vom
abgelegenen dorf, in dem der 16-jährige james bei seinen eltern
wohnt, will er einfach nur weg. er hat keine freunde, muss sich oft
um seinen kleinen bruder kümmern und jeden morgen als milchjunge
dazuverdienen. dabei trifft er eines tages auf den ein jahr älteren
luke, der von seinen eltern als disziplinierende massnahme auf dem
hof seines onkels untergebracht wird. james ist fasziniert von luke,
diesem schönen, eigenwilligen und etwas verschlossenen jungen. james
verliebt sich in luke, was sein geheimnis bleibt. er wagt es nicht,
luke seine gefühle mitzuteilen. luke, der nie wirklich freunde hatte
und immer alleine war, wendet sich ihm zu. sie verbringen ein jahr in
gemeinsamer freundschaft, dann wird luke plötzlich wieder von seinem
vater zurückgeholt.
der
stoff dieses romans gäbe alles her um eine kitschige,
cliché-befrachtete
geschichte zu werden. und genau das tut er nicht. meisterhaft und mit
einer gewissen leichtigkeit führt uns der autor durch dieses jahr
zweier unterschiedlicher jungen. die langen und detaillierten
schilderungen von james’ träumen, wünschen, gefühlen und
aengsten sind ohne die realität zu verlassen sehr emotional.
trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erscheint alles so
nachvollziehbar. auch die milieubeschreibungen des englischen
landalltags tragen zur authentizität der handlung bei. eine
durchgehend aufrecht erhaltene spannung führt zu einem schluss von
eigener schönheit, der einen aber etwas fragend zurücklässt.
steilacotschna
lesen ist das kino mit meinen eigenen bildern
18.06.2026
seán hewitt: oeffnet sich der himmel
10.06.2026
marco balzano: bambino
triest
in den 1920er-jahren: als junge erfährt mattia, dass die frau
seines vaters nicht seine mutter ist. das lässt ihn nicht ruhen,
doch sein vater verweigert ihm die erklärung. er gerät in den kreis
der damals erstarkenden schwarzhemden, die versprechen ihm zu helfen
seine mutter zu finden. «bambino» wird er wegen seiner
bartlosigkeit genannt, was ihn antreibt, seine stärke durch brutales
handeln zu zeigen. er entwickelt sich zum stadtbekannten schläger
und mörder, der bis zum ende des krieges ungestraft sein unwesen
treibt. seine opportunistische haltung lässt ihn sich überall
andienen, wo es gerade
passt. erst spät beginnt er seine taten zu reflektieren und bereuen.
als die machtverhältnisse endgültig wechseln, muss er sich unter
fremder identität in den umliegenden bergen verstecken. heimweh
treibt ihn zurück nach triest, wo er erkannt wird. slowenische
partisanen nehmen ihn gefangen und bringen ihn weg. er endet, wie
viele seiner früheren opfer in den tiefen gräben der umliegenden
karstlandschaft.
die
schilderung aus der ungewohnten perspektive des täters macht dieses
buch ganz besonders. zeitweise kaum auszuhalten ist die
streckenweise
häufung von erschiessungen und folter. exemplarisch zeigt der text
auf, wie ein junger, beeinflussbarer mensch manipuliert und zu taten
verleitet werden kann, die er zunächst selbst kaum reflektiert. erst
langsam kommen gefühle und fragen auf. die den hintergrund bildenden
grossen politischen umwälzungen sind auch ohne detaillierte
geschichtskenntnisse gut nachvollziehbar.
07.06.2026
eni yousuf: nach oben und von dort über die dächer
mit
neun jahren wird er von den taliban in ein kinderarbeitslager
verschleppt, wo er teppiche knüpfen muss. als
jugendlicher wird
er später gezwungen
in einem kohlebergwerk unter schlimmsten bedingungen zu
arbeiten.
hunger und schläge von wachleuten bestimmen seinen alltag.
schliesslich gelingt ihm die flucht. unterwegs trifft er auf
hilfsbereite menschen, aber auch auf
solche,
die ihn ausnutzen oder betrügen. dauernde unsicherheit, die sich
immer wieder stellende frage, wem er vertrauen und auf wen er sich verlassen kann, begleitet
ihn. es ist
schwierig immer neuen herausforderungen gegenüber zu stehen. unter
vielen entbehrungen gelangt er endlich
auf abenteuerlichen wegen in die schweiz, wo die unsicherheit im
asylverfahren ihn weiter belastet. aber
er
schafft es dank eigener disziplin und harter arbeit sich hier ein
neues leben in freiheit und sicherheit aufzubauen.
dieses
sehr berührende lebenszeugnis zeigt, warum menschen die
unwägbarkeiten und gefahren einer flucht auf sich nehmen. sehr
persönlich und unverstellt berichtet der autor von seinen gefühlen
und gedanken, von seinen anstrengungen, misserfolgen und erfolgen.
eni yousuf schreibt zum schluss, er habe nicht alles aufschreiben
können, weil vieles zu grausam war. dieses buch ist ein
wichtiger beitrag zu den in diesem land dauernd geführten
diskussionen, in denen asylbewerbende immer nur objekte sind. zudem
wirft es einen blick auf die ungerechtigkeiten und nöte, denen
menschen unverschuldet ausgesetzt sind. dieses sehr persönliche buch ist harte kost, die mir beim lesen tränen in die augen getrieben
hat. einfach danke für dieses wichtige zeugnis.
05.06.2026
arno geiger: reise nach laredo
kaiser karl ist des regierens müde, dankt ab und zieht sich in das kloster yuste zurück. aber er findet nicht wirklich die ruhe und selbstbestimmtheit, die er sich wünscht. seine begleiter vom damaligen hof, sein leibarzt und andere akteure vergraulen ihm das leben. als er den auf der klostermauer sitzenden geronimo erblickt, sieht er seine chance zur flucht. mit dem unbekannten jungen macht er sich auf die reise nach laredo. unterwegs erleben sie viel schwieriges. sie begegnen menschen, die ihnen nicht alle gewogen sind. zeitweise geraten sie in lebensgefahr, aber immer wieder entkommen sie. zum schluss erreichen sie das ziel nach vielen mühen und entbehrungen.
die historische tatsache ist einzig kaiser karl v., seine abdankung und sein anschliessender aufenthalt im kloster yuste. der rest ist eine fantasiereiche, bildhaft erzählte fiktion. berührende liebevolle, aber auch schlimme momente der gewalt kontrastieren das harte leben im mittelalter. karl, der sein inkognito erfolgreich erlebt, wird mit dem leben des armen und einfachen volkes konfrontiert. als ein weiser und bescheidener mann mit dem herz am richtigen fleck und einem grossen gerechtigkeitssinn zeigt aber auch schwächen, die ihn sympathisch machen. diese geschichte zeugt von einer hohen erzählkunst und ist trotz all der schrecklichen begebenheiten schön zu lesen.
30.05.2026
monika zeiner: villa sternbald oder die unschärfe der jahre
nikolas kehrt nach vielen jahren der
abwesenheit für ein wochenende zurück ins elternhaus, die villa
sternbald. hier lebt seine familie, die in fünfter generation eine
schul- und büromöbelfabrik besitzt. sebastian, sein bruder wird als
nächster die firma übernehmen, nikolas bleibt der aussenseiter. aus
verschiedenen gründen zieht sich sein aufenthalt bis zu mehreren
monaten in die länge. auch trifft er auf seine frühere freundin
katharina, die in ihm wieder verunsichernde gefühle auslöst. durch
beobachtungen in diesem komplizierten familienbiotop und in
gesprächen mit früheren freunden, beginnt er sich mit der
geschichte der familie und ihrer firma zu beschäftigen und stösst
dabei auf ereignisse in der jüngeren vergangenheit. er beginnt
fragen zu stellen und in archiven nachzuforschen. dabei stösst er
auf die dunkle firmengeschichte und die nsdap-mitgliedschaft seines
grossvaters. innerhalb der familie liegt ein mantel des schweigens
über dieser zeit. alle versuche nikolas darüber zu sprechen werden
verunmöglicht.
aus der perspektive von nikolas führt
der roman in zeitsprüngen zwischen aktuellen und retrospektiven
kapiteln durch all die jahre. das buch beschäftigt sich mit einem
thema, über das in vielen deutschen familien schweigen herrscht: die
zeit des dritten reiches und der eigenen rollen im
nationalsozialismus. auch wenn der roman sich manchmal etwas in
details verlierend hinzieht, hilft der einen einzigartigen lesefluss
erzeugende text zumindest eine gewisse spannung aufrecht zu erhalten.
stark sind die differenziert beschriebenen charaktere der einzelnen
familienmitglieder, die ein klares bild erzeugen. besonders schön
sind die beschreibungen der erinnerungen nikolas’ an seine
kindheit und der damaligen – oft erst später verstandenen – sicht
auf die dinge. das buch ist ein wichtiger beitrag zu dem thema des
verschweigens dieser schwierigen zeit.
17.05.2026
aline valangin: das dorf an der grenze
unmittelbar
an der grenze zu italien liegt der ort der handlung. als der krieg
ausbricht, erscheinen die ersten flüchtlinge, denen sich die
dorfbevölkerung entgegen der vorgaben der regierung annimmt. auf dem
ausserhalb des dorfes liegenden hof bargada lebt die unverheiratete
zoe mit tochter und mutter. ein frauenhaushalt, der unter kritischer
beobachtung der leute im dorf steht. hier finden die immer mehr
auftauchenden schmuggler unterschlupf, hier wird vor allem reis, ihr
wichtigstes gut weiterverkauft. gegen ende des krieges kommen immer
mehr menschen über die grenze, die die solidarität und das
zusammenleben im dorf auf eine harte probe stellen.
der
roman zeigt wie die solidarität einer dorfgemeinschaft nicht nur
durch äussere umstände, sondern auch durch eigene
moralvorstellungen belastet wird. in einer zeit, in der viele männer
wegen des krieges in der armee sind, verändert sich die rolle der
frauen. treffend und fesselnd bearbeitet sind beziehungen,
liebschaften und unerfüllte erwartungen,
wie auch der frauenemanzipatorische aspekt. ich hätte mir etwas mehr
detaillierte beschreibungen zu den einzelnen menschen gewünscht,
unter denen sich einige originale vermuten lassen. der recht
spannende text bleibt trotz einer komplexen und vielfältigen
handlung dank der klaren und direkten erzählung gut lesbar. ein
kleines, aber exemplarisches stück schweizergeschichte, das heute
unter veränderten umständen weiterhin aktuell ist, wird uns hier
nahegebracht.
14.05.2026
fabio andina: sechzehn monate
giuseppe
vaglio lebt in cremenaga, einem dorf an der
italienisch-schweizerischen grenze. während des zweiten weltkrieges
hilft er flüchtlingen durch den fluss in die schweiz zu gelangen. er
wird aber verraten, von der deutschen ss gefangengenommen und ins
konzentrationslager mauthausen zur zwangsarbeit deportiert. dort
erlebt er die befreiung am
kriegsende. seine frau concetta bleibt während seiner abwesenheit
weitgehend nachrichtenlos, weiss nichts über seinen verbleib, gibt
die hoffnung auf seine rückkehr aber nie auf. nach der befreiung ist
giuseppe zwei monate zu fuss unterwegs und kommt nach vielen
entbehrungen wieder zurück nach cremenaga.
giuseppe
und concetta waren die grosseltern des autors, denen er mit diesem
roman ein eindrückliches denkmal setzt. dieses preisgekrönte buch
vermittelt anhand der lebensgeschichte eines einzelnen, wie
aufrichtige menschen opfer dieses systems wurden. in einem
faszinierend einfachen und klaren text wechselt der schauplatz immer
wieder, so wird parallel über das leiden giuseppes und das leben
concettas mit ihrer familie berichtet. trotz angst, unsicherheit und
verzweiflung verlieren beide eheleute die hoffnung nicht. die
rückkehr bildet einen überraschenden abrupten schluss. gerne wäre ich noch etwas bei der wiedervereinten
familie verweilt.