06.04.2015

arno geiger: selbstportrait mit flusspferd

die beziehung zu judith ist beendet und für julian, den 22-jährigen veterinärstudenten, wird es ein schwieriger sommer. im garten des hauses seines professors verdient er mit der betreuung eines fluss­­pferdes etwas geld. da ist aber auch aiko, die tochter des hauses, in die er sich verliebt. die sache will aber nicht so richtig zum laufen kommen. das jugendleben an der schwelle zum erwachsenwerden bewegt sich zwischen hoffnungen und sehnsüchten, selbstzweifeln und mut. der scheinbar selbstsichere kommilitone tibor trägt zusätzlich zu den selbstzweifeln julians bei. einzig die stoische ruhe und zufriedenheit des flusspferdes gibt ihm eine gewisse sicherheit.
mit einem guten blick in das denken und handeln dieser jungen menschen versteht der autor es, ein subtiles bild des erwachsenwerdens zu zeichnen. ein roman, der einen in eigene jugenderinnerungen sinken lässt und in dem man sich hie und da wiedererkennt.

03.04.2015

peter stamm: ungefähre landschaft

kathrine ist 28, geschieden, alleinerziehende mutter und lebt in einem dorf an der küste nordnorwegens. sie lernt thomas kennen und heiratet ihn als zweiten mann. von aussen sieht alles gut aus: thomas ist vermögend, fürsorglich und nimmt sich dem stiefkind an. aber nach einer etwas seltsamen hochzeitsnacht schläft er nicht mehr mit ihr und belügt sie. sie scheint trotz zweifeln an seiner ehrlichkeit das schicksal zu akzeptieren. als thomas' eltern sie öffentlich anschuldigen, verreist sie und kommt erst nach ein paar wochen zurück, um sich dann mit ihrem jugendfreund morten zusammenzutun und sich letztlich von thomas scheiden zu lassen.
eine unruhige geschichte, die vor allem davon lebt, dass immer wieder neue protagonisten auftreten. das eigentlich gleichförmige und etwas langweilige leben von kathrine bleibt an der oberfläche. während die handlung eher etwas gesucht und konstruiert scheint, bringt aber die karge und knappe sprache kathrines stimmung und empfinden zum tragen.

01.04.2015

ismail kadaré: der schandkasten

in der hauptstadt des osmanischen reiches steht der schandkasten, bewacht von einem aufseher. darin werden die köpfe von hingerichteten aufrührern ausgestellt, was bei den touristen nicht nur ekel und abscheu, sondern auch faszination hervorruft. von überall her aus dem reich werden die köpfe herbei gebracht, spezielle konservierungsmethoden tragen zu deren erhalt bei.
dem albanischen wesir ali pascha wäre es beinahe gelungen sein land von der fremdherrschaft zu befreien, aber eben nur beinahe. so erfahren wir die geschichte der reise seines kopfes in den schandkasten.
eine art orientalisches märchen, das gut und gerne aus tausendundeiner nacht sein könnte. all die unwahrscheinlichkeiten und unwägbarkeiten dieser etwas mystischen geschichte lassen einen teilhaben an der denkweise der damaligen herrscher und gesellschaft.

30.03.2015

sofi oksanen: als die tauben verschwanden

als estland von der deutschen wehrmacht besetzt wird, verwischt edgar seine bisherige lebensgeschichte, nimmt einen neuen namen an und dient sich bei den nazis an um unter ihnen karriere zu machen. sein cousin roland, ein widerstandskämpfer, der sich einzig für die unabhängigkeit estlands einsetzt geht in den untergrund zu den waldbrüdern. der nazi-offizier, von dem sich edgar unterstützung für seine karriere erwartet, ist gleichzeitig der liebhaber seiner frau. doch die deutsche besetzung endet und die rote armee kommt zurück. edgar gelingt es, sich mit seiner wirklichen identität als opfer der deutschen darzustellen und läuft zu den kommunisten über. machthungrig und skrupellos schlägt er sich immer auf die seite der herrschenden.
dieser meisterhafte und spannende roman voll von intrigen, verrat, lügen und opportunismus, aber auch liebe, ehrlichkeit und patriotismus vor dem hintergrund der bewegten geschichte estlands ist nicht ganz einfach zu lesen. ein dichtes netz von handlungen und erlebnissen, verbindungen und verwandtschaften, die in sich abwechselnden zeitsprüngen zwischen den 1940er- und 1960er-jahren, fordern einen stark. erst beim zweiten lesen habe ich alle beziehungen und zusammenhänge verstanden.

10.03.2015

joachim b. schmidt: in küstennähe

die geschichte von zwei männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: grimur, der mürrische greis im altersheim, war einst wie gewohnt mit seiner schwester zum fischfang hinausgefahren und ohne sie zurückgekehrt. nie konnte geklärt werden, was damals genau geschah.
als in grimurs zimmer die heizung ausfällt, ist lárus als junger gehilfe des hauswarts bei der reparatur dabei. ihm wird schnell klar, wie er als junge mit seinen kameraden dem alten mann üble streiche gespielt hat. lárus' interesse ist geweckt, er will wissen, ob grimur seine schwester auf dem gewissen hat.
in dieser kleinräumigen welt, wo jeder jeden kennt, spitzt sich eine kraftvoll erzählte geschichte zu und zieht einen beim lesen ganz in den bann. so sehr, dass gegen das ende ein bedauern aufkommt, nur noch über wenige seiten in dieser archaischen welt verbleiben zu können.
«inspiriert durch gerüchte und erzählungen aus den fjorden westislands» steht nach dem ende des romans: genau so fühlt er sich an.

15.02.2015

alex capus: der fälscher, die spionin und der bombenbauer

der roman geht davon aus, dass drei personen sich theoretisch auf dem bahnhof in zürich begegnet sein könnten. drei menschen mit ausserordentlichen begabungen und lebensläufen, ihre einzige offensichtliche gemeinsamkeit ist ein bezug zur schweiz und ihr leben im ausland – drei auslandschweizer also.
die fantasievolle geschichte führt uns nach griechenland, wo emile gilliéron den ausgrabungen des palastes von könig minos nachhilft, nach frankreich und italien, wo laura d'oriano als verkäuferin arbeitet, in cabarets singt und sich schliesslich als spionin anwerben lässt und nach amerika, wo der atomphysiker felix bloch an der entwicklung der ersten atombombe beteiligt ist.
zu tun haben die drei eigentlich nichts miteinander, aber ihre drei parallel erzählten geschichten gleichen sich, indem sie alle – nicht immer ganz freiwillig – ihr geld mit etwas verdienen, das ethisch hinterfragt werden darf.
realität und fiktion werden vom autor meisterhaft vermischt. dieses unterhaltsame und spannende, wenn auch nicht so tiefgründige buch liest sich leicht.

11.02.2015

lavanya sankaran: die farben der hoffung

anand ist ein erfolgreicher junger unternehmer mit einem sozialen gewissen, einer launischen frau, zwei kindern und einer florierenden fabrik. kamala ist eine der hausangestellten, die jung witwe geworden ist. dies hat sie und ihren einzigen sohn an den rand der armut gebracht. anand braucht für die prosperierende fabrik neues bauland, wegen der herrschenden korruption und den politischen machenschaften ein nicht einfaches geschäft. kamalas sohn gerät in schlechte gesellschaft und ihre bescheidene wohnung wird ihr gekündigt, da die häuser der wuchernden grossstadt weichen müssen.
diese geschichte aus dem süden indiens beschreibt die armut und den reichtum, die nahe nebeneinander liegen und doch kaum miteinander zu tun haben. aber das gute und das böse sind nicht klar auf der einen oder der anderen seite. aber alle haben ihren eigenen lebenstraum und hoffen, ihn realisieren zu können. faszinierend und farbig geschrieben, berührt einen der roman ganz tief.