13.01.2018

steinunn sigurdardóttir: herzort

die alleinerziehende mutter harpa beschliesst mit ihrer drogenabhängigen tochter edda aus reykjavik wegzugehen, um sie der schlechten gesellschaft dort zu entziehen. harpas beste freundin heide fährt sie mit ihrem pickup an die ostfjorde. die reise der südküste islands entlang birgt viele ueberraschungen und verläuft nicht immer problemlos. die schwankende stimmungslage von edda und der versuch ihrer drogenfreunde sie zurückzuholen, bringt einige schwierigkeiten. und harpa ist noch auf einer ganz anderen, eigenen mission: sie will in ihrer heimat endlich erfahren, wer ihr leiblicher vater ist.
intensiv und von emotionaler tiefe ist die beschreibung des dilemmas der jungen mutter, die der fast unlösbaren aufgabe gegenüber steht, die tochter trotz ihrer frechen und ruppigen art zu lieben und gegen ihren willen das «beste für sie» zu wollen. daneben steht die jahrelange und tragende freundschaft von harpa und heide, die verschiedener nicht sein könnten. dies alles spielt sich in einer spektakulären landschaft ab. zuletzt löst sich auch die frage nach dem leiblichen vater ohne ins kitschige abzugleiten. wenn einem der einstieg in die geschichte gelungen ist, liest sich das buch gut und weckt sehnsüchte nach diesem einzigartig fremden island.

07.01.2018

elif shafak: der architekt des sultans

im 16. jahrhundert kommt jahan aus seiner heimat indien mit einem weissen elefanten in istanbul an. das tier ist ein geschenk des dortigen herrschers für den sultan des osmanischen reiches. als betreuer des elefanten lebt jahan am hof und sein aufstieg bis in die höchsten kreise beginnt. er verliebt sich unglücklich in die tochter des sultans, wird schüler des hofarchitekten sinan und befreundet sich mit einem zigeunerpatriachen, der ihn mehrmals aus schwierigkeiten rettet. als sinan stirbt verhindern intrigen, dass jahan dessen nachfolge antreten kann. im hohen alter kehrt er nicht ganz freiwillig zurück nach indien.
schon nach den ersten zwanzig seiten steckt man mitten in dieser farbigen geschichte, die einen an märchen aus 1001 nacht erinnert. allein die beschreibung des friedlichen lebens der menschen so unterschiedlicher herkunft im damaligen istanbul lohnt das lesen. die lebensgeschichte von jahan ist ergreifend und voll von emotionen. auch wenn ihm nicht alles gelingt und er immer wieder niederlagen erleben muss, bleibt er ein mensch, der nur das gute will. eine meisterhafte erzählung, in der alles stimmt.

29.12.2017

alain claude sulzer: privatstunden

martha, die frühere lehrerin und mittlerweile mutter und ehefrau erteilt dem jungen flüchtling leo aus osteuropa deutschunterricht. doch bald entwickelt sich mehr daraus: ein heimliches liebesverhältnis, das endet, als leo nach kanada zu seinem bruder geht. zurück bleibt eine enttäuschte martha, die aber gereift in der ausgeleierten familienstruktur weiterlebt. jahre später sucht und findet andreas den früheren geliebten seiner mutter um der geschichte nachzugehen.
faszinierend ist die nachzeichnung von ganz unterschiedlichen beziehungen zwischen menschen. ehen, deren ende längst überfällig wäre, wortloses zusammenleben und aufrechterhaltung des scheins. all dies und mehr bringt der autor auf eine art und weise in den roman ein, die das lesen zum vergnügen machen. die ende der 1960er jahre angesiedelte handlung hat kaum an aktualität verloren.

25.12.2017

juli zeh: adler und engel

die karriere von max in einer angesagten anwaltskanzlei endet abrupt, als seine freundin jessie sich das leben nimmt. max verliert den halt im leben, nur regelmässiger kokainkonsum lässt ihn alles aushalten. als er in eine radiosendung anruft, die sich menschen mit grossen lebensproblemen widmet, beginnt etwas neues. clara, die moderatorin bringt ihn dazu, sich mit seiner vergangenheit auseinanderzusetzen.
die spannende sprache mit vielen abenteuerlich beschriebenen alltagssituationen und lustigen vergleichen liess mich beim lesen durchhalten. uebertreibungen, aktionismus und realitätsfremdheit beherrschen immer wieder den text. zu viele nebenhandlungen liessen die spannung nicht aufkommen. die grosse handlungsdichte und eine etwas unübersichtliche zeitfolge mit retrospektiven machten mir das lesen schwer. kurz, ich habe nicht in das buch hineingefunden.

15.12.2017

john von düffel: zeit des verschwindens

zwei von einander unabhängige geschichten laufen parallel durch das buch.
in der einen ist philipp beruflich viel unterwegs. die beziehung zu seiner frau ist eigentlich gelaufen, aber zum geburtstag seines kleinen sohnes fährt er nach hause. er ist unsicher und immer wieder will er umkehren.
in der anderen handlung stürzt christina wegen des todes ihrer schwester in eine tiefe krise. sie kann schlecht darüber reden und ihr freund hendrik ist ihr kaum eine hilfe.
in diesem sensiblen und zeitlosen buch, erfahren wir von den gedanken und nöten dieser beiden letztlich hilflosen menschen, die am schluss unerwartet aufeinander treffen. diese gefühlvolle und trotzdem sachliche geschichte lässt einen sehr berührt zurück.

07.12.2017

édouard louis: im herzen der gewalt

auf dem heimweg von einer weihnachtsfeier wird édouard von einem jungen mann angesprochen und schnell ist klar, dass es eine spontane gemeinsame nacht werden wird: édouard nimmt reda mit zu sich nach hause. was zärtlich und liebevoll beginnt, endet mit der bewaffneten drohung redas, er werde ihn umbringen. édouard kommt mit einer tiefen seelischen verwundung davon, die er in diesem buch zu verarbeiten sucht.
dieses einzigartige werk ist nicht ganz einfach zu lesen und erfordert nicht nur wegen der vielen perspektivenwechsel grosse aufmerksamkeit. die exakt beschriebenen ereignisse sind streckenweise schwer auszuhalten. sein eigenes leiden, die veränderung seiner wahrnehmung und das erstaunen darüber, geben einen tiefen einblick in seine wechselvollen gefühle. treffend beschreibt er das oft hilflose und ignorante verhalten der professionellen helfer und die harte probe, auf die die persönlichen freundschaften gestellt werden. vor allem aber seine eigene ambivalenz dem täter gegenüber macht diesen autobiografischen roman extrem stimmig und hinterlässt eine tiefe betroffenheit.

02.12.2017

eberhard rathgeb: kein paar wie wir

ruth und viktoria emigrieren vor dem zweiten weltkrieg mit ihren eltern nach argentinien. ihr tyrannischer vater und ihre depressive mutter machen den beiden die jugend schwer. zuerst entscheidet sich ruth zur flucht und zieht nach new york, viktoria folgt ihr zwei jahre später nach. dort führen sie ein freies und unbeschwertes leben. als ihre eltern pflegebedürftig werden, kehren sie zu ihnen zurück und bleiben dort. im hohen alter blicken sie zurück auf ihr gemeinsames leben und ihre symbiotische beziehung.
das zentrale thema ist das finden eines gleichgewichtes zwischen dem verantwortungsgefühl der eigenen familie gegenüber und der realisierung der eigenen träume. diese geschichte, die exemplarisch für viele schicksale von töchtern steht, beschreibt nicht nur den weg zum selbstbestimmten leben der zwei, sondern zeichnet auch die ganz besondere beziehung zwischen den beiden frauen.