als jahrelanger direktor der moskauer
krematorien ist pjotr nesterenko mit dem tod vertraut. quer durch
alle schichten der gesellschaft werden menschen unter seiner aufsicht
eingeäschert: normalverstorbene ebenso wie zum tode verurteilte
abweichler, spione, regimegegner und unschuldige. nun steht er selbst
unter anklage und muss sich einem ausgedehnten verhör durch einen
jungen und unerfahrenen leutnant der staatssicherheit stellen.
in diesem buch entlarvt der autor mit
viel sachkenntnis und sehr treffend das funktionieren eines
totalitären systems. wäre es nicht satire, würde sich der text
streckenweise wie eine gerichtsakte lesen. die machtmechanismen und
deren folgen werden schonungslos aufgedeckt, die unzulänglichkeiten
der akteure blossgestellt. trotz allem bleibt dem opfer die hoffnung,
was diesem roman auch etwas versöhnliches gibt.
03.01.2025
sasha filipenko: der kremulator
30.12.2024
alia trabucco zerán: mein name ist estela
estela, aus armen, ländlichen
verhältnissen stammend, entscheidet sich, eine stelle als
hausangestellte bei einem wohlhabenden ehepaar anzunehmen. auch wenn
sie eine zuverlässige kraft ist, vertrauen ihr die dienstgeber nur
zögernd. als die tochter julia zur welt kommt, arbeitet die mutter
bald weiter und überlässt das kind oft ihrer angestellten. mit
verschiedenen tragischen ereignissen konfrontiert finden sich alle
immer mehr in einer schicksalsgemeinschaft. jedes familienmitglied
hat im verlauf der zeit geheimnisse, die nur mit der schweigenden
hausangestellten geteilt werden. nach dem tragischen tod von julia
wird estela verdächtigt schuld daran zu sein. nach vielen jahren
treuer arbeit wird sie ohne beweise entlassen und steht mittellos auf
der strasse.
es ist nicht nur ein parabelhafter
roman über arm und reich, sondern auch ein soziogramm der
abhängigkeiten und beziehungen, die hier aus der optik der gut
beobachtenden hausangestellten berichten. estela analysiert die
ambivalenz des verhaltens des paares ihr gegenüber, ihre krisen und
beleuchtet die wechselseitigen abhängigkeiten. wie sie letztlich als
arme angestellte auf sich selbst zurückgeworfen wird, wird zum
exemplarischen beispiel dieser klassengesellschaft. die nicht
chronologisch erzählte geschichte, die sich beim lesen sehr
unmittelbar an einen richtet, hält die spannung bis zum schluss
aufrecht. das brillant geschriebene, leicht zu lesende zeugnis einer
intelligenten, aber unterprivilegierten frau macht einen nachhaltigen
eindruck.
25.12.2024
arno geiger: das glückliche geheimnis
immer wieder ist er unterwegs, um in
altpapier-containern nach büchern, nachlässen und dokumenten zu
stöbern. er sucht nach historischen schriften und sammlungen von
briefen, die ihm als quelle für seine schriftstellerische arbeit
dienen. aber auf diesen streifzügen könnte er auch zu den
armutsbetroffenen und obdachlosen gezählt werden, deshalb hält er
sein tun vor allen geheim. je bekannter der autor selbst wird, desto
mehr fürchtet er erkannt zu werden. nur seine freundin, mit der er
eine nicht immer einfache beziehung pflegt – sie trennen sich
mehrmals und kommen wieder zusammen – weiss von seinem geheimnis.
mit zunehmendem alter wird die liebe zu ihr grösser und die
beziehung ausgeglichener. die ausflüge werden jedoch schwieriger:
das radfahren und das eintauchen in die grossen container erfordert
kraft, die langsam weniger wird.
der biografisch angelegte roman hat
eine stark philosophische komponente. seine realitätsbezogenen
reflexionen und seine sicht auf seine arbeit sind sehr persönlich
und man fühlt sich beim lesen beinahe wie ein naher freund. ein sehr
reifer text, der auch gedanken über ein allfälliges ende seiner
schriftstellerischen arbeit durchscheinen lässt. ein gedanke, den
ich verstehen kann, der mir als leser aber nicht gefällt.
17.12.2024
thomas strässle: fluchtnovelle
er ist auf einer studienreise unterwegs
in weimar, sie auf einer exkursion der kunsthochschule dresden, als
sie sich treffen. sie verlieben sich ineinander und wollen die
zukunft gemeinsam verbringen, dies aber nicht in der ddr. in den
1960er jahren sind die grenzen zwischen ost und west ein kaum zu
überwindendes hindernis, aber er beginnt mit einer minutiösen
planung für ihre flucht. sie bereitet sich darauf vor, ohne auch nur
mit ihren nächsten darüber sprechen zu können. ein gewagter plan,
der viele risiken birgt. bis kurz vor der ausreise läuft alles wie
vorgesehen, doch im entscheidenden moment ändert sich die sachlage –
improvisation ist gefragt.
mit herzklopfen habe ich diese so klein
daherkommende, grosse geschichte gelesen. die spannend aufgebaute
erzählung lässt einen von der ersten seite an mitfiebern und
hoffen, den beiden möge dieses abenteuer gelingen. konzentriert und
präzis werden nicht nur die ueberlegungen, aengste und handlungen
beschrieben, sondern auch welche folgen die flucht für angehörige
und freunde haben kann. trotz der vielen geschilderten details bricht
die spannung nicht ab, so dass ich das buch ohne unterbrechung zu
ende lesen musste.
15.12.2024
reinhard kaiser-mühlecker: brennende felder
in ihren mädchenträumen wünscht sich
luisa, später einmal ihren stiefvater bob zu heiraten. jung zieht
sie von zuhause aus und hat später zwei kinder aus zwei ehen, die
aber bei ihren vätern leben. als bob viele jahre später unvermutet
bei ihr auftaucht, beginnt nicht nur eine beziehung, sie ziehen auch
zurück ins dorf ihrer herkunft. bob hat aber auch eine dunkle seite:
er bricht auf nächtlichen ausflügen zum diebstahl in anderer leute
häuser ein. dabei wird er einmal überrascht und erschossen. ueber
dieses als unfall eingestufte ereignis wird im dorf fortan
geschwiegen. später begegnet luisa ferdinand, dem mörder ihres
mannes und beginnt sich ihm zu nähern. doch da gibt es widerstand
von ferdinands sohn anton, den sie erst nach längerer zeit
überwinden kann um bei den beiden einzuziehen. nach der anfänglichen
euphorie stellt sich der alltag ein: ferdinand ist ein schweigsamer,
schwer zu deutender mensch. das gemeinsame leben gestaltet sich immer
schwieriger bis sie sich letztlich wieder trennen. luisa bleibt
immer eine latent unzufriedene suchende.
die trotz allem irgendwie faszinierende
handlung liefert der geschichte nur das gerüst. der roman spricht
viele themen an: verlassen der kinder, beziehungsstress und
einsamkeit sind nur einige davon. als aussenstehender betrachter
beschreibt der autor schuldgefühle, interpretationen, projektionen
und vieles mehr, das luisas leben beherrscht. unkommentiert schildert
er ihre emotionen und vermeidet damit jede wertung. der bann, den
dieses buch beim lesen auszulösen vermag, ist nicht nur der schönen
sprache und dem gut fliessenden text geschuldet, sondern auch der
einzigartigen einfühlung in diese gedankenwelt.
09.12.2024
sarah kuratle: greta und jannis
die nachbarskinder kennen sich schon
von klein auf. beim gemeinsamen spiel äussert jannis den wunsch,
gretas bruder zu sein. als jugendliche verlieben sie sich ineinander.
doch sie dürfen kein paar sein, weil sie – was sie lange nicht
wissen – geschwister sind. jannis geht in die stadt um dort das
gymnasium zu besuchen, greta ins hinterste dorf im tal, ihrer
grosstante zu helfen, die ausgesetzten kindern ein zuhause bietet.
aber immer wieder reist greta für ein paar tage weg. sie fährt zu
jannis in die stadt. ihre liebe, ihr verlangen bleibt gegenüber den
anderen ein geheimnis.
in einer sphärisch anmutenden sprache
wird hier die geschichte dieser zwei jungen menschen erzählt in der
die handlung oft nur zu erahnen ist. der weitgehende verzicht auf das
wort «und», wie auch die komplexen satzkonstruktionen mit der darin
oft ungewohnten stellung des subjekts erzeugen einen ganz eigenen
lesefluss, dem zu folgen eine hohe konzentration erfordert. ein
literarisches erlebnis ganz besonderer art tut sich in diesem buch
auf, das mir sicher lange in erinnerung bleiben wird.
03.12.2024
pierre lemaitre: spiegel unseres schmerzes
auf vier
verschiedene schauplätzen handelt der roman. die grundschullehrerin
louise arbeitet nebenher im restaurant von monsieur jules. einer der
gäste macht ihr ein unseriöses angebot, auf das sie nach einigem
zögern einsteigt, was sie letztlich vor gericht bringt. der
unglaubliche hochstapler desiré migault, der sich die kriegswirren
zunutze macht, tritt als rechtsanwalt und verteidiger von louise auf.
später erscheint er als regierungsmitarbeiter, chirurge und
priester. zur gleichen zeit liegt raoul landrade als soldat mit
seiner einheit im kampf gegen die 1940 einmarschierende deutsche
wehrmacht. bald ist er auf der flucht, auf der er unwahrscheinliches
erlebt. und dann gibt es fernand, dessen freundin alice paris zur
sicherheit schon verlassen hat, er aber einen gefangenentransport
bewachen muss. alle sind bald unterwegs in diesem grossen
flüchtlingstreck nach süden. auch monsieur jules und louise finden
sich darin wieder. diese vier erzählstränge, die zunächst wenig
gemeinsam haben, laufen in einer genialen weise aufeinander zu und
finden ein erstaunliches ende.
in
diesem unterhaltsamen, aber auch tiefgründigen roman treten vor dem
hintergrund realer geschichtlicher ereignisse menschen in sehr
unterschiedlichen lebenslagen auf. letztlich
ist es immer mehr deren ziel, die kriegswirren zu überleben. mit
viel fantasie komponiert der autor eine brillant geschriebene
geschichte, die immer wieder ethische fragen aufwirft und die wahren
werte des lebens unter solchen extremsituationen zur diskussion
stellt. teilweise unglaubliche bis unwahrscheinliche passagen und an
unmöglichkeit grenzende ereignisse und zufälle gehören genau so
dazu, wie starke emotionale momente, die mir beim lesen nahe gegangen
sind. spannend von der ersten bis zu letzten seite lässt sich das
buch kaum aus der hand legen.