25.06.2020

philipp tingler: schöne seelen

die ganze geschichte ist im milieu der «reichen und schönen» im heutigen zürich angelegt. millvina liegt auf dem sterbebett in einer schönheitsklinik, dieser letzte eingriff war zuviel. ihre tochter mildred nötigt ihren mann viktor mehr oder weniger dazu eine psychotherapie zu machen. viktor, der gar keine lust darauf hat, sondern sich lieber seinem hobby, der laienschauspielerei, zuwendet, gewinnt seinen freund oskar dafür: stellvertretend für ihn soll er die therapiestunden besuchen. doch es dauert nicht allzu lange und der zufall will, dass dieses konstrukt auffliegt: ein abend absoluter dramatik entwickelt sich.
der roman hat das zeug zu einer bitterbösen karikatur dieser gesellschaft der neureichen. teuerste attribute werden hier zur schau gestellt, exklusivste markenartikel sind die kulisse, gegenseitiger neid und unehrlichkeit beherrschen das feld. was zu beginn amüsant und kurzweilig daherkommt, verliert bald über weite strecken an komik und spannung, erst gegen schluss nimmt die handlung wieder fahrt auf. schliesslich macht aber die bestechend reiche und virtuose sprache das lesen zur freude und lässt die längen in den hintergrund treten.

15.06.2020

julian barnes: vom ende einer geschichte

als adrian neu in die klasse kommt, befreundet er sich schnell mit tony. nach abschluss der schulzeit bleiben sie in kontakt, bis ihre freundschaft ein plötzliches ende findet: tonys freundin veronica entscheidet sich für adrian. tonys leben verläuft klar und ruhig. er heiratet und wird vater, später lässt er sich scheiden und lebt alleine. alles scheint geregelt, bis er von einer anwaltskanzlei wegen einer erbschaft kontaktiert wird. damit erfährt er auch, dass das leben seines früheren freundes anders verlaufen ist, als er dachte und stellt vieles in frage, was er als jugendlicher gefühlt und gedacht hat.
die geschichte wendet sich dauernd in neue richtungen und überrascht immer wieder. trotz der komplizierten verhältnisse lässt der klare handlungsverlauf einen mühelos die uebersicht behalten, bis gegen das ende einiges zunächst unverständlich erscheint und sich erst ganz zum schluss auf den letzten seiten klärt. die vielen philosophischen gespräche und gedanken fügen sich bestens ein: sie machen das buch zu einem kleinen genuss.

11.06.2020

maurizio pinarello: das gedächtnis der steine

zunächst meint der journalist fernando, ein virus auf seinem computer zu haben. dann stellt es sich aber als ein e-mail von franco heraus. sie lebten damals mit ihren aus dem gleichen dorf stammenden eltern im gleichen haus. als illegales kind von saisonniers wurde franco versteckt und durfte die wohnung nicht verlassen. die rudimentäre botschaft macht fernando neugierig und er beginnt nachzuforschen. er reist nach italien ins heimatdorf der eltern. dort trifft er verschiedene verwandte, die ihm vom früheren leben und der emigration erzählen. francos leben scheint einen anderen, tragischen verlauf zu nehmen; er trifft ihn nicht.
wegen der mangelnden durchgehenden handlung lässt sich dieser roman nicht einfach lesen. der alltag der immigranten in der schweiz der 1960er jahre bleibt eher blass und oberflächlich ausgeführt. das wirklich schöne und starke an diesem buch sind die beschreibungen des lebens in norditalien im frühen 20. jahrhundert. beim lesen ist man an die bilder aus bertoluccis «novecento» erinnert. wegen eines fehlenden handlungsablauf ist es jedoch schwierig dem inhalt zu folgen. der einstieg in den roman bleibt isoliert und ohne abschliessende antwort. der schluss kommt wie eine eigene unabhängige geschichte daher.

07.06.2020

nihad siris: ali hassans intrige

fathi ist schriftsteller und darf nicht publizieren, weil er sich nicht zum werkzeug des regimes machen lassen will. seine freundin lama versteht und teilt diese haltung, während die opportunistische verwandtschaft vergeblich versucht ihn umzustimmen. als seine verwitwete mutter ihn um den segen zu ihrer zweiten hochzeit mit einem hohen funktionär des staates bittet, ist dies eine falle. auf eine hinterlistige art versucht die geheimpolizei ihn mit einem stellenangebot im machtapparat und anderen vergünstigungen zu korrumpieren. lama behält letztlich einen klaren kopf, warnt und rettet ihn.
mit einer einzigartigen präzision beschreibt der autor den alltag in einer totalitär regierten gesellschaft. er entlarvt damit das brutale und nur dem selbstzweck einer kleinen elite dienende system in einer faszinierenden detailliertheit. hitze und abkühlung, lärm und ruhe werden zu metaphern der beiden gegnerischen pole. beinahe liebevoll skizziert er die machthabenden in ihrer zerbrechlichen unsicherheit und ungeschminkt das gnadenlose vorgehen ihrer schergen. die studie über eine politische realität, die sich immer wieder in ländern zu etablieren weiss, ist ein eindrücklicher text, der das wesen des totalitarismus konzentriert darstellt.

04.06.2020

thomas müller: die todgeweihte

wenige jahre vor dem grossen erdbeben zu basel: die jüdische federhändlerin saphira, die bei ihrem vater wohnt, führt ein gutes und glückliches leben. ihr herz schlägt für den etwas scheuen tam, den sohn des bürgermeisters, der auch ihr sehr zugetan ist. tam bittet seinen draufgängerischen freund christian, seiner geliebten eine botschaft zu übermitteln, doch dieser verführt saphira. in diesen tagen bricht die pest aus. tams vater bringt durch intrigen das volk dazu den juden die schuld für die epidemie zuzuweisen: sie werden zusammengetrieben und bei lebendigem leib verbrannt. saphira wird im letzten moment durch tam gerettet. gemeinsam flüchten sie, um das versprechen, das saphira ihrem vater auf dem totenbett gegeben hat, zu erfüllen.
eine ziemlich abenteuerliche geschichte, die vieles über die mittelalterlichen lebensumstände berichtet. so stellt der leicht zu lesende roman einen ganz besonderen geschichtsunterricht dar. die dramatische handlung ist spannend bis zur letzten seite und gibt einen einblick in die lebensumstände jener zeit. religiöse elemente und ethische werte werden einer gewalttätigen und rauhen gesellschaft gegenübergestellt und fragen von schuld, sühne und vergebung werden zu zentralen elementen.

29.05.2020

vladimir sorokin: der schneesturm

in dolgoje, einem dorf tief in der russischen provinz, ist eine epidemie ausgebrochen. der landarzt garin muss dahin, um die menschen zu impfen, doch ein schneesturm kommt auf. nach einigem hin und her findet er kosma, einen kutscher, der ihn mit dem schneemobil dahin fahren soll. auf der reise ereignen sich einige komplikationen: sie kommen vom weg ab, die kufe des mobils bricht, schneewehen lassen den weg unsichtbar werden, aber immer wieder wendet es sich wieder so, dass sie weiterkommen oder auf menschen treffen, die ihnen helfen. ob sie ihr ziel wirklich erreichen, bleibt letztlich unbeantwortet. die handlung nimmt einen etwas unverständlichen und tragischen ausgang.
was wie ein roman von dostojewski oder tolstoi beginnt, entwickelt sich nicht nur inhaltlich sondern auch sprachlich in eine abwegige geschichte mit allerlei neuzeitlichen und abstrakten elementen. das klassische motiv der pflichterfüllung gegen alle naturgewalten wird hier irgendwie karikiert. diese lustig-traurige statire bleibt manchmal unverständlich, aber allein die schilderung von sturm und schnee lohnt, das buch zu lesen.

25.05.2020

james baldwin: von dieser welt

john wächst in harlem in einer streng religiösen familie auf. im gegensatz zu seinem halbbruder roy ist er ein eher sanfter, ruhiger und friedliebender junge. sein stiefvater ist prediger in einer kleinen schwarzen baptistischen bekennergemeinde und dementsprechend ist das leben stark von strengen aus der bibel abgeleiteten regeln geprägt. alles ist darauf ausgerichtet, tugendsam und ohne sünde zu leben um das ewige leben zu erreichen. aber beide, ursprünglich aus den südstaaten stammenden eltern tragen auch dunkle geheimnisse ihres früheren lebens mit sich. zwischen seinen eigenen gefühlen, den erwartungen seines stiefvaters und der liebe zu seinen eltern stehend spürt john, dass er ein anderes leben sucht. als roy eines tages von einer rauferei verletzt nach hause kommt, trifft john eine entscheidung, die seinem leben eine wendung gibt und man beginnt zu ahnen, wohin ihn seine zukunft führt.
die ungeschminkte und nichts beschönigende schilderung der sozialen verhältnisse und die bildhaft genaue vermittlung der religiosität und des damit verbundenen glaubens an ein besseres leben fügen sich zu einer bestechend genauen analyse. dieser autobiografisch geprägte roman aus den frühen 1950er jahren – in einer neuen uebersetzung erschienen – ist ein zeitdokument und hat nichts an seiner aktualität verloren. die hoffnung auf eine besseres leben hat sich auch heute noch für viele afroamerikaner nicht erfüllt.