechselnde persönliche perspektive. das offene ende des romans macht betroffen und lässt irgendwie wenig hoffnung aufkommen. noch tage danach beschäftigt mich diese geschichte.
16.02.2026
terézia mora: muna oder die hälfte des lebens
muna, eine sehr attraktive junge frau,
lernt kurz vor ihrem
schulabschluss magnus kennen.
sie verliebt sich in den ein paar jahre älteren, rätselhaften mann.
seine kaum zugängliche verschlossenheit deutet sie als
schüchternheit. sie verbringt eine nacht mit ihm, kurz darauf fällt
die innerdeutsche mauer: magnus verschwindet ohne erklärung. als sie
sich einige jahre später zufällig wieder treffen, werden sie ein
paar. muna liebt magnus, ob magnus muna liebt, wird nicht ganz klar.
ihm ist seine karriere wichtig. mehrmals zieht er deshalb in eine
andere stadt um. sie folgt ihm und richtet ihr leben weitgehend nach
seinem. in einer auseinandersetzung schlägt er sie. nach seiner
entschuldigung versöhnen sie sich wieder im bett. weitere gewalt folgt,
sie kommt von ihm nicht los, bis er sie verlässt. doch damit ist das
drama bei weitem noch nicht am ende.
ein roman über projektion,
abhängigkeit und gewalt in einer beziehung. fern der realität und
getrieben von der eigenen verliebtheit, lebt muna, voller
selbstzweifel und bis zur selbstaufgabe nicht mehr ihr eigenes leben.
treffend beschrieben ist ihre gefühlslage, von seiner erfährt man
wenig. dies alles reichte eigentlich als substanz der geschichte,
aber mit den vielen
beschreibungen der beruflichen
situationen
der beiden, deren akademischen
hintergründe und den
vielen anderen
nebenschauplätzen wirkt das ganze etwas zäh und lenkt vom zentralen
thema immer wieder ab.
08.02.2026
wolf haas: wackelkontakt
in der küche des trauerredners escher
ist die steckdose defekt. während er auf den für die reparatur
bestellten
elektriker wartet, liest er in seinem
buch über elio, den sohn aus einer familie der `ndrangheta. dieser
hat als kronzeuge viele seiner verwandten der justiz ausgeliefert und
wartet nun im gefängnis auf die entlassung in ein
zeugenschutzprogramm. in der zelle liest elio
in seinem
buch die geschichte von escher und dem elektriker. so werden die
beiden schauplätze abwechselnd erzählt: immer wieder greifen
elio oder
escher jeweils
zu ihrem buch.
die beiden handlungen laufen zunächst unerwartet, dann immer
offensichtlicher aufeinander zu und enden überraschend.
einzigartig ist die geniale verzahnung
der beiden handlungsstränge, die mit viel phantasie einander
entgegen geführt werden. die beim lesen zunächst nur vage ahnung
der zusammenhänge wird immer konkreter. ueberraschende wendungen,
witzige sprache und treffend bildhaft beschriebene charaktere sind
weitere stärken dieses buches. escher, als name eines der
hauptprotagonisten, dürfte nicht zufällig gewählt sein, erinnert
doch die konstruktion des textes an die bilder des niederländischen
zeichners m.c. escher in denen raum und perspektive wie aufgehoben
erscheinen. der klare und
übersichtliche anfang führt schnell mitten ins geschehen, das einen
bis zum schluss nicht mehr loslässt.
03.02.2026
ismail kadare: der anruf
hat der
anruf von stalin wirklich stattgefunden? und wie hat boris pasternak
auf die frage nach seiner einschätzung
des regimekritischen gedichts mandelstams in dieser zeit der
unsicherheit und des verrates reagiert? hätte er – weniger zögernd
antwortend – das leben mandelstams retten können? oder wäre er
je nach antwort selbst in ungnade gefallen? diesen fragen geht der
autor nach und stellt die vielen, sich teilweise widersprechenden
versionen, die dazu berichtet werden, einander gegenüber ohne zu
einer abschliessenden antwort zu kommen.
kadare geht, mit den unwägbarkeiten
eines totalitären regimes vertraut, dieser frage nach.
so unterschiedlich die versionen sind, steht bei allen im hintergrund
die frage nach dem umgang mit einem unberechenbaren despoten. und als
das offizielle albanien sich von der sowjetunion abwendet, unterliegt
auch die einschätzung des werks pasternaks einer neuen unsicherheit.
analytisch genau werden hier die einschätzungen von allen seiten
dargelegt. sie lassen erahnen, wie menschen in unsicherheit und
unfreiheit immer wieder vor fragen der loyalität und des ethischen
handelns gestellt werden.
23.01.2026
susanne gregor: halbe leben
der roman ist ein interessanter beitrag zu der 24-stunden pflege, die meist von osteuropäischen frauen erbracht wird. die vorliegende geschichte ist vielleicht nicht ganz repräsentativ, beleuchtet aber viele facetten solcher einsätze, bei denen es nicht nur um die erledigung der arbeit geht, sondern auch darum, dass plötzlich eine fremde person dauernd innerhalb des gewohnten familienverbandes ist. diesen fragen geht die autorin sehr treffend nach. was als sachbuch daherkommen könnte, ist geschickt in einen roman verpackt. das offene ende lässt einen mit dem thema etwas unschlüssig zurück.
20.01.2026
domenico dara: malinverno
interessant gezeichnete menschen in aussergewöhlichen lebenssituationen rufen schnell einen starken eindruck hervor und geben der geschichte viel gehalt. vor allem aber ist sie geprägt von der auseinandersetzung mit dem lebensende und dem danach. die einzigartige beschreibung astolfos mit all seinen zweifeln und schwierigkeiten. der wie ein weiser seinen mitmenschen begegnet, lohnt schon alleine, das buch zu lesen. dank der ruhigen erzählart lässt sich entspannt in dieses existenzielle thema eintauchen. und dann findet diese ausführlich erzählte, philosophische geschichte ein überraschendes ende.