hat der
anruf von stalin wirklich stattgefunden? und wie hat boris pasternak
auf die frage nach seiner einschätzung
des regimekritischen gedichts mandelstams in dieser zeit der
unsicherheit und des verrates reagiert? hätte er – weniger zögernd
antwortend – das leben mandelstams retten können? oder wäre er
je nach antwort selbst in ungnade gefallen? diesen fragen geht der
autor nach und stellt die vielen, sich teilweise widersprechenden
versionen, die dazu berichtet werden, einander gegenüber ohne zu
einer abschliessenden antwort zu kommen.
kadare geht, mit den unwägbarkeiten
eines totalitären regimes vertraut, dieser frage nach.
so unterschiedlich die versionen sind, steht bei allen im hintergrund
die frage nach dem umgang mit einem unberechenbaren despoten. und als
das offizielle albanien sich von der sowjetunion abwendet, unterliegt
auch die einschätzung des werks pasternaks einer neuen unsicherheit.
analytisch genau werden hier die einschätzungen von allen seiten
dargelegt. sie lassen erahnen, wie menschen in unsicherheit und
unfreiheit immer wieder vor fragen der loyalität und des ethischen
handelns gestellt werden.
steilacotschna
lesen ist das kino mit meinen eigenen bildern
03.02.2026
ismail kadare: der anruf
23.01.2026
susanne gregor: halbe leben
der roman ist ein interessanter beitrag zu der 24-stunden pflege, die meist von osteuropäischen frauen erbracht wird. die vorliegende geschichte ist vielleicht nicht ganz repräsentativ, beleuchtet aber viele facetten solcher einsätze, bei denen es nicht nur um die erledigung der arbeit geht, sondern auch darum, dass plötzlich eine fremde person dauernd innerhalb des gewohnten familienverbandes ist. diesen fragen geht die autorin sehr treffend nach. was als sachbuch daherkommen könnte, ist geschickt in einen roman verpackt. das offene ende lässt einen mit dem thema etwas unschlüssig zurück.
20.01.2026
domenico dara: malinverno
interessant gezeichnete menschen in aussergewöhlichen lebenssituationen rufen schnell einen starken eindruck hervor und geben der geschichte viel gehalt. vor allem aber ist sie geprägt von der auseinandersetzung mit dem lebensende und dem danach. die einzigartige beschreibung astolfos mit all seinen zweifeln und schwierigkeiten. der wie ein weiser seinen mitmenschen begegnet, lohnt schon alleine, das buch zu lesen. dank der ruhigen erzählart lässt sich entspannt in dieses existenzielle thema eintauchen. und dann findet diese ausführlich erzählte, philosophische geschichte ein überraschendes ende.
12.01.2026
martin prinz: die letzten tage
in den letzten tagen des zweiten
weltkrieges steht die rote armee bereits unten im tal. zum
volkssturm, dem letzten aufgebot der deutschen, werden alte, kranke
und invalide aufgeboten. die örtlichen nazi-mächtingen um den
ns-kreisleiter braun installieren ein standgericht, um die
bevölkerung, die sich nur noch ein ende des krieges und der
schreckensherrschaft wünscht, zu disziplinieren. bereits
verleumdungen, üble nachrede oder vermutungen reichen für
verhaftungen. so werden viele unschuldige – auch jugendliche –
ohne rechtmässiges urteil durch erschiessen oder am galgen
umgebracht. ebenso werden minderjährige für die
erschiessungskommandos verpflichtet. der willkür fallen in diesen
tagen auch menschen zum opfer, mit denen die örtlichen nazi-grössen
alte rechnungen offen haben.
der roman entstand auf der basis von
archivdokumenten und zeugenberichten. am anfang steht ein kapitel,
das die umstände der verurteilung der straftäter vor einem
volksgericht zwei jahre nach kriegsende beschreibt. danach folgen die
kapitel, die nicht nur verhaftungen und schicksale einzelner opfer
dokumentieren, sondern auch den einfachen aber mutigen leuten jener
zeit einen platz einräumen. die gesetzlosigkeit und die willkür
jener tage macht bewusst, wie schnell ein krieg plötzlich einen
einfluss auf das eigene leben, die eigene sicherheit haben kann. in
der heutigen wenig stabilen zeit ein eher unheimlicher gedanke, der
sorge bereitet.
08.01.2026
joël dicker: ein ungezähmtes tier
die
anwältin sophie und der banker arpad machen vordergründig den
eindruck eines glücklichen, erfolgreichen paares, das in einer villa
in einem nobelvorort von genf lebt. sie freunden sich mit greg und
karine, einem anderen ehepaar im ort an. greg – der seinen beruf
nicht offenlegen darf, weil er teil einer polizeilichen sondereinheit
ist – verfällt dem charme und der erscheinung von sophie. doch
diese hat ein geheimnis, über das sie mit niemandem – selbst mit
ihrem mann nicht – sprechen kann. ihre vergangenheit liegt ebenso
im dunkeln, wie der grund ihres beachtlichen vermögens. aber auch
arpad hat eine unklare vergangenheit. und was haben die beiden mit
einem ueberfall auf ein juweliergeschäft zu tun?
das
buch beginnt mit einer kurzen beschreibung des ueberfalls. danach
läuft die geschichte geschickt über die letzten zwanzig tage auf
dieses ereignis zu. die teils abenteuerlichen handlungen und
schwierigen beziehungen wirken nie unrealistisch. emotionen, krisen,
dramatische momente, leidenschaft und neid sind die zutaten zu diesem komplexen, aber übersichtlich konstruierten krimi, der einen auf
einzigartige weise in den bann zieht. die eher karge beschreibung der
personen lässt einen sich mehr auf deren gedanken und agieren
konzentrieren. ohne dass es an sprachlicher qualität mangelte, ist
der krimi ein pageturner erster güte.
05.01.2026
nelio biedermann: lázár
zu beginn des 20. jahrhunderts wird
lajos geboren. das kind ist seinem vater, dem baron sándor lázár,
irgendwie unheimlich: er wird nie einen wirklichen zugang zu ihm
finden. der erste weltkrieg mit dem untergang der donaumonarchie hat
für die ungarische adelsfamilie folgen. traditionen verschwinden
und die sich anbahnende veränderung der machtverhältnisse bringen
unsicherheit ins haus. in
dieser schwierigen zeit tritt
lajos als junger erwachsener das erbe an und
schafft es zunächst auch, den
glanz der früheren zeit wieder ein
wenig aufleben zu lassen. doch
mit der besatzung der deutschen wehrmacht im zweiten weltkrieg sieht
sich lajos herausforderungen gegenüber, die ihn zum mittäter bei
der verfolgung der juden machen. pista und eva, seine kinder, erleben
als nächste generation die zeit des kommunismus, der ihnen
enteignung, armut und unterdrückung bringt. nach dem ungarnaufstand
1956 sind sie noch mehr der gefahr ausgesetzt, verhaftet zu werden.
sie entscheiden sich, das land zu verlassen.
ein spannendes und ergreifendes buch,
das einen beim lesen aus einer ganz besonderen perspektive in ein
stück weltgeschichte tauchen lässt. die zu beginn eher etwas
träumende sprache mit teils überlangen sätzen verändert sich
beinahe unbemerkt parallel zum zeitlauf in eine immer modernere,
kargere form und bringt damit dem text eine andere dynamik. der roman
vermittelt damit oft etwas exemplarisches. lázár gehört zu den
büchern, bei denen man gegen schluss immer langsamer liest, weil man
das ende noch etwa herauszögern will.
27.12.2025
paul bermond: 75902
1944 wird paul bermond, damals 18
jahre alt, mit weiteren mitschülern von der miliz verhaftet, ins
konzentrationslager dachau verschickt und dort als häftling 75902
registriert. er erlebt das grauen des lagerlebens: unmenschliche
qualen, arbeitseinsätze bis zur erschöpfung, schläge; kälte und
hunger beherrschen den alltag. als begabter zeichner dokumentiert er
– trotz der gefahr, entdeckt zu werden – den lageralltag. die
solidarität untereinander, die hoffnung auf den sieg der alliierten
und das ende des krieges lässt die häftlinge durchhalten, bis ihnen
auf einem transport die flucht gelingt.
mit einfachen, klaren worten schildert
paul bermond seine damaligen erlebnisse. die schlichten
beschreibungen liegen im französischen original und in der deutschen
uebersetzung vor. sie vermitteln das erlebte auf eine eindrücklich
persönliche weise, deren wirkung man sich nicht entziehen kann. die
zeichnungen ergänzen die texte und lassen ein unvergessliches bild
entstehen. die ausserordentlich schöne gestaltung des buches
kontrastiert dessen inhalt.