08.08.2015

lukas bärfuss: koala

die auseinandersetzung mit dem selbstmord seines bruders ist das zentrale thema des autors. er hatte keine besonders nahe beziehung zu seinem bruder, der seinem leben ein ende setzte, ohne dass zeichen dafür zuvor erkannt worden wären.
bei den pfadfindern wurde er auf den namen „koala“ getauft. der koala ist ein ganz eigenartiges tier, das sein leben vorwiegend mit fressen und schlafen verbringt, selbst die fortpflanzung scheint eine anstrengung zu sein, der sich die koalas jeweils nur kurz hingeben.
der autor geht der frage nur am rande nach, was sein bruder wohl mit einem koala gemeinsam hatte. er widmet sich jedoch ausgiebig der geschichte der entdeckung und den lebensumständen dieser tiere und scheint darin die antworten zu seinen fragen zu finden. die auseinandersetzung ist ein eher philosophisches werk um das fühlen und erleben des suizides in der familie.
vor allem aber ist der sprachlich einzigartig schöne text das, was mich am lesen gehalten hat.

10.07.2015

kathryn stockett: gute geister

1962 ist der alltag in mississippi noch geprägt von rassentrennung, ku-klux-klan und einem selbstverständnis der weissen, das sie über alle anderen setzt. viele weisse kinder werden von schwarzen hausangestellten betreut, die ihnen oft näher stehen, als die eigenen mütter.
vor diesem hintergrund treffen wir die drei hauptpersonen: skeeter, aibileen und minny. skeeter vermisst constantine, von der sie grossgezogen wurde und die sie über alles liebte. constanine war plötzlich nicht mehr da. sie wurde entlassen und niemand spricht darüber. skeeter will die hintergründe herausfinden und beginnt sich mit dem leben der schwarzen hausangestellten zu beschäftigen. die schwarze aibileen lässt sich überzeugen an dem daraus resultierenden buchprojekt mitzuarbeiten und kann auch ihre beste freundin minny dafür gewinnen. die drei frauen lassen sich auf ein projekt ein, das für alle gefährlich werden kann, aber sie wollen etwas verändern.
nicht nur die sensationell treffenden beschreibungen der einzelnen charaktere machen das buch lesenswert. einzigartig gelingt es der autorin auch die feinen beziehungsnuancen emotional stark darzustellen. beim lesen hält man es zeitweise kaum für möglich, dass vor fünfzig jahren noch solche rassengesetze gültig waren, die das leben in einzelnen bundesstaaten der usa prägten.
ein sehr berührendes buch, das trotz des traurigen und schwierigen hintergrunds auch viel humor und hoffnung in sich birgt.

07.07.2015

dara horn: vor allen nächten

die eltern von jacob sind daran eine heirat für ihn zu arrangieren. die braut ist geistig eher etwas zurückgeblieben, aber wäre mit ihrer erbschaft eine gute ergänzung zum handelsunternehmen von jacobs vater. er flieht und meldet sich bei der armee der nordstaaten um in den bürgerkrieg zu ziehen. hinter den feindlichen linien kommt er als spion in einer familie mit vier töchtern unter und gerät zwischen alle fronten. vor allem seine liebe zu jeannie, einer der töchter, bringt viel unruhe und zweifel in sein handeln. schliesslich finden sich die beiden, als die ganze stadt in trümmern liegt.
der in der zeit des amerikanischen bürgerkriegs handelnde roman ist eine komplexe und relativ unübersichtliche geschichte, die streckenweise etwas konstruiert daherkommt. wegen der vielen akteure und vielen handlungsorte ist es nicht nur schwierig, den ueberblick zu behalten, sondern auch dran zu bleiben, weil die geschichte immer wieder zwischen grauen und sensation pendelt, ohne wirklich in die tiefe zu gehen.

21.06.2015

leon de winter: ein gutes herz


marokkanische migrantenjungen, die gemeinsam in einer fussballmannschaft spielen, lassen sich von ihrem anführer zu terroristischen taten verführen. ein sprengstoffanschlag mitten in amsterdam, eine flugzeugentführung und die besetzung einer schule mit geiselnahme folgen kurz aufeinander. in einem möglichen milieu der gegenwärtigen niederlande bewegt sich die spannende handlung zwischen fiktion und realität. real lebende, bereits gestorbene und fiktive personen bestreiten in einer einzigartigen mischung die geschichten zwischen gangstern und ehrbaren leuten, vätern und söhnen, männern und geliebten, wie auch das leben von kindern und jugendlichen. theo van gogh, pim fortuyn, geert wilders, ayaan hirsi ali, piet hein donner, leon de winter selbst und seine frau jessica durlacher handeln in diesem buch mit und gegen fiktive personen.
am ehesten ist es eine art krimi, der mit viel witz, satire aber auch ernsthaftigkeit gesellschaftliche probleme aufnimmt.

18.06.2015

amoz oz: judas

hätte es bei der gründung des staates israel auch andere möglichkeiten gegeben? ueber seine prota­gonisten stellt der autor kritische fragen zur errichtung des judenstaates, zum zionismus und erwägt noch einmal die möglichkeiten anderer wege, die damals von als verräter gebrandmarkten andersdenkenden aufgezeigt wurden.
als der junge schmuel eine arbeit als gesellschafter und betreuer bei einem alten, behinderten, aber sehr belesenen und eloquenten mann aufnimmt, trifft er dort auf dessen schwiegertochter atalja, die eine grosse faszination auf ihn ausübt. gleich zu beginn warnt sie ihn, sich nicht in sie zu verlieben, was ihn sonst, wie seine vorgänger schon, seinen arbeitsplatz kosten würde. zurückgezogen in diesem haus leben die drei und in ihren gesprächen nähert sich der roman den geschichtlichen und politischen fragen der zeit ben gurions.
dieser spannende roman ist liebesgeschichte und politisches dokument zugleich.

21.05.2015

plinio martini: nicht anfang und nicht ende

die bevölkerung der tessiner bergtäler ist noch bis ins zwanzigste jahrhundert hinein unvorstellbar arm. viele junge sind gezwungen nach amerika auszuwandern, um jahrzehnte später, zu vermögen gekommen, wieder zurückzukehren.
gori lässt seine verlobte maddalena im val bavona zurück und geht nach kalifornien. aus der sicht des späteren rückkehrers erfahren wir seine geschichte. die erfahrungen in der neuen welt verändern aber nicht seine moralischen und ethischen grundhaltungen. bei seiner rückkehr findet er eine heimat vor, die sich sehr gewandelt hat. war es richtig, damals auszuwandern? die antwort darauf findet er nicht wirklich.
ein eindrücklicher roman, der ein stück neuerer schweizer geschichte beleuchtet, die man heute kaum noch für möglich hält.

19.05.2015

pascal mercier: lea

die geschichte wird von einem dritten erzählt. die daraus resultierende perspektive ist beabsichtigt, wie der autor in einem nachwort bestätigt. es ist die geschichte der beziehung zwischen vater und tochter, nach dem tod der mutter und ehefrau. aus der anfänglichen sprachlosigkeit zwischen den beiden entwickelt sich über die jahre nähe und vertrautheit. mit dem erwachsenwerden leas beginnt jedoch ihre ablösung, gegen die ihr vater teils bewusst, teils unbewusst anzukämpfen beginnt und sich dabei sogar zu kriminellen machenschaften verleiten lässt.
detailliert gezeichnete figuren und philosophische dialoge sind neben der manchmal etwas langsamen handlung die stärken dieses romans. ein buch, das mich zum nachdenken anregte und ich zeitweise beiseite legen musste.