20.11.2015

peter henning: die aengstlichen

die achtzigjährige johanna entscheidet sich, ihre wohnung aufzugeben und in ein altersheim zu ziehen – die wohnung, in der sie mit ihrer familie lange jahre verbracht hat und in der ihre kinder gross geworden sind. um allen ihren entscheid kundzutun plant sie eine einladung zum essen. im vorfeld dieses treffens kämpft der eine sohn mit einem krebsverdacht, der andere flüchtet aus der psychiatrischen klinik und die ehe der tochter scheint definitiv zu scheitern. schliesslich erscheinen nur der ältere sohn, ein enkel und die tochter. das sorgfältig geplante essen findet ein katastrophales ende.
die eigentlich spannende familientragödie, die für sich in anspruch nimmt, ein abbild gesellschaftlicher verhältnisse im heutigen deutschland zu sein, verkommt zu einer schwülstigen geschichte. endlose schachtelsätze, voll von drehbuchartigen details, stören dauernd und lenken vom substanziellen im text ab. auch die dichte folge von meist überflüssigen nennungen von markennamen ärgert beim lesen und lässt einen unweigerlich an „product-placement“ denken. dazu sieht man sich am ende unverhofft mit offenen handlungssträngen konfrontiert. weniger wäre eindeutig mehr; die an sich spannende und aktuelle geschichte würde – auf die hälfte reduziert – sehr gewinnen.

11.11.2015

alina rheindorf: nenad

das ist die geschichte von zwei jungen in wien: nenad, der sohn einer montenegrinischen einwandererfamilie, die in beengten verhältnissen lebt, und kristian, der bei vermögenden eltern in einem grossen haus in einem villenviertel aufwächst und dem es materiell an nichts fehlt. die lebenswege der beiden kreuzen sich schon früh, sie gehen zeitweise gemeinsam zur schule, aber es wird nicht wirklich eine freundschaft. nenad hat den eindruck, dass er schon alleine wegen seines fremdsprachigen vornamens weniger chancen hat in der gesellschaft. und da sind noch goran und minerva. das geschwisterpaar sind die besten freunde von nenad. letztlich kreuzen sich die wege dieser vier jugendlichen immer wieder und das ganze nimmt ein erstaunliches, unerwartetes und schwer verständliches, etwas virtuelles ende.
nenad ist ein roman mit einer gesellschaftspolitischen botschaft. die benachteiligung von menschen mit migrationshintergrund, vorurteile der einheimischen bevölkerung und chancenungleichheit in der schule sind die zentralen themen. die geschichte hält ihre spannung vor allem über eine starke ereignisdichte, ist oft etwas plakativ und bedient in diesem kontext beinahe jedes cliché. es ist eher ein jugendbuch, das aber auch erwachsenen lesenden einen anstoss geben kann.

07.11.2015

john williams: butcher's crossing

im verschlafenen ort butcher's crossing tummeln sich vor allem büffeljäger und desperados. auf der suche nach der wildnis und der wahren natur hat william andrews sein bequemes leben an der ostküste hinter sich gelassen und ist hier im «wilden westen» angekommen. er trifft auf miller, einen abenteurer, der von einer riesigen büffelherde in einem abgelegenen tal weiss. er kann andrews gewinnen, diese jagd zu finanzieren und so machen sich vier männer auf den weg dahin. schon zu beginn gibt es ernste probleme, aber letztlich erreichen sie unter aufbietung ihrer letzten kräfte dieses hochtal von einzigartiger schönheit und treffen dort auch auf die sagenhaft grosse büffelherde. nach einer kurzen erholungszeit beginnt die jagd, die in einem richtigen blutrausch endet. noch sind nicht alle büffel erlegt, längst hätte man genügend felle, aber miller kann nicht aufhören. und so bricht der winter ein, an eine rückkehr ist nicht zu denken. unter grossen entbehrungen müssen die vier männer den frühling abwarten. die heimkehr ist verlustreich und als sie schliesslich wieder in butcher's crossing ankommen, erkennen sie diesen ort nicht wieder.
die vier wortkargen, so unterschiedlichen männer als schicksalsgemeinschaft zu erleben, ihr verhalten, ihre träume, ihre werte, aber auch ihre perspektivlosigkeit sind die zentralen themen dieses romans. aus dem, was zunächst manchmal als missstimmung in der gruppe erscheint, wird während der zeit, in der sie aufs existenzielle zurückgeworfen sind und es ums ueberleben geht, eine spannende geschichte, die die grenzen des einzelnen auslotet.

31.10.2015

charles lewinsky: kastelau

im winter 1944, wenige monate vor kriegsende, versucht jeder, der kann berlin zu verlassen und den bombardierungen zu entkommen. die dreharbeiten für einen ufa-film lassen sich auch in die bayrischen alpen verlagern, wo das leben noch einigermassen sicher ist. kastelau ist der ort, wohin die filmcrew flieht und monatelang filmaufnahmen spielt. filmmaterial ist schon lange keines mehr in der kamera, aber die fortlaufende arbeit ist die einzige gewähr, nicht zurück nach berlin zu müssen. die bevölkerung des dorfes steht den ankommenden zunächst kritisch gegenüber, aber in den letzten kriegstagen, wo nichts mehr wirklich gültigkeit hat, wo auf nichts mehr wirklich verlass ist, haben alle das gleiche ziel.

diese geschichte über schein und wirklichkeit, wahrheit und lügen, opportunismus und aufrichtigkeit ist aus vier perspektiven erzählt. die notizen des forschers, der jahre später der sache nachgeht, die interviews mit einer ueberlebenden, ein fragebogen mit den dazu gehörenden schriftlichen antworten des sohnes des damaligen bürgermeisters und die tagebucheinträge des drehbuchautors parallel einander gegenüber gestellt, zeigen deutlich, wie oft es nicht nur eine wahrnehmung, nur eine wahrheit gibt.

29.10.2015

édouard louis: das ende von eddy

«an meine kindheit habe ich keine einzige glückliche erinnerung», so beginnt das buch und die geschichte der kindheit von eddy bellegueule aus einem rückständigen nordfranzösischen dorf bestätigt dies. eddys vater ist arbeitslos und trinkt, seine mutter versucht die familie mit fünf kindern durchzubringen. vier zimmer hat ihr haus und vier fernseher, die permanent laufen. eddy merkt früh, dass er anders ist und anders empfindet als seine altersgenossen und wird bald als schwuler zum gespött im dorf, wird immer wieder von mitschülern geschlagen, hält das alles aus und denkt anfänglich, es müsse so sein. doch noch als jugendlicher gelingt ihm die flucht aus diesem milieu und eine neue perspektive tut sich auf.
mit diesem eindrücklichen und aufrüttelnden roman, der autobiografisch beeinflusst ist, führt uns der autor in eine welt, die wir hierzulande für kaum möglich halten. trotz der schlimmen kindheit behält er sich die liebe und zuneigung für seine mutter, die – wie er später erkennt – auch opfer dieser umstände ist.
ausschliesslich beschreibend, nie kommentierend oder wertend bleibt der autor beim thema, das einen berührt und nachdenklich stimmt. eines der eindrücklichsten bücher, die ich in den letzten jahren gelesen habe.

21.10.2015

dominique bernet: das gesicht

der roman spielt in der zweiten hälfte des 18. jahrhunderts. im zürcher grossmünster wird zum von tausendzweihundert menschen besuchten bettagsgottesdienst der abendmahlswein vergiftet. der pfarrer lavater will im sinne der gerechtigkeit selbst dem täter auf die spur kommen. sein zögling jakob hat das gleiche ziel, der grund ist aber ein anderer, er will die zuneigung der tochter des sigristen erringen.
eine art krimi aus einer zeit, als die menschen noch schnell bereit waren, jemanden zu verketzern und damit an den galgen zu bringen.

16.10.2015

sofka zinovieff: athen, paradiesstrasse

antigone, die überzeugte kommunistin, lebt in moskau und entschliesst sich nach bald sechzig jahren wegen des todes ihres einzigen sohnes nikitas noch einmal nach athen zu reisen. es kommt nicht nur zur begegnung mit ihrer schwester alexandra, die ihr feindlich gesinnt ist, sondern es tut sich eine weitgespannte familiengeschichte auf. während der zeit des zweiten weltkrieges, des bürgerkrieges, der nachkriegszeit und der schweren zeit während der macht der militärjunta bleibt das haus in der paradiesstrasse das zentrum der familie und wird in unterschiedlichen konstellationen bewohnt.
ein spannender, teilweise fiktiver roman aus der sicht von maud, der frau, antigone, der mutter und tig, der tochter von nikitas, der das schwierige leben vor dem hintergrund wechselnder politischer verhältnisse in griechenland darstellt und damit gleichzeitig ein stück geschichtsunterricht ist.