zu
beginn des 20. jahrhunderts kommt der malteser louis bergagna nach
kirtha, einer fiktiven algerischen stadt. mit unlauteren geschäften
macht er ein vermögen und kauft viel land auf. von einer
abenteuerlichen reise in die französische kolonie cayenne kommt er
in begleitung von zwei männern zurück, die er dort als gefangene
befreit hat und die fortan seine ergebenen bediensteten sind. mit
ihnen zusammen baut er diese villa mit blick über die ganze stadt,
lässt sich zum bürgermeister wählen und heiratet später eine junge
französin. daneben hat er ein verhältnis mit einer araberin. mit
beiden frauen hat er je eine tochter. in den 1960er-jahren tobt der
kampf um algeriens unabhängigkeit, in dessen wirren bergagna ums
leben kommt. nach seinem tod geht die villa in den besitz von hâmid
kâïms vater über. während dreier nächte, die hâmid kâïm und
seine geliebte sâmira in der schon länger leer stehenden villa kahena verbringen, erzählt er
ihr die geschichte dieses hauses.
ein
komplexer roman, der auf verschiedenen ebenen spielt, die alle
irgendwie miteinander zusammenhängen, und der vor dem hintergrund
der kolonialisierung und befreiung algeriens handelt. eine stärke
des textes sind die immer wieder nur mit wenigen sätzen
beschriebenen nuancen der zwischenmenschlichen beziehungen. mit den
bildhaften beschreibungen der lebensbedingungen der verschiedenen sozialen schichten wird das buch auch zu einem zeitdokument.
10.12.2020
salim bachi: villa kahena
05.12.2020
joachim b. schmidt: kalmann
raufarhöfn
ist ein aussterbendes dorf an der isländischen nordküste. hier lebt
kalmann óðinsson,
eine art dorforiginal. er ist der selbsternannte sheriff des dorfes
und sorgt dafür, dass alles seine ordnung hat. sein grossvater
brachte ihm alles über die jagd und den haifischfang bei, also
alles, was man zum leben hier braucht. in der schule war er damals —
wie man heute sagen würde —
eher leistungsschwach. das
wohlgeordnete und beschauliche leben findet ein abruptes ende, als
kalmann auf der jagd, kurz nach dem verschwinden des besitzers des
einzigen hotels im dorf, auf eine grosse blutlache im schnee stösst.
eine kommissarin aus reykjavik beginnt mit der untersuchung des falls
und verhört kalmann, was ihn sehr nervös macht. eine ganze
spezialeinheit der polizei fällt ins dorf ein und bringt viel unruhe
mit. aber irgendwie schafft es kalmann nicht zuletzt dank seinem mut,
aber auch seiner naivität und ehrlichkeit aus der ganzen sache
beinahe als held herauszukommen.
eine
phantastische handlung und die plastische beschreibung isländischen
lebens, vor allem aber diese einzigartig facettenreiche und präzise
annäherung an einen menschen, der trotz gewissen defiziten seinen
platz in der gesellschaft gefunden hat, sind die grosse stärke
dieses romans. mit der liebevollen und subtilen beschreibung von
kalmanns emotionen, seiner wut, seiner sehnsüchte und unerfüllten
wünsche, aber auch seiner abhängigkeiten und missgeschicke versteht
der autor ihn würdevoll darzustellen. geschickt wird die ganze
geschichte aus der perspektive des hauptprotagonisten erzählt und
lässt einen so beim lesen immer auf dessen seite stehen. daneben
kreuzen die teils kauzigen dorfbewohnerinnen und -bewohner auf
unterschiedliche art und weise den weg kalmanns. trotz der immer
präsenten kriminellen handlung, die ein kaum erwartetes ende findet,
steht kalmann, sein leben und handeln im vordergrund. das buch ist
ein weises und grosses lesevergnügen und setzt menschen, die etwas
am rand stehen, ein denkmal.
01.12.2020
philippe djian: sirenen
nathan ist polizist und steht zwischen
drei frauen. chris, seine ex-ehefrau ist in einer gruppe von
globalisierungsgegnern aktiv, marie-jo ist seine arbeitskollegin und
dann bahnt sich noch etwas mit paula an, einem gutbezahlten
mannequin. als die tochter eines reichen industriellen umgebracht
wird, erwartet nathans chef von ihm eine schnelle und zuverlässige
aufklärung des mordes. die ermittlungen enden ebenso in einem fiasko
wie seine beziehungsgeschichten. nathan steht zwischen allen fronten
und merkt, so kann es nicht weitergehen: er muss sein leben in
ordnung bringen. dies gelingt ihm aber bis zum schluss nicht
wirklich
nach einem schwierigen und
unübersichtlichen einstieg beginnt man sich in der handlung
zurechtzufinden. das buch ist eine mischung aus gesellschaftskritik,
krimi und völlig unerotischem erotikroman. eine dichte folge von
bettgeschichten und wüste, teilweise gewalttätige sexszenen
unterbrechen dauernd die ermittlungen, so dass man am schluss etwas
ratlos auf der letzten seite ankommt.
23.11.2020
andreas maier: die familie
was für eine treffende und ausgezeichnete beschreibung der verhältnisse in dieser familie in der nachkriegszeit. mit einer akribischen genauigkeit für stimmungen und unausgesprochene dinge lässt der autor die familiengeschichte auferstehen. und nicht zuletzt dreht es sich um die lange tabuisierte frage, wer welche rolle während der zeit des nationalsozialismus gespielt hat. leicht ist es zu lesen, dieses ernste und tiefgründige buch.
21.11.2020
sven regener: herr lehmann
frank lehmann lebt seit jahren in
berlin kreuzberg, arbeitet in verschiedenen kneipen und führt ein
bescheidenes leben ohne persönliche ambitionen. eigentlich ist er
ganz zufrieden, kommt mit den widrigkeiten des alltags gut zurecht
und hält alles etwas auf distanz, was seine eigene trägheit stören
könnte. als er sich in katrin verliebt, bringt dies seinen
bisherigen rhythmus durcheinander. auch der angekündigte besuch
seiner eltern aus westdeutschland bringt schwierige tage. und es
kommen noch mehr ereignisse, die das leben des herrn lehmann ziemlich
aus der gewohnten bahn bringen.
der roman ist der erste teil einer
trilogie und handelt von ein paar menschen, die in kreuzberg in
ziemlich prekären verhältnissen leben. mit einer virtuosen
schnodderigkeit wird hier vom alltag in westberlin kurz vor dem
mauerfall berichtet. streckenweise amüsant zu lesen, lebt die
geschichte vor allem von immer wieder neuen ereignissen, während die
vorhergegangenen oft keinen wirklichen abschluss finden.
14.11.2020
siri hustvedt: damals
eine junge frau zieht aus minnesota
nach new york, wo sie ein kleines appartement in einem etwas
heruntergekommenen viertel bezieht. ihr ziel ist es, hier ihren
ersten kriminalroman zu schreiben. zugleich ist sie – aus der
provinz kommend – fasziniert vom leben in dieser pulsierenden
metropole. zuhause hört sie durch die dünnen wände den
überspannten und rätselhaften monologen ihrer nachbarin lucy zu und
macht sich ein bild von ihr. eines nachts
taucht lucy in einer bedrohlichen situation als retterin in ihrer
wohnung auf. so lernen sich die beiden kennen und viele fragen
beginnen sich zu klären.
das vielschichtige buch mit
verschiedenen parallelen handlungssträngen erfordert viel
konzentration. trotz deren grafisch unterschiedlicher darstellung
bleibt es ein schwieriges lesen. wunderbare und stimmige kapitel
wechseln mit eher schwierig zu verstehenden ab. der text der starken
haupthandlung mit aspekten der frauenbefreiung, verliert sich später
in spiritismus und hexenzauber. die ausschnitte aus dem entstehenden
krimi bleiben eher blass. so mag der roman nicht immer die spannung
zu halten, kommt manchmal etwas skurril daher und bleibt für mich
einfach etwas unverständlich.
02.11.2020
josef haslinger: phi phi island
selten habe ich ein buch gelesen, das aus persönlicher betroffenheit entstanden ist und mit so grosser sachlichkeit über ein menschliches drama berichtet. die beschreibung ist eindrücklich, enorm packend und vermittelt auch so viele jahre danach mehr als alle damaligen fernsehbilder. die parallele führung der beiden ein jahr auseinanderliegender zeitebenen im text lässt die ereignisse zwischen unmittelbarkeit und etwas distanzierter betrachtung aufleben. bald 16 jahre nach dieser grossen naturkatastrophe ist dieser exemplarische bericht noch immer aktuell und zeigt nicht zuletzt auch auf, wie die davongekommenen für den rest ihres lebens etwas davon mit sich tragen.