22.06.2021

julia von lucadou: die hochhausspringerin

in einer zukünftigen gesellschaft, in der alles transparent und damit auch überwachbar und kontrollierbar ist, lebt riva, deren passion ein besonderer sport ist: sie springt mit einem sogenannten «flysuit» bekleidet von den hochhausdächern. doch plötzlich hört sie von einem tag auf den andern damit auf, ihre sponsoren sind beunruhigt. hitami yoshida, eine psychologin wird auf sie angesetzt. in dieser hochtechnisierten welt werden rivas verhalten und handlungen durch kameras überwacht und aus der ferne beurteilt. ueber elektronische kommunikationsmittel wird erfolglos versucht, riva zur zusammenarbeit zu bringen. hitami selbst verstrickt sich immer mehr in emotionen, es fällt ihr zunehmend schwer, die professionelle distanz zu halten. beide frauen verlieren ihre privilegien, riva wegen ihrer verweigerung, hitami wegen ihres versagens.
das ist nicht ein einfacher science-fiction-roman. diese genaue und kompromisslose beschreibung einer welt, auf die wir zusteuern, führt uns vor augen, wie unsere zukunft aussehen könnte. trotz allen technologischen fortschritts bleiben dem menschen emotionen und immer wieder leuchten ganz menschliche und persönliche verhaltensweisen auf, die irgendwie nicht zum bestehenden system passen. eine spannende und ergreifende geschichte über macht und ohnmacht zwingt einen zum nachdenken über den technologischen fortschritt und die damit verbundenen gefährlichen folgen.

15.06.2021

elif shafak: unerhörte stimmen

leila wurde ermordet, aber in den letzten sekunden nach ihrem herzstillstand ist ihr gehirn noch in funktion und sie denkt zurück an die wichtigen momente ihres schwierigen lebens: in einer wohlhabenden und konservativen familie im osten der türkei verlebt leila ihre kindheit. früh schon wird sie von ihrem onkel missbraucht. als dies in der familie bekannt wird, soll sie mit ihrem cousin verheiratet werden, um die schande zu verstecken. aber leila flüchtet und macht sich auf nach istanbul, wo sie bald als prostituierte in einem bordell landet. trotz aller schwierigkeiten bleibt sie eine starke frau. sie lernt ein paar frauen kennen, die ihre wirklichen freundinnen werden. und diese kümmern sich nun um die leiche, weil es nicht sein kann, dass sie einfach irgendwo begraben wird. in einer abenteuerlichen aktion erfüllen sie ihr ihren letzten wunsch.
ein spannendes und leicht zu lesendes buch, das exemplarisch das schicksalshafte leben einer jungen frau beschreibt und gleichzeitig ein wunderbares bild über frauensolidarität zeichnet. das stadt-land-gefälle in der türkei, die daraus folgende zerrissenheit der gesellschaft und die situation von frauen, die am rande stehen, bilden den hintergrund dieser spannenden und interessanten geschichte. eine richtige freude beim lesen ist die bestechende strukturiertheit des textes, so dass man beim lesen mühelos den ueberblick behält.

11.06.2021

antónio lobo antunes: portugals strahlende grösse

zur zeit der portugiesischen kolonialherrschaft in angola heiratet der ingenieur amadeu die wohlhabende farmerstochter isilda. nebst ihren zwei gemeinsamen kindern clarisse und rui gehört auch carlos, amadeus unehelicher mischlingssohn zur familie. carlos wird als zweitklassiger mensch behandelt und sogar versteckt, wenn besuch kommt. nach der überstürzten unabhängigkeit angolas, gelingt der familie noch die flucht nach lissabon. isilda aber bleibt zurück und lebt verarmt zusammen mit ihren schwarzen dienstboten in der alten villa. in lissabon wohnt carlos mit seiner freundin lena zusammen, clarisse lässt sich von alten männern aushalten und rui ist als epileptiker in einem heim. niemand folgt carlos' einladung zum weihnachtsessen, aber es löst bei allen eine auseinandersetzung mit der vergangenheit und der familie aus.
wie ein kaleidoskop zeigt der text die vielen facetten damaliger verhältnisse und lebensbedingungen in der kolonie angola auf. der mangel einer eigentlichen handlung und der von perspektivenwechseln und unterbrechungen durchsetzte text erfordert beim lesen viel konzentration. auch wenn ich dem inhalt nicht immer ganz folgen konnte und die lektüre zeitweise sehr kompliziert und anspruchsvoll war, hat es sich gelohnt, dieses buch zu ende zu lesen, lässt es doch einen kritischen blick auf die kolonialgeschichte portugals zu. der titel des buches hat letztlich etwas sarkastisches.

01.06.2021

arno camenisch: der schatten über dem dorf

vor vielen jahren hat sich über dem dorf ein unfall ereignet, bei dem drei kinder ums leben gekommen sind. diese tragödie bleibt den bewohnern und bewohnerinnen unvergessen. kaum jemand spricht darüber, aber immer wieder wird die erinnerung geweckt: sei es durch den blick hinauf zum unfallort, den man noch heute meidet oder durch die kindergräber auf dem friedhof. ueber diesem dorf, in dem alle sich gegenseitig kennen, viele miteinander verwandt sind, bleibt ein schatten, der sich in sprachlosigkeit und schicksalsergebenheit manifestiert.
hierher kehrt der erzähler nach langen jahren der abwesenheit zurück und beobachtet leben und menschen in diesem ort. subtil erzählt er von dieser tragik und führt einen mit aufbauender spannung an das ereignis heran, bis erst gegen ende des buches erzählt wird, was wirklich geschah.

26.05.2021

colum mc cann: apeirogon

der israeli rami und der palästinenser bassam sind zwei männer mit sehr ähnlichen erfahrungen: beide haben eine tochter verloren. ramis tochter smadar wurde bei einem selbstmordattentat in den strassen tel avivs getötet, bassams tochter abir wurde vor ihrer schule von einem israelischen grenzsoldaten erschossen. beide väter kommen nur schwer über den verlust ihrer töchter hinweg. sie lernen sich in einer kontaktgruppe kennen, in der sich betroffene eltern unabhängig von herkunft, nationalität und religion zum gemeinsamen gespräch treffen. sie wollen diese grenzen überwinden, arbeiten gegen diese politik, die ihnen ihre kinder genommen hat und für eine gemeinsame zukunft in frieden. die geschichte von rami und bassam ist wahr: die beiden sind freunde und brüder geworden.
die mitte des buches bilden die lebensgeschichten der beiden männer. vor und nach diesen beiden kapiteln stehen je 500 texte, textfragmente und bilder, die von ereignissen, gegebenheiten, schicksalen berichten und damit die realität und den wahnsinn des palästinakonflikts illustrieren. neben den schwierigkeiten im alltag, werden nicht nur eklatante unterschiede klar, sondern auch wie wenig die meisten palästinenser und israeli vom leben der anderen wirklich wissen. die portraits von menschen, die trotz all des leids an die möglichkeit eines einträchtigen miteinander glauben und ihr überzeugter und aus tiefen herzen kommender einsatz dafür, berühren sehr stark. ein fesselndes stück literatur, das direkt und eindringlich über menschen berichtet, die ihren schmerz durch hoffnung zu ersetzen suchen und das derzeit aktueller nicht sein könnte – ein buch für unsere welt.


18.05.2021

uwe tellkamp: der eisvogel

wiggo ritter, sohn aus einem begüterten elternhaus, hat seine akademische karriere verpatzt. er verdient sich sein leben mit zufälligen gelegenheitsjobs und hat eher unstete beziehungen. der versuch seines vaters, ihn bei seiner bank unterzubringen, scheitert ebenso. in dieser etwas ausweglosen lage lernt er das geschwisterpaar mauritz und manuela kennen, mitglieder einer im hintergrund agierenden konservativen organisation, die auch mit terroristischen mitteln ihre leute an die macht zu bringen sucht. für wiggo eine neue perspektive, doch er verliebt sich in manuela, was zur gefahr für die gesamte unternehmung zu werden droht.
das buch beginnt im spital, wo der zum mörder gewordene wiggo nach einer terroristischen aktion schwer verletzt liegt. diese geschichte wird aus seiner perspektive erzählt, während wir aus der sicht von einigen beteiligten verwandten und freunden eine aussensicht auf die geschehnisse erfahren. am anfang hatte ich schwierigkeiten, mich im komplexen handlungsverlauf zurecht zu finden, doch mit der zeit wurde der in einer dichten sprache geschriebene roman immer brisanter und aktueller.


11.05.2021

fabio andina: tage mit felice

felice ist ein alter mann, der ein bescheidenes leben als selbstversorger in seinem haus führt. jeweils früh morgens in der dunkelheit macht er sich auf, um oben im wald in einem wasserloch zu baden. tagsüber hilft er anderen leuten im dorf, besucht hin und wieder die bar oder fährt mit seinem alten auto hinunter ins tal. als er aber ein weiteres bett in sein haus stellt, finden gerüchte und vermutungen nahrung. niemand weiss genaues, aber man nimmt an, seine frau, die ihn vor vielen jahren verlassen hat, komme zurück.
der autor erzählt die geschichte dieses mannes aus der optik eines begleiters. er verbringt einige tage mit ihm, teilt seinen alltag und schildert das leben in diesen weilern am hang des bleniotales. er zeichnet die einzelnen menschen, die hier leben, ihre beziehungen untereinander, aber auch die einflüsse von aussen, die abwanderung der jugend, das zurückbleiben der alten und den zerfall von unbewohnten häusern weder beschönigend noch romantisierend. dieses ruhige buch ist einfach wundervoll zu lesen und weckt irgendwie eine gewisse sehnsucht nach diesem leben.