22.06.2013

markus werner: am hang

eigentlich ist die erste begegnung rein zufällig. der junge anwalt clarin setzt sich zum älteren lehrer loos im vollbesetzten restaurant, weil sonst kein tisch frei ist. nur sehr zögerlich kommt ein gespräch in gang, das aber bald die ebene der belanglosigkeit verlässt. zwar zunächst widerstrebend aber zunehmend mehr erzählt loos von seiner geliebten frau, die gestorben ist. daran zerbricht er beinahe, während sein gegenüber gerne und lustvoll lebt. ihre gespräche bringen die zwei so verschiedenen männer einander näher. zu einem dritten treffen erscheint loos nicht mehr und lässt sich auch nicht auffinden. und erst spät beginnt man zu ahnen und noch später wird es gewissheit, wie nahe die beiden lebensgeschichten der beiden sind.
es ist eine freude diesen tiefgründigen und philosophischen gesprächen zu folgen. immer weniger bleibt im ungewissen, immer klarer und unmissverständlicher kommen die fakten an den tag. trotz der nicht einfachen thematik leicht und spannend zu lesen.

18.06.2013

steinunn sigurdardóttir: gletschertheater

der laientheaterverein eines isländischen dorfes plant tschechovs kirschgarten zu spielen. was als einfaches dorftheater beginnt, wird ein immer grösseres unternehmen. der reiche dorfbewohner. der „gletsching“, ist die treibende kraft. so lässt er eigens für diese aufführung ein theater bauen und engagiert einen regisseur von auswärts. die bisherige isländische uebersetzung genügt nicht mehr, auch diese muss neu gemacht werden. die idee alle rollen mit männern zu besetzen gibt dem dorffrieden eine ganz eigene dynamik. nichts ist, wie es bei früheren theateraufführungen war. das projekt ist ambitiöser als alles zuvor, weckt wünsche und erwartungen. die geschichte endet mit der premiere, welche noch einmal einige ueberraschungen bereit hält und fragen offen lässt.
bis man sich an all die isländischen personennamen und ortsbezeichnungen gewöhnt hat, ist es etwas schwierig, den ueberblick zu erhalten, aber schon nach wenigen seiten ist man voll drin und möchte das buch gar nicht mehr weglegen. diese mischung aus isländischer dorftradition und modernem leben kommt sehr realistisch daher. spannend und lustig, manchmal auch etwas überdreht.

14.06.2013

italo svevo: senilità

der junge, in gutbürgerlichen verhältnissen lebende emilio verliebt sich in angiolina, eine frau eher zweifelhaften rufes. sie hat eine aufgelöste verlobung hinter sich, über deren hintergründe es viele vermutungen gibt, aber nicht wirklich klarheit herrscht. er bemüht sich um sie, erklärt ihr aber auch, keine wirklich verbindliche beziehung zu ihr zu wollen. doch nach kurzer zeit muss er sich eingestehen, ihr verfallen zu sein. er kann sie nicht mehr loslassen, seine gedanken kreisen um sie und er wartet ungeduldig und zuweilen auch eifersüchtig auf jedes nächste treffen. sie scheint mit ihm zu spielen, hat immer wieder etwas mit anderen männern und lässt sich auch nicht festlegen. seine verschiedenen trennungsversuche scheitern.
amalia, emilios schwester, die ihm seit dem tod der eltern bescheiden und zurückhaltend den haushalt besorgt, verliebt sich in einen seiner besten freunde, den bildhauer balli, der aber ihre liebe nicht erwidert. amalia erkrankt und stirbt schliesslich, was auch unserem protagonisten die augen öffnet und er es endlich schafft, sich von angiolina endgültig zu trennen.
eine lange geschichte, deren handlung sich nur zwischen ganz wenigen personen abspielt und sich fast ausschliesslich mit der verliebtheit, der abhängigkeit, der sehnsucht und den daraus resultierenden seelenqualen befasst. all die gemütszustände sind sensationell treffend beschrieben, ohne kitschig zu werden. dass das buch vor mehr als hundert jahren geschrieben worden ist, erkennt man zwar an der sprache, das ewige thema der menschen selbst ist aktuell wie je.

10.06.2013

ueli oswald: ausgang, das letzte jahr mit meinem vater

und was ist, wenn der vater ankündigt, dass er mit einer sterbehilfeorganisation aus dem leben scheiden will? der sohn protokolliert das letzte lebensjahr und das bewusst geplante sterben seines vaters. in dieser aussergewöhnlichen zeit führen sie gespräche, lassen die familiensituation revue passieren und es wird nähe, vertrauen und freundschaft möglich, die vorher nicht da waren.
der selbstbewusste und zeitweise auch etwas starrköpfige vater öffnet sich seinem sohn gegenüber auf eine andere, vertrautere weise. immer aber sucht er die unzulänglichkeiten und beschwerden des alters zu verbergen. den abschied von dieser welt plant er minuziös, akribisch und weitgehend unbeirrbar.
nicht nur ein offenes und beeindruckendes buch, das mit einer klaren sprache sehr persönliche erfahrungen des autors vermittelt, sondern auch ein wichtiger beitrag zur diskussion um organisierte sterbehilfe.

01.06.2013

alex capus: munzinger pascha

werner munzinger, ein abenteurer, reiste im 19. jahrhundert nach aegypten und aethiopien, trieb dort handel, heiratete und kam letztlich auch ums leben. der junge reporter max mohn, der im moment für eine zeitung arbeitet und sich aufgaben gegenüber sieht, die ihm nicht gelingen wollen und die ihn auch nicht wirklich interessieren, ist von der geschichte munzingers fasziniert. hals über kopf reist er nach kairo und geht der geschichte dieses abenteurers nach.
max' lebensgeschichte, die nach der trennung von der frau, mit der zusammen er ein kind hat, nicht so gut läuft, ist der zweite handlungsstrang in diesem roman. max sitzt mit freunden in lokalen herum, spielt, trinkt und raucht. dabei verliebt er sich in polja, eine motorradfahrerin mit einer etwas exotischen geschichte. als max aus kairo zurückkommt, erfährt er, dass sie ihm dahin nachgereist ist.
eine interessante mischung aus einem stück zeitgeschichte, die die biografie eines mannes zeichnet, der die kleinstadt verlassen hatte, um dem leben zu entkommen, das max und seine freunde hier führen. leicht und spannend zu lesen, trotzdem tiefgründig und berührend.

29.05.2013

georg perec: anton voyls fortgang

ein roman, in dem über 350 seiten der buchstabe „e“ nicht einmal vorkommt. eine schier unmögliche sache und doch ist es gelungen und dies nicht nur in der französischen originalfassung sondern auch in der deutschen uebersetzung.
die geschichte des grausamen verschwindens einer ganzen sippe gibt viele rätsel auf. morde, systematische vernichtung von kindern, die die erbfolge stören könnten und andere schreckliche ereignisse bilden die handlung.
nicht einfach zu lesen, weil die sprache sich immer der regel den buchstaben „e“ zu vermeiden folgt. so wird es zu einem sehr ungewohnten leseerlebnis, vielleicht vergleichbar mit dem betrachten abstrakter malerei oder – noch eher – mit dem hören atonaler musik: alle sind nicht im ersten moment erschliessbar sondern brauchen zeit, damit vertraut zu werden. erst nach etwa fünfzig seiten begann sich bei mir ein leserhythmus einzustellen, der mir erlaubte, mich voll auf die handlung zu konzentrieren.

18.05.2013

urs hostettler: der rebell vom eggiwil

nicht immer ging es so friedlich und demokratisch zu, wie wir unser bild von der mehr als 700-jährigen schweiz gerne gezeichnet wissen. im jahr 1635 lehnten sich die bauern im emmental und im entlebuch über die konfessionsgrenzen hinweg gegen ihre herren in bern und luzern auf. der bauernaufstand war eine der grössten volkserhebungen in der schweizer geschichte.
das buch stellt die einzelnen protagonisten in den vordergrund, beschreibt ihre lebensumstände und zeigt damit ein anschauliches gesellschaftsbild jener zeit. der erfolg der harten arbeit der bauern wird nicht nur von naturgewalten geschmälert sondern auch durch die willkür der vögte, die mit ihren bussen und strafen rechtschaffene bürger in die armut treiben. dies bildet den nährboden berechtigter unzufriedenheit und führt zu diesem bauernaufstand. die regierenden städtischen patrizier schaffen es aber immer wieder – nicht zuletzt mit der unterstützung der anderen eidgenössischen stände die solidarität der talschaften zu stören und scheuen sich auch nicht, mit fremden söldnern gegen die eigenen untertanen vorzugehen.
letzlich scheitert der aufstand nach einigen monaten. drakonische strafen werden gegen die anführer verhängt. da wird gehenkt, gerädert, gevierteilt und geköpft. zur abschreckung werden die köpfe auf pfählen an öffentlichen plätzen aufgestellt und die gehenkten tagelang hängen gelassen. wer der todesstrafe entgeht, wird nach venedig auf die galeeren verkauft. eine dunkle zeit, die noch keine vierhundert jahre her ist.
beim lesen beginnt man parallelen zu sehen zwischen der damaligen und der heutigen zeit. die unterschiedliche verteilung von reichtum und macht stellt sich zwar heute etwas anders dar, ist aber immer wieder der anlass von konflikten, revolutionen und aufständen.