21.11.2020

sven regener: herr lehmann

frank lehmann lebt seit jahren in berlin kreuzberg, arbeitet in verschiedenen kneipen und führt ein bescheidenes leben ohne persönliche ambitionen. eigentlich ist er ganz zufrieden, kommt mit den widrigkeiten des alltags gut zurecht und hält alles etwas auf distanz, was seine eigene trägheit stören könnte. als er sich in katrin verliebt, bringt dies seinen bisherigen rhythmus durcheinander. auch der angekündigte besuch seiner eltern aus westdeutschland bringt schwierige tage. und es kommen noch mehr ereignisse, die das leben des herrn lehmann ziemlich aus der gewohnten bahn bringen.
der roman ist der erste teil einer trilogie und handelt von ein paar menschen, die in kreuzberg in ziemlich prekären verhältnissen leben. mit einer virtuosen schnodderigkeit wird hier vom alltag in westberlin kurz vor dem mauerfall berichtet. streckenweise amüsant zu lesen, lebt die geschichte vor allem von immer wieder neuen ereignissen, während die vorhergegangenen oft keinen wirklichen abschluss finden.

14.11.2020

siri hustvedt: damals

eine junge frau zieht aus minnesota nach new york, wo sie ein kleines appartement in einem etwas heruntergekommenen viertel bezieht. ihr ziel ist es, hier ihren ersten kriminalroman zu schreiben. zugleich ist sie – aus der provinz kommend – fasziniert vom leben in dieser pulsierenden metropole. zuhause hört sie durch die dünnen wände den überspannten und rätselhaften monologen ihrer nachbarin lucy zu und macht sich ein bild von ihr. eines nachts taucht lucy in einer bedrohlichen situation als retterin in ihrer wohnung auf. so lernen sich die beiden kennen und viele fragen beginnen sich zu klären.
das vielschichtige buch mit verschiedenen parallelen handlungssträngen erfordert viel konzentration. trotz deren grafisch unterschiedlicher darstellung bleibt es ein schwieriges lesen. wunderbare und stimmige kapitel wechseln mit eher schwierig zu verstehenden ab. der text der starken haupthandlung mit aspekten der frauenbefreiung, verliert sich später in spiritismus und hexenzauber. die ausschnitte aus dem entstehenden krimi bleiben eher blass. so mag der roman nicht immer die spannung zu halten, kommt manchmal etwas skurril daher und bleibt für mich einfach etwas unverständlich.

02.11.2020

josef haslinger: phi phi island

als familie haslinger zu ihren weihnachtsferien nach thailand aufbricht, ahnt niemand, was ihnen bevorsteht. keine zwei tage sind sie in ihrem hotel, bricht der tsunami über die küste herein und bringt tod und verwüstung. auch sie müssen um ihr leben rennen, werden aber von den fluten erwischt und weggespült. im ersten moment wissen weder die eltern noch die kinder über den verbleib der anderen. gross ist die erleichterung und das glücksgefühl, als sich alle – zwar verletzt – wiederfinden. in den ersten tagen danach sind die ueberlebenden aufs existenzielle reduziert, ein unvorstellbares grauen wird schnell sichtbar. erst langsam läuft hilfe an und eine heimreise wird nach tagen grosser ungewissheit möglich. im jahr darauf besuchen die eltern phi phi island erneut, um zu versuchen ihre erlebnisse aufzuarbeiten.
selten habe ich ein buch gelesen, das aus persönlicher betroffenheit entstanden ist und mit so grosser sachlichkeit über ein menschliches drama berichtet. die beschreibung ist eindrücklich, enorm packend und vermittelt auch so viele jahre danach mehr als alle damaligen fernsehbilder. die parallele führung der beiden ein jahr auseinanderliegender zeitebenen im text lässt die ereignisse zwischen unmittelbarkeit und etwas distanzierter betrachtung aufleben. bald 16 jahre nach dieser grossen naturkatastrophe ist dieser exemplarische bericht noch immer aktuell und zeigt nicht zuletzt auch auf, wie die davongekommenen für den rest ihres lebens etwas davon mit sich tragen.

30.10.2020

simone lappert: wurfschatten

die junge schauspielerin ada leidet unter einer angststörung, die ihr das alleinesein beinahe verunmöglicht und sie nachts kaum schlafen lässt. mit komplizierten ritualen versucht sie zur ruhe zu kommen. auch wirtschaftlich geht es ihr nicht besonders gut. wegen ihrer mietrückstände setzt ihr der vermieter seinen enkel als mitbewohner in ihre wohnung. was sie zunächst als eingriff in ihre privatsphäre und zumutung erlebt, entwickelt sich zu einer liebesgeschichte, die sie auch von ihren zwängen zu befreien beginnt.
schon allein die eindrückliche beschreibung dieser angststörung lohnt die lektüre dieses buches. mit wenigen worten erreicht die autorin eine beachtliche dichte in text und handlung. diese beinahe unwahrscheinliche geschichte kommt so wahrscheinlich und authentisch daher, dass sie einen völlig gefangen nimmt.

24.10.2020

gaito gasdanow: nächtliche wege

als russischer emigrant verdient sich der erzähler in den 1930-jahren sein geld als taxifahrer in paris. jede nacht ist er unterwegs, begegnet zuhältern, betrügern, prostituierten, alkoholikern, clochards und andern nachtaktiven menschen. er lernt deren schicksale näher kennen und wird vertrauter dreier frauen aus dem rotlichtmilieu.
mit seiner treffenden beschreibung zeichnet er ein nächtliches kaleidoskop der französischen hauptstadt jener zeit. armut und reichtum, freundschaft und einsamkeit, gewalt und gerechtigkeit, misstrauen und zugewandtheit sind die zentralen themen dieses nicht leicht zu lesenden textes. die erforderliche konzentration, um diesem zeitdokument zu folgen, lohnt sich aber sehr.

18.10.2020

julian barnes: die einzige geschichte

im tennisclub einer wohnsiedlung lernt der 19-jährige paul die dreissig jahre ältere susan kennen, was bald in eine liebesbeziehung mündet. susan ist verheiratet und hat schon zwei erwachsene töchter. für ihn ist sie die frau fürs leben, der seine erste grosse liebe gilt. nach einigen jahren verlässt susan ihren mann und zieht mit paul zusammen, aber ihr gemeinsames leben wird schwierig und ihre beziehung scheitert. für den immer noch jungen paul ist diese erste liebe prägend und bestimmt während des ganzen restlichen lebens sein verhältnis zu anderen frauen.
die eigentlich profane geschichte wird zur genialen grundlage eines psychogramms einer ungleichen partnerschaft. die präzise und treffend beschriebenen abgründe dieser liebe faszinieren ebenso, wie die tiefgründige auseinandersetzung, mit der paul gegen ende des buches sein leben und handeln reflektiert.

11.10.2020

ljudmila ulitzkaja: jakobsleiter

nach dem tod ihrer grossmutter marjussa erbt nora eine truhe, in der sie den reichen briefwechsel ihrer grosseltern und notizbücher ihres grossvaters jakow findet. schon früh musste das paar trennungen erleben, zunächst im ersten weltkrieg, als jakow in die armee eingezogen und später, als er wegen kritischer aeusserungen nach sibirien verbannt wurde. nora selbst erlebt als bühnenbildnerin und dramaturgin das ende der sowjetunion und führt eine unstete beziehung mit einem verheirateten regisseur. ihr erster mann, ein mathematiker zieht nach new york, wohin sie auch ihren gemeinsamen sohn jurik bringt, weil ihm die gefahr droht in die armee eingezogen und in den tschetschenienkrieg geschickt zu werden. später holt sie ihren inzwischen heroinabhängigen sohn zurück, um ihn in moskau therapieren zu lassen.
es ist nicht ganz einfach, diese weitläufige geschichte zu lesen, die sich auf das leben von zwei verschiedenen generationen konzentriert, die beide in zeiten eines grossen umbruchs leben. die grosseltern zur zeit der oktoberrevolution und den daraus folgenden veränderungen, nora zur zeit der perestroika. während die wiedergabe des briefwechsels oft etwas langfädig daher kommt, wirkt die handlung der aktuellen geschichte spannend, wenngleich sie sprachlich etwas oberflächlich und plakativ bleibt. der interessante geschichtliche hintergrund wird nur in zusammenhängen angedeutet und erfordert eine gewisse kenntnis der politischen ereignisse. nach langem durchhalten kann man sich aber auf einen gelungenen schluss freuen.