18.06.2014

anne cuneo: schon geht der wald in flammen auf

das zürcher schauspielhaus ist während des zweiten weltkrieges eine der einzigen freien bühnen im deutschen sprachraum. hier werden stücke gespielt, die in deutschland längst verboten sind. bedeutende schauspielerinnen und schauspieler haben hier einen ort für ihr wirken gefunden. die junge jüdische emigrantin ella berg, die ihre ganze familie verloren hat, kommt nach zürich und wird in diese gemeinschaft aufgenommen. hier lernt sie nathan kennen, die beiden verlieben sich. ihre heirat hilft auch, den aufenthaltsstatus von ella zu regeln.
ein stück spannender zeitgeschichte kommt uns in diesem buch entgegen. ganz nahe führt uns die autorin in diese welt der bühne, eines ensembles, das unter schwierigen umständen ein freies theater macht und damit gegen den nationalsozialismus stellung nimmt. auch dass die offizielle schweiz, die auf neutralität bedacht ist und eine konfrontation mit nazideutschland zu vermeiden sucht, diesen aktivitäten kritisch gegenüber steht, wird thematisiert. ein geschichtsbuch, das fiktion und wirklichkeit in einem spannenden roman verbindet.

22.05.2014

uwe timm: halbschatten

alles andere als gewöhnlich war es zu beginn des 20. jahrhunderts, dass frauen als pilotinnen unterwegs waren. marga von erzdorf war eine der frühen fliegerinnen: als erste flog sie von europa nach japan. bei ihrer ankunft trifft sie auf christian von dahlem, der für die deutsche botschaft als diplomat arbeitet. sie verbringen eine ungewöhnliche nacht gemeinsam in einem zimmer, getrennt nur durch einen vorhang. von dahlem, früher selbst flieger unter anderem im ersten weltkrieg, erzählt in dieser nacht von seiner tätigkeit als pilot aber auch von den ersten fliegerinnen. neben der schönheit und der faszination des fliegens berichtet er auch von gefahren, schrecken und verrat, vom prestige der piloten und deren instrumentalisierung im dritten reich. kurze zeit später bringt sich marga von erzdorf nach einem flug nach aleppo in syrien um. die ganze geschichte erzählt der friedhofsführer auf dem invalidenfriedhof in berlin, wo marga von erzdorfs grab sich befindet, aber nicht nur ihres, sondern auch gräber von männern, die im dritten reich das sagen hatten.
nicht ganz einfach zu lesen, weil die handlungsstränge sich immer wieder abwechseln und man sich immer wieder in einer anderen zeit befindet. aber gerade dies zeigt uns, wie sich die gleichen muster von macht und ohnmacht, liebe und gewalt, hässlichkeit und schönheit zu allen zeiten nicht nur immer wiederholen, sondern auch parallel in erscheinung treten.




10.05.2014

wolfgang herrndorf: arbeit und struktur

ein hirntumor limitiert die lebenserwartung von wolfgang herrndorf ganz massiv. nach seiner diagnose beginnt er einen blog zu schreiben, in dem er seinen alltag, seine gedanken, seine auseinandersetzung mit der krankheit, die reaktionen seiner freunde und seines umfeldes protokolliert. arbeit und struktur helfen ihm, diese herausforderung anzunehmen und sich ihr zu stellen. er schwankt zwischen hoffnung und resignation, ist über weite strecken realist, hat zeitweise aber auch einen nahezu sarkastischen umgang mit der krankheit und dem medizinischen personal. epileptische anfälle bestimmen zunehmend sein leben. gegen schluss gelingt es ihm nur noch mit hilfe seiner freunde, die texte niederzuschreiben.
sein scharfsinn, seine intelligenz und seine beobachtungsgabe ermöglichen ihm bilder zu vermitteln, die man als leser nicht mehr vergessen kann. klarer und realistischer kann man eine solche zeit der krankheit und des bevorstehenden todes kaum vermitteln. mit einer beeindruckenden konsequenz geht er seinen weg.
es war sein wunsch, dass dieser blog als buch herausgegeben wird. dafür werde ich ihm immer dankbar sein, denn, sollte ich je selbst in eine solche lage kommen, werde ich diese texte wieder lesen. ich bin überzeugt, sie werden mir eine grosse hilfe sein.

04.05.2014

klaus merz: jakob schläft

jakob, der älteste sohn, stirbt bei der geburt, der jüngste ist behindert, der vater leidet an epilepsie. aus der perspektive des mittleren sohnes wird die geschichte erzählt. trotz des schweren schicksals der familie geht das leben seinen gang und verläuft über weite strecken so normal wie das leben anderer familien. auch jakob ist in den gedanken immer mit dabei. oft ist – vielleicht etwas unerwartet – leichtigkeit und freude zu spüren.
mit genauen und oft kargen sätzen versteht es der autor uns diese stimmungen zu vermitteln. das buch ist für mich ein kleines wunder.

26.04.2014

catalin dorian florescu: der blinde masseur

mit teodors reise zurück in seine ursprüngliche heimat rumänien, aus der er mit seinen eltern geflüchtet war, beginnt die geschichte. in einem abgelegenen kurort trifft er auf ion. der blinde masseur ist ein ausserordentlicher mann, der sich der literatur verschrieben hat. in ihm findet er einen freund, dem er vertraut und dies veranlasst ihn hier zu bleiben. aber das blatt wendet sich unerwartet: teodor wird getäuscht und betrogen.
während man beim lesen in diese etwas seltsame gesellschaft eintaucht und sich darin wohlzufühlen beginnt, ereignen sich unerwartet dinge, die den wunsch aufkommen lassen wegzugehen. erzählungen der alten bauern und die entlegene, fast mystische landschaft bringen eine eigenartige stimmung auf.
ein sprachlich reiches buch, das zu lesen eine reine freude ist.

23.04.2014

daniel zahno: die geliebte des gelatiere

der ich-erzähler alvise wird als einzelkind in venedig gross. mit seinen mitschülern hat er es nicht leicht, aber noëmi, ein mädchen in seiner klasse, ist seine jugendliebe. das glück ist von kurzer dauer: noëmi zieht mit ihren eltern weg. alvise muss seinen weg ins leben finden. auf umwegen wird er ein bekannter und erfolgreicher gelatiere. seine erste liebe kann er aber nicht vergessen. erst eine schwere erkrankung macht ihm klar, dass er noëmi suchen muss. er macht sich auf den weg und findet sie!
eine eigentlich schöne geschichte, die einen sehr bewegen kann. während die gefühle und empfindungen klar und berührend beschrieben sind, scheinen die umgebende handlung, die orte und ereignisse etwas konstruiert daherzukommen. trotzdem ein liebevolles und unterhaltsames buch.

10.04.2014

fjodor dostojewskij: verbrechen und strafe

der arme student roskolnikow erschlägt die alte pfandleiherin aljona iwanowna, um an ihr geld und ihre habe zu kommen. deren schwester überrascht ihn bei der tat und erleidet das gleiche schicksal. nur viel glück und zufälle lassen den täter unerkannt entkommen. die grosse schuld, die er sich aufgeladen hat, lässt ihn nicht mehr zur ruhe kommen, macht ihn krank. zwei wochen, in denen vieles geschieht, treiben ihn um zwischen schuldbewusstsein und verdrängung. schliesslich legt er ein geständnis ab und wird verurteilt. die ganze handlung findet im st. petersburg der 19. jahrhunderts statt. wenige reiche und viele arme bevölkern die stadt, die hierarchien des zarenreichs tragen das uebrige dazu bei, den status quo zu erhalten.

die neue uebersetzung von swetlana geier bringt uns dostojewskijs „schuld und sühne“ in einer zeitgenössischeren und flüssigeren sprache näher und macht das lesen leichter, ohne dass inhalt und botschaft leiden.