10.12.2020

salim bachi: villa kahena

zu beginn des 20. jahrhunderts kommt der malteser louis bergagna nach kirtha, einer fiktiven algerischen stadt. mit unlauteren geschäften macht er ein vermögen und kauft viel land auf. von einer abenteuerlichen reise in die französische kolonie cayenne kommt er in begleitung von zwei männern zurück, die er dort als gefangene befreit hat und die fortan seine ergebenen bediensteten sind. mit ihnen zusammen baut er diese villa mit blick über die ganze stadt, lässt sich zum bürgermeister wählen und heiratet später eine junge französin. daneben hat er ein verhältnis mit einer araberin. mit beiden frauen hat er je eine tochter. in den 1960er-jahren tobt der kampf um algeriens unabhängigkeit, in dessen wirren bergagna ums leben kommt. nach seinem tod geht die villa in den besitz von hâmid kâïms vater über. während dreier nächte, die hâmid kâïm und seine geliebte sâmira in der schon länger leer stehenden villa kahena verbringen, erzählt er ihr die geschichte dieses hauses.
ein komplexer roman, der auf verschiedenen ebenen spielt, die alle irgendwie miteinander zusammen­hängen, und der vor dem hintergrund der kolonialisierung und befreiung algeriens handelt. eine stärke des textes sind die immer wieder nur mit wenigen sätzen beschriebenen nuancen der zwischenmenschlichen beziehungen. mit den bildhaften beschreibungen der lebensbedingungen der verschiedenen sozialen schichten wird das buch auch zu einem zeitdokument.

05.12.2020

joachim b. schmidt: kalmann

raufarhöfn ist ein aussterbendes dorf an der isländischen nordküste. hier lebt kalmann óðinsson, eine art dorforiginal. er ist der selbsternannte sheriff des dorfes und sorgt dafür, dass alles seine ordnung hat. sein grossvater brachte ihm alles über die jagd und den haifischfang bei, also alles, was man zum leben hier braucht. in der schule war er damals wie man heute sagen würde — eher leistungsschwach. das wohlgeordnete und beschauliche leben findet ein abruptes ende, als kalmann auf der jagd, kurz nach dem verschwinden des besitzers des einzigen hotels im dorf, auf eine grosse blutlache im schnee stösst. eine kommissarin aus reykjavik beginnt mit der untersuchung des falls und verhört kalmann, was ihn sehr nervös macht. eine ganze spezialeinheit der polizei fällt ins dorf ein und bringt viel unruhe mit. aber irgendwie schafft es kalmann nicht zuletzt dank seinem mut, aber auch seiner naivität und ehrlichkeit aus der ganzen sache beinahe als held herauszukommen.
eine phantastische handlung und die plastische beschreibung isländischen lebens, vor allem aber diese einzigartig facettenreiche und präzise annäherung an einen menschen, der trotz gewissen defiziten seinen platz in der gesellschaft gefunden hat, sind die grosse stärke dieses romans. mit der liebevollen und subtilen beschreibung von kalmanns emotionen, seiner wut, seiner sehnsüchte und unerfüllten wünsche, aber auch seiner abhängigkeiten und missgeschicke versteht der autor ihn würdevoll darzustellen. geschickt wird die ganze geschichte aus der perspektive des hauptprotagonisten erzählt und lässt einen so beim lesen immer auf dessen seite stehen. daneben kreuzen die teils kauzigen dorfbewohnerinnen und -bewohner auf unterschiedliche art und weise den weg kalmanns. trotz der immer präsenten kriminellen handlung, die ein kaum erwartetes ende findet, steht kalmann, sein leben und handeln im vordergrund. das buch ist ein weises und grosses lesevergnügen und setzt menschen, die etwas am rand stehen, ein denkmal.

01.12.2020

philippe djian: sirenen

nathan ist polizist und steht zwischen drei frauen. chris, seine ex-ehefrau ist in einer gruppe von globalisierungsgegnern aktiv, marie-jo ist seine arbeitskollegin und dann bahnt sich noch etwas mit paula an, einem gutbezahlten mannequin. als die tochter eines reichen industriellen umgebracht wird, erwartet nathans chef von ihm eine schnelle und zuverlässige aufklärung des mordes. die ermittlungen enden ebenso in einem fiasko wie seine beziehungsgeschichten. nathan steht zwischen allen fronten und merkt, so kann es nicht weitergehen: er muss sein leben in ordnung bringen. dies gelingt ihm aber bis zum schluss nicht wirklich
nach einem schwierigen und unübersichtlichen einstieg beginnt man sich in der handlung zurechtzufinden. das buch ist eine mischung aus gesellschaftskritik, krimi und völlig unerotischem erotikroman. eine dichte folge von bettgeschichten und wüste, teilweise gewalttätige sexszenen unterbrechen dauernd die ermittlungen, so dass man am schluss etwas ratlos auf der letzten seite ankommt.

23.11.2020

andreas maier: die familie

mutter, vater und drei kinder, von denen der autor das jüngste ist, haben sehr unterschiedliche vorstellungen vom leben und sehr verschiedene erwartungen und ziele, über die sie aber kaum reden. sie gehören zu den angesehenen familien im ort und leben auf einem grossen grundstück um das es erbstreitigkeiten gibt. auch liegt im dunkeln, wie dieses anwesen in ihren besitz kam.
was für eine treffende und ausgezeichnete beschreibung der verhältnisse in dieser familie in der nachkriegszeit. mit einer akribischen genauigkeit für stimmungen und unausgesprochene dinge lässt der autor die familiengeschichte auferstehen. und nicht zuletzt dreht es sich um die lange tabuisierte frage, wer welche rolle während der zeit des nationalsozialismus gespielt hat. leicht ist es zu lesen, dieses ernste und tiefgründige buch.

21.11.2020

sven regener: herr lehmann

frank lehmann lebt seit jahren in berlin kreuzberg, arbeitet in verschiedenen kneipen und führt ein bescheidenes leben ohne persönliche ambitionen. eigentlich ist er ganz zufrieden, kommt mit den widrigkeiten des alltags gut zurecht und hält alles etwas auf distanz, was seine eigene trägheit stören könnte. als er sich in katrin verliebt, bringt dies seinen bisherigen rhythmus durcheinander. auch der angekündigte besuch seiner eltern aus westdeutschland bringt schwierige tage. und es kommen noch mehr ereignisse, die das leben des herrn lehmann ziemlich aus der gewohnten bahn bringen.
der roman ist der erste teil einer trilogie und handelt von ein paar menschen, die in kreuzberg in ziemlich prekären verhältnissen leben. mit einer virtuosen schnodderigkeit wird hier vom alltag in westberlin kurz vor dem mauerfall berichtet. streckenweise amüsant zu lesen, lebt die geschichte vor allem von immer wieder neuen ereignissen, während die vorhergegangenen oft keinen wirklichen abschluss finden.

14.11.2020

siri hustvedt: damals

eine junge frau zieht aus minnesota nach new york, wo sie ein kleines appartement in einem etwas heruntergekommenen viertel bezieht. ihr ziel ist es, hier ihren ersten kriminalroman zu schreiben. zugleich ist sie – aus der provinz kommend – fasziniert vom leben in dieser pulsierenden metropole. zuhause hört sie durch die dünnen wände den überspannten und rätselhaften monologen ihrer nachbarin lucy zu und macht sich ein bild von ihr. eines nachts taucht lucy in einer bedrohlichen situation als retterin in ihrer wohnung auf. so lernen sich die beiden kennen und viele fragen beginnen sich zu klären.
das vielschichtige buch mit verschiedenen parallelen handlungssträngen erfordert viel konzentration. trotz deren grafisch unterschiedlicher darstellung bleibt es ein schwieriges lesen. wunderbare und stimmige kapitel wechseln mit eher schwierig zu verstehenden ab. der text der starken haupthandlung mit aspekten der frauenbefreiung, verliert sich später in spiritismus und hexenzauber. die ausschnitte aus dem entstehenden krimi bleiben eher blass. so mag der roman nicht immer die spannung zu halten, kommt manchmal etwas skurril daher und bleibt für mich einfach etwas unverständlich.

02.11.2020

josef haslinger: phi phi island

als familie haslinger zu ihren weihnachtsferien nach thailand aufbricht, ahnt niemand, was ihnen bevorsteht. keine zwei tage sind sie in ihrem hotel, bricht der tsunami über die küste herein und bringt tod und verwüstung. auch sie müssen um ihr leben rennen, werden aber von den fluten erwischt und weggespült. im ersten moment wissen weder die eltern noch die kinder über den verbleib der anderen. gross ist die erleichterung und das glücksgefühl, als sich alle – zwar verletzt – wiederfinden. in den ersten tagen danach sind die ueberlebenden aufs existenzielle reduziert, ein unvorstellbares grauen wird schnell sichtbar. erst langsam läuft hilfe an und eine heimreise wird nach tagen grosser ungewissheit möglich. im jahr darauf besuchen die eltern phi phi island erneut, um zu versuchen ihre erlebnisse aufzuarbeiten.
selten habe ich ein buch gelesen, das aus persönlicher betroffenheit entstanden ist und mit so grosser sachlichkeit über ein menschliches drama berichtet. die beschreibung ist eindrücklich, enorm packend und vermittelt auch so viele jahre danach mehr als alle damaligen fernsehbilder. die parallele führung der beiden ein jahr auseinanderliegender zeitebenen im text lässt die ereignisse zwischen unmittelbarkeit und etwas distanzierter betrachtung aufleben. bald 16 jahre nach dieser grossen naturkatastrophe ist dieser exemplarische bericht noch immer aktuell und zeigt nicht zuletzt auch auf, wie die davongekommenen für den rest ihres lebens etwas davon mit sich tragen.