21.10.2018

astrid holleeder: judas

wie gestaltet sich das leben, wenn der eigene bruder ein krimineller ist, der massgeblich an einer entführung mit lösegelderpressung und für auftragsmorde verantwortlich ist? beginnend mit ihrer eher grauenhaften familiengeschichte führt uns die autorin an dieses erschreckende thema heran.
aufgewachsen mit drei geschwistern erleben sie alle ihre kindheit in angst und schrecken. der vater, schwerst alkoholkrank mit einer persönlichkeitsstörung, terrorisiert die mutter und die kinder. verbale gewalt und schläge sind alltag. der älteste bruder wim zieht mit fünfzehn jahren weg und wird zum schwerkriminellen. er ist einer der entführer des bierbrauereibesitzers heineken.
das buch zeichnet nicht nur das psychogramm eines kriminellen, sondern zeigt vor allem auch auf, wie schwierig es für eine betroffene familie ist, sich aus dieser abhängigkeit zu befreien. nicht nur seine dauernden drohungen und sein einfluss bis hinein in polizei und justiz, sondern auch eigene schuld- und verantwortungsgefühle lassen die schwester lange zögern ihren bruder an die strafverfolgungsbehörden zu verraten.
vor allem der anfang des buches ist mitreissend und eindrücklich. es ist kaum zu ertragen, was man da liest. das nicht chronologische vorgehen der autorin lässt einen zwar gewisse zusammenhänge schneller erfassen, macht es aber auch nicht immer einfach, den ueberblick über die ganze geschichte zu behalten.
insgesamt ein sich lohnendes buch, das einen einen einblick gibt in eine welt, die sonst fremd und verschlossen bleibt.

14.10.2018

sarah quigley: der dirigent

während der blockade im zweiten weltkrieg herrscht in leningrad grosse not und es fehlt an allem. der grosse teil der kulturschaffenden und musiker wird evakuiert, dmitri schostakowitsch bleibt in der stadt um mitzuhelfen sie zu verteidigen. tagsüber hilft er gräben ausheben, nachts komponiert er bis zur erschöpfung seine 7. symphonie. deren aufführung soll der bevölkerung und der roten armee hoffnung und durchhaltewillen vermitteln. karl eliasberg, einer seiner bewunderer und dirigent des leningrader rundfunkorchesters wird das konzert dirigieren. die musiker sind ausgezehrt und kaum in der lage ihre instrumente zu halten, das dezimierte orchester probt nur unter grössten anstrengungen. aber das konzert gelingt und wird ein erfolg.
die geschichte dieser zwei unterschiedlichen männer, die sich ganz der musik verschrieben haben, wird vor dem historischen kriegshintergrund erzählt. die schilderung der not, der entbehrungen, des hungers und der kälte, lässt beim lesen dramatische bilder aufkommen.
die autorin geht den lebenssituationen während dieser kriegszeit nach und zeigt auf, zu was menschen in einer solchen ausnahmesituation sowohl an gutem als auch an schlechtem fähig sind. der roman ist eine gelungene mischung aus wirklichkeit und fiktion.

05.10.2018

ismail kadare: ein folgenschwerer abend

als während des zweiten weltkrieges die deutsche wehrmacht in albanien einmarschiert, lädt einer der zwei aerzte im ort seinen ehemaligen studienfreund und jetzigen kommandanten zu einem nachtessen ein. was dort wirklich vor sich geht bleibt gegenstand vieler vermutungen. später, während der kommunistischen herrschaft wird dieses treffen gegenstand geheimdienstlicher untersuchungen. aber selbst unter folter gibt der ehemalige gastgeber nichts preis.
eine art ganz spezieller heldengeschichte berichtet uns aus einer unruhigen zeit auf dem balkan, in der die träume eines grossalbaniens beinahe wirklichkeit geworden wären. meisterhaft karikiert der autor das leben während der kommunistischen herrschaft ohne konkret zu werden. die figuren werden kaum beschrieben und erhalten überraschend trotzdem gestalt. ein spannendes und liebevoll geschriebenes buch, das in eine fremde welt eintauchen lässt.

28.09.2018

thomas melle: die welt im rücken

der autor schreibt in diesem buch über seine bipolare störung. vom ersten ausbruch der krankheit bis zu einer – wahrscheinlich erfolgreichen – therapie vergehen jahre, in denen er zeitweise kaum arbeiten kann, freunde verliert und zum sozialhilfeempfänger wird. mehrere aufenthalte in psychiatrischen kliniken gehören ebenso zur geschichte, wie höhenflüge, in denen alles möglich scheint und er denkt, die ganze menschheit müsse ihn kennen. das jeweilige ende der manischen phasen, die teilweise über ein jahr dauern, lässt ihn in eine tiefe depression fallen. keinen einfluss auf das geschehen und das eigene handeln zu haben, ist eine prägende erfahrung.
erstaunlich, wie leicht sich dieses buch lesen lässt. ueber mehr als 400 seiten beschreibt thomas melle brillant, wortgewaltig und eindrücklich die geschichte seiner manisch-depressiven erkrankung. fern von lamentierender betroffenheitsliteratur geht er seine geschichte, sein erleben, analytisch an, beobachtet exakt nicht nur sich selbst, sondern auch die reaktionen seines umfeldes, und lässt dies alles in seine texte einfliessen. er gibt uns einen aussergewöhnlichen einblick in seine erkrankung.

20.09.2018

fabio volo: seit du da bist



nicola – lange junggeselle – verliebt sich in sofia. nach einiger zeit ziehen sie zusammen und nichts scheint ihnen etwas anhaben zu können. doch dann wird sofia schwanger und mit der geburt wird alles anders. die beziehung der zwei verändert sich. sofia scheint ihm immer fremder zu werden und er trauert seiner freiheit nach. lange wagt er nicht darüber zu reden und als er es endlich tut, wird es für beide eine befreiung: nicola findet sich in seiner rolle als familienvater und die beiden finden wieder zueinander.
ein buch voll von psychologischen betrachtungen, die fast als ratgeber für männer in einer ähnlichen situation zu empfehlen wäre. schade, dass die geschichte zuweilen in trivialität abgleitet und der text wiederholt pornografische komponenten aufweist. dieses wechselbad beim lesen ist vielleicht gewollt, aber anstengend. geschrieben aus ziemlich einseitiger männersicht ist der roman auch etwas zu testosterongesteuert.

14.09.2018

robert seethaler: das feld

das feld, so wird der friedhof genannt. selbsterzählte lebensgeschichten der hier begrabenen, zwiegespräche zwischen toten und ihren besuchern und weitere erzählungen ergeben ein bild vom leben der gemeinschaft dieses ortes. jedes kapitel ist einem anderen toten gewidmet.
das buch ist eine wunderbare idee, das bild des lebens vieler menschen zu zeichnen: erfolgreiche, arme, versager, glückliche, traurige, alte und jungverstorbene kommen hier zu wort, jeder und jede auf seine weise. hier wird berichtet von missverständnissen, hoffnungen, liebe, einsamkeit, und dies alles auf eine direkte und einfache weise. ein ruhiges und faszinierendes buch, das ohne spannung auskommt.

07.09.2018

ibrahim al-koni: das herrscherkleid

die geschichte handelt von assanâj, der herrscher einer oase in der wüste geworden ist. sein herrscherkleid – das symbolisch für die macht steht – verwächst mit seiner haut und als es zurückgefordert wird, kann er es nicht mehr ablegen. nur sein tod wird ihn davon befreien können. in den vielen kapiteln treffen wir auf die macht und ihre folgeerscheinungen wie korruption, begünstigung, vetternwirtschaft und mehr. so abstrahiert sie daher kommen, erkennt man sie beim lesen gleich und sieht sich an heute amtierende diktatoren und despoten erinnert.
mit dieser feinen und sensiblen parabel beschreibt der autor nichts anders, als politische systeme und deren herrscher, die, auch wenn sie zu beginn ihrer regierungszeit nur gutes beabsichtigen, ihre macht so lieben, dass sie letztlich alles nur noch auf deren erhalt ausrichten.