29.07.2019

annie ernaux: die jahre

während des zweiten weltkriegs geboren wächst annie ernaux im nachkriegsfrankreich auf. ihre kindheit und jugend sind geprägt von der langsamen gesellschaftlichen erholung, von der langen regierungszeit präsident de gaulles, der algerienkrise bis hin zu den studentenunruhen von 1968. später folgen die aera mitterand, globalisierung und frauenemanzipation. sie wird mutter von zwei söhnen. im alter blickt sie nicht unzufrieden zurück auf das leben, das ihr trotz vieler veränderungen viel gutes und schönes gebracht hat.
eigentlich eine autobiografie, die annie ernaux von sich aber in der dritten person schreibt, deren persönliches leben damit eher im hintergrund bleibt, und einen angenehm distanzierten zugang zur geschichte der autorin ergibt. fern von wirtschaftlichen problemen und einer eher vermögenden mittelschicht zugehörig, vergisst sie die weniger privilegierten und sozial schwachen nicht und analysiert mit diesem fokus bestechend und treffend das politische system frankreichs und dessen akteure. damit schafft sie ein ganz besonderes geschichtsbuch.

09.07.2019

michael köhlmeier: abendland

carl jakob candoris ist 95 jahre alt und blickt zurück auf ein bewegtes leben. geboren noch in der zeit der donaumonarchie beginnt sein leben im südtirol. nachdem sein vater im ersten weltkrieg gefallen ist, zieht er mit seiner mutter nach wien zu deren wohlhabenden eltern. als junger erwachsener geht er hinaus in die welt und erlebt viele spannende und abenteuerliche momente während beinahe eines ganzen jahrhunderts. jetzt im hohen alter berichtet er seinem biografen, dem schriftsteller sebastian lukasser, sein leben. parallel dazu wird lukassers familiengeschichte erzählt. der vater von sebastian wurde seinerzeit von carl candoris als musiker entdeckt und gefördert. die beiden familien bleiben sich während der ganzen zeit verbunden.
mit der beschreibung des lebens dieses eigenwilligen mannes reist man beim lesen um beinahe die ganze welt, trifft unterschiedliche menschen und schicksale. immer wieder tun sich neue erlebnisfelder auf. die meisterhafte verflechtung von geschichtlichen fakten, historischen figuren und fiktion vermitteln zudem mit einer einzigartigen leichtigkeit viel wissen. die einzelnen personen sind exakt und detailliert, aber immer liebevoll beschrieben und selbst den teilweise schwierigen familiensituationen lässt sich beim lesen eine positive seite abgewinnen. faszinierend, wie dies gelingt. ein schöner und weitläufiger roman, der beinahe immer die spannung hält.

30.06.2019

daniel de roulet: die blaue linie


max, arrivierter und erfolgreicher architekt, der projekte auf der ganzen welt betreut, läuft den new york-marathon. in seiner jugend war er teil der anti-akw-bewegung. sein erster langer lauf war die flucht durch die nacht nach der sprengung des informationspavillons auf dem bauplatz in kaiseraugst. während er der blauen linie entlang durch manhattan, queens, brooklyn und die bronx läuft, kommen diese und viele andere erinnerungen aus seinem leben hoch. der widerspruch in seiner lebensgeschichte wird für ihn greifbar.
faszinierend sind die akribisch genauen beschreibungen der spannung im vorfeld des laufes und der empfindungen im körper, während der strapazen. genau gezeichnet sind auch die unterschiedlichen kulissen, die sich vor den läufern auftun und die die sozialen unterschiede der einzelnen stadtteile aufzeigen. die erinnerung an jene fluchtnacht bleibt eher kommentarlos erzählt. diese geschichte, die exemplarisch stehen kann für die biografie vieler altachtundsechziger kommt in einer komplexen, sehr schönen sprache daher.

28.06.2019

marco balzano: das leben wartet nicht

mit neun jahren verlässt ninetto zusammen mit einem freund der familie das heimatdorf in sizilien um im norden arbeit zu finden. In mailand beginnt er als ausläufer, bis er mit fünfzehn legal in einer autofabrik zu arbeiten beginnen kann. seinem arbeitsplatz bleibt er treu bis ein dramatisches ereignis sein leben völlig verändert. heute als pensionierter blickt er zurück auf sein leben, seine arbeit und seine familie. seine fröhliche, positive und gewinnende art hat ihn immer weitergebracht. und nun muss er kämpfen, weil die beziehung zu seiner familie in gefahr ist.
noch in den 1960er-jahren war es üblich, dass kinder aus armen familien im süden italiens nach norden gingen um dort zu arbeiten und geld zu verdienen. auf dieser historischen tatsache bewegt sich die berührende geschichte von ninetto, der trotz aller schwierigkeiten immer wieder aufsteht und weitergeht. der autor zeichnet neben einer familiengeschichte in dieser sozialstudie auch ein bild Italiens der letzten jahrzehnte, in dem die süditalienischen arbeitskräfte für die industrie im norden mittlerweile von solchen aus afrika abgelöst werden.

21.06.2019

francesca melandri: ueber meereshöhe

ende der 1970-er jahre sind zwei menschen auf einer fähre unterwegs, die sie zur gefängnisinsel bringt. luisa besucht ihren mann, der im jähzorn einen mord begangen hat, und paolo, seinen sohn, der als terrorist attentate verübt hat. die besuche verlaufen schwierig und erfüllen ihre erwartungen nicht. aber ein aufkommender sturm vereitelt die rückfahrt aufs festland, die beiden müssen die nacht auf der insel verbringen. so beginnen sie miteinander zu reden und finden gegenseitiges verständnis und vertrauen.
mit grosser atmosphärische dichte beschreibt die autorin geschehnisse und nicht immer einfache begegnungen. faszinierend, wie die jeweils nur mit wenigen worten skizzierten personen gestalt annehmen und ihr profil erhalten. ohne aufdringlich zu werden gelingt es francesca melandri fast beiläufig, den fokus auf die rolle der frauen zu richten. man erfährt einiges über die repression des staates und seiner funktionsträger. trotz des schwergewichtigen themas und einer relativen vielschichtigkeit, kommt der roman leicht und spannend daher.

12.06.2019

gaito gasdanow: die rückkehr des buddha

in einem park wird ein student von einem bettler um etwas geld angegangen und er gibt ihm 10 francs. zwei jahre später trifft er in einem café auf einen gepflegten herrn, in dem er den damaligen bettler wiedererkennt. pawel alexandrowitsch lädt den studenten zu sich ein, die besuche wiederholen sich. nach einem solchen abend wird alexandrowitsch ermordet und der student gerät in verdacht der täter zu sein. letztlich kann wegen einer verschwundenen und wieder aufgetauchten buddha-figur seine unschuld bewiesen werden und der wirkliche mörder wird gefasst.
der krimi ist nur der aufhänger für diese geschichte, die eigentlich eine sozialstudie ist und das lebensmilieu der russischen emigranten im paris der zwischenkriegsjahre schildert. in einer bestechend ruhigen und schönen sprache liest man über das aufeinandertreffen von menschen aus unterschiedlichen sozialen schichten, denen nur ihre herkunft gemeinsam ist. die auseinandersetzung mit den politischen vorgängen in ihrer heimat hat ebenso seinen platz wie die gegenseitigen verpflichtungen und abhängigkeiten, in die sich die emigranten verstricken. tiefgründig und bewegend!

05.06.2019

dörte hansen: mittagsstunde


das nordfriesische dorf brinkebüll erlebt seit den 1970er jahren viel veränderung. seit der grossen flurbereinigung ist die landschaft völlig umgestaltet. die kleinbetriebliche landwirtschaft ist untergegangen, nur wenige höfe überleben. die jungen verlassen die dorfgemeinschaft und ziehen in die städte; dorfladen und schule schliessen. in die verlassenen gebäude ziehen junge menschen aus der stadt, die ein anderes leben führen. in diese welt kehrt ingwer feddersen zurück. er lebt seit jahren in kiel in einer wohn­gemeinschaft. seine grosseltern, die ihn anstelle seiner eltern grossgezogen hatten, brauchen hilfe und unterstützung. mit anderen augen betrachtet er die kleine welt seiner kindheit und entdeckt seine liebe zum dorf neu. es schmerzt ihn zu sehen, was alles verloren gegangen ist.
ein heimatroman der ganz besonderen art: als wäre sie selbst darin gross geworden beschreibt die autorin mit grosser genauigkeit das leben und die geschehnisse. in den kapiteln wechselt sie immer wieder die perspektive: gegenwart und vergangenheit. so wird man langsam an die wirklichen geschichten der menschen herangeführt, erfährt langsam all die dinge, über die man im dorf nicht redet, einen mantel des schweigens legt. treffend ist die beschreibung der verschlossenheit und teilweisen rückwärtsgewandtheit der menschen im dorf, die sich doch immer wieder – manchmal freiwillig, manchmal auch eher unfreiwillig – auf neues einlassen. und ausserordentlich berührend zu lesen sind die vielen schwierigen momente der pflege der beiden grosseltern. ganz speziell sind die vielen plattdeutschen dialoge, die zu lesen nach kurzer einübung eigentlich kein problem mehr darstellen und mit denen ein weiterer verlust – der der angestammten sprache – ausgezeichnet skizziert wird.