zeko, dessen eltern aus der türkei nach deutschland ausgewandert sind, fährt jedes jahr mit ihnen einmal in ihr heimatdorf. dort trifft er hassan, der mehr als nur ein jugendfreund ist. hassan ist das objekt seiner liebe und seiner begierde. während des ganzen jahres trifft er über dating-apps verschiedene männer, doch er hat nur hassan im kopf und sehnt sich nach begegnungen und liebesnächten mit ihm. sein verlangen, seine not und sein zwiespalt diktieren seine tage. wie weit die familie davon weiss, wird nicht klar, jedoch nennen sie hassan «hundesohn». bei seiner besten freundin pari findet zeko etwas ruhe und ihren rat, dem zu folgen ihm aber oft nicht gelingt.
die zeitspanne von neun tagen bis zum erneuten treffen mit hassan wird in einem sprachlichen feuerwerk erzählt. sein ihn permanent umtreibendes begehren steht im vordergrund und wird detailliert beschrieben. der fulminante, collageartige, manchmal etwas hektische text lässt die gefühlslage zekos sehr unmittelbar erleben. regelmässig eingefügte türkische und arabische, teils unübersetzte sätze lassen einen beim lesen hin und wieder im ungewissen, geben aber dem gesamten roman farbe und authentizität. ein drama, das durch die schonungslose beschreibung vieler begegnungen sehr intensiv wirkt, durch die streckenweise mangelnde spannung jedoch etwas an kraft verliert, es gerade deshalb aber zur anspruchsvollen lektüre macht.
steilacotschna
lesen ist das kino mit meinen eigenen bildern
26.04.2026
ozan zakariya keskinkılıç: hundesohn
23.04.2026
joseph lloyd carr: ein monat auf dem land
als
mr. birkin aus london in einem nordenglischen ort ankommt, weiss
schnell das ganze dorf bescheid. als restaurator hat er den auftrag,
in der kirche ein altes wandgemälde freizulegen. traumatisiert vom
ersten weltkrieg hofft birkin hier auf dem land auch wieder ruhe zu
finden. je länger er hier ist, umso mehr fühlt er sich zuhause. ob
es immer nur das interesse am fortgang seiner arbeit ist, das leute
zu besuchen in die kirche verleitet, lässt sich bezweifeln. auch die
frau des pfarrers kommt öfters und bleibt zu immer längeren
gesprächen. es ist birkin zunächst unangenehm, weil er für die
ausserordentlich schöne frau gefühle entwickelt. was nicht sein
darf geschieht, die beiden verlieben sich ineinander. des
restaurators arbeit findet ein ende und man legt ihm nahe, möglichst
schnell den ort zu verlassen.
das
buch beinhaltet eine liebevolle, tiefgründige geschichte, die ruhig
erzählt wird. dörfliche neugier und menschliche schwächen, aber
auch schöne persönliche freundschaften und zuverlässige
verbindlichkeiten sind tragende elemente dieses kleinen werkes, das
einen besonderen blick auf die moralischen werte einer damaligen
ländlichen dorfgemeinschaft wirft.
18.04.2026
gina bucher: schattengänger
jo
wohnt alleine
in
einer wohnsiedlung – kaum jemand kennt ihn, er scheint keine
familie, keinen besuch, keine freunde zu
haben
was ihn zu einem objekt der beobachtung durch seine nachbarn macht.
man spricht über ihn hinter vorgehaltener hand und nennt ihn
schattengänger. als ein nachbarsmädchen dabei gesehen wird, wie sie
zu jo in die wohnung geht, entstehen gerüchte und vermutungen –
schon will jemand die polizei informieren. doch es gibt auch
mässigende stimmen. irgendwann wird er vermisst. er erscheint
nicht mehr zur arbeit und die wohnung macht
einen unbewohnten
eindruck.
letztlich klärt sich vieles überraschend auf, aber ein offenes ende
lässt die zentrale frage über seinen verbleib unserer fantasie
überlassen.
die
geschichte wird aus der perspektive von vielen verschiedenen leuten
erzählt,
von
nachbarn, arbeitskollegen und vorgesetzten, aber auch aus der sicht
seiner aerztin. aus all diesen teilen fügt sich langsam nicht nur das wesen dieses mannes, sondern auch eine art soziogramm dieser
siedlung zu einem bild. mit diesem kreativen ansatz vermag das buch die ganz
besondere spannung bis zum schluss zu halten.
13.04.2026
pier vittorio tondelli: getrennte räume
leo
und thomas verlieben sich ineinander und scheinen wie für einander
geschaffen. weit voneinander weg lebend, beginnen sie eine
komplizierte fernbeziehung. die beiden männer sind sehr verschieden
und haben unterschiedliche ansprüche und vorstellungen. während für
thomas «getrennte räume» diese beziehung erst möglich machen,
wünscht sich leo nichts anderes als im gleichen haus zu leben. nach
drei jahren wiederkehrenden streites und anschliessender versöhnung
trennen sie sich. später ereilt leo die mitteilung von
thomas’ baldigem tod. er liegt
schwer krank im spital. leo fährt hin, sieht thomas ein letztes mal
und bleibt alleine zurück.
die geschichte handelt im ausgehenden 20. jahrhundert -- einer zeit, da es männerbeziehungen oft noch schwer hatten, akzeptiert zu werden. erzählt wird sie aus der perspektive von leo, der sehr unter dem verlust leidet, unendlich trauert und sich mit dem alleine zurückbleiben schwer tut. den ausschweifenden text konnte ich nur sehr langsam lesen um all die emotionen, gedanken, ueberlegungen und handlungen leos ganz zu erfassen. ein sehr emotionaler roman, der trotz der schwere nie larmoyant ist, erfasst dieses drama auf eine psychologische und sehr persönliche weise.
09.04.2026
silvio blatter: das blaue haus
ende des 19. jahrhunderts wird
heinrich zinn geboren. er erlernt das schneiderhandwerk wie sein
vater. dieser folgt jedoch
längst mit einem kleinen zirkus unterwegs durch europa anderen
interessen. als junger mann wandert heinrich nach amerika, auch ihn
zieht es zeitweise ins artistenmilieu. beim ausbruch des ersten weltkrieges kehrt er in die schweiz zurück und wird zur armee
eingezogen. nach dem krieg beginnt er als fabrikant schürzen zu
produzieren, kommt dadurch zu einem kleinen vermögen und kann sich
das blaue schleusenhaus an der reuss kaufen. hier lebt er mit seiner
patchworkartigen familie. während des zweiten weltkrieges wird das
blaue haus immer mehr zur heimat von geflüchteten artisten und
künstlern. doch die fremdenpolizei nimmt den bei ihm untergekommenen
waisen karel mit, um ihn auszuweisen. heinrich setzt sich mit aller
kraft für den knaben ein, verliert aber diesen kampf gegen die
behörden. heinrich ist der grossvater des ich-erzählers, der diese
geschichte seiner tochter erzählt.
das buch berichtet auf eine leichte art
vom leben von menschen, die der damaligen gesellschaftlichen norm
nicht entsprechen, die unerschütterlich ihren menschlichen idealen
folgen. dies alles vor dem hintergrund eines stücks
schweizergeschichte während der weltkriege. die klare und direkte
sprache mit vielen einfachen und kurzen sätzen erzeugt einen eigenen
leserhythmus. ohne dramatik setzt der autor seinen vorfahren ein
liebevolles denkmal.
03.04.2026
herbert clyde lewis: gentleman über bord
den
wohlsituierten mitdreissiger henry preston standish überkommt
plötzlich eine sinnkrise. mit einer schiffsreise gönnt er sich eine
auszeit und hofft zu genesen. schon nach wenigen tagen stürzt er
durch eine unachtsamkeit in den ozean. es dauert einige stunden, bis
seine abwesenheit auf dem schiff auffällt und der kapitän letztlich
widerwillig umkehren lässt um den vermissten zu retten. während
stunden treibt henry im wasser. die hoffnung auf rettung weicht immer
mehr dem gedanken eines möglichen todes.
die
prägnant geschriebene geschichte eines menschen, der überraschend
in eine existenzielle gefahrensituation gerät, kommt auf nur etwas
mehr als 150 seiten daher. nichts ist zu viel, nichts zu wenig an
diesem text. die gedanken des im meer treibenden mannes wechseln
zwischen lebensnahen, praktischen fragen und philosophischen
gedanken. angst jedoch scheint er kaum zu haben. zudem besticht die
beschreibung der charaktere von passagieren und schiffsbesatzung ganz
besonders. das offene ende lässt einen im unklaren darüber, ob es
eine rettung gibt.
30.03.2026
daniel donskoy: brennen
es beginnt mit einem brief an tyler, seinen besten schul- und jugendfreund, den er seit dem weggang aus israel nicht mehr gesehen hat. in einer art biografischer aufzeichnungen, die durchaus auch ins fiktive abgleiten können, blickt er zurück auf eine wilde dekade seiner jungen jahre. alles scheint möglich, vieles gelingt, wird aber auch oft von zweifeln überschattet. zunächst in berlin, danach an vielen weiteren orten, stürzt er sich ins volle leben, trifft auf immer wieder andere menschen und läuft dabei auch gefahr auf abwege zu geraten. er kommt an seine grenzen, beobachtet aber unheimlich gut und zieht oft die richtigen schlüsse aus dem, was auf ihn zukommt. erst gegen ende des romans erfahren wir, wie eng und nahe seine freundschaft mit tyler war und wie sehr er ihn vermisst.
der reife, sehr emotionale text machen es so wie die erlesene sprache schnell zur freude, dieses buch zu lesen. verlust, heimat, trennung, sehnsucht sind zentrale themen. spannend beschreibt er die szenerien des alltags und die menschen, die er trifft. seine sensible wahrnehmung lässt ihn oft gut unterscheiden, wer ihm authentisch begegnet und wer nicht. die frage, wer er selbst ist und was er selbst sein will treiben ihn um. er gibt viel von sich preis und lässt damit grosse nähe zu.