als jamshids frau von den
revolutionsgarden umgebracht wird, ist auch er mit seinen beiden
söhnen im iran nicht mehr sicher und entscheidet sich zur flucht
nach deutschland. in berlin findet er sich in einem arabisch
dominierten umfeld wieder und hält sich mit taxifahren über wasser.
in der schule freundet sich saam, sein älterer sohn, mehr oder
weniger freiwillig mit heydar, einem libanesischen mitschüler an.
bald gehört er zu einer gang jugendlicher, die schon früh durch
kleinkriminelle handlungen auffallen. zunächst als kleiner
mitläufer, der als iraner nie wirklich dazugehört, beginnt er sich
zu wehren und wird zu einem akzeptierten gruppenmitglied. diebstähle,
drogenhandel, erpressung, schlägereien werden routine, bis saam
einmal zu weit geht und für vier jahre im gefängnis landet. in
dieser zeit denkt er viel über sein leben nach, was vieles für ihn
verändert. bei seiner entlassung wartet nicht nur heydar auf ihn,
noch jemand anderes hat etwas mit ihm abzurechnen.
mit einer präzision und klarheit
werden die mechanismen dieses milieus in berlin neukölln vermittelt.
der titel des buches beschreibt treffend die aufsteigende stellung
saams in der gruppe. daneben erfährt man die not der
migrationsfamilie, die unfreiwillig in dieses umfeld gerät, deren
werte in frage gestellt werden und deren lebensbedingungen kaum
akzeptierbar sind. beeindruckend wird alles in der sprache dieser
jugendlichen erzählt, die fremd und zeitweise schwer verständlich
wirkt, aber gerade dadurch die stimmung sehr direkt vermittelt. ein
spannender roman, der den blick auf einen sozialen brennpunkt
richtet, der oft ignoriert wird.
16.03.2024
behzad karim khani: hund wolf schakal
09.03.2024
tijan sila: radio sarajevo
als die ersten bomben fallen, ist tijan
11 jahre alt. von einem tag zum andern verändert sich sein leben.
bisher lebt er mit seinen eltern in einem plattenbau, geht zur schule
und hat freunde, mit denen er die freizeit verbringt. bald fallen
strom und heizung aus, bald wird das essen knapp, es wird bitterkalt
und sich im freien aufzuhalten wird wegen der heckenschützen immer
gefährlicher. auch die schule schliesst. die erste freude der
jugendlichen darüber legt sich schnell, denn die engen
wohnverhältnisse machen den dauernden aufenthalt zuhause auch nicht
einfacher. die freunde treffen sich trotz verboten auf der strasse,
beginnen in den trümmern nach brauchbarem zu suchen, um im
tauschhandel mit soldaten zu zigaretten, schokolade und batterien zu
kommen. die lage wird immer gefährlicher: banden von jugendlichen
bekämpfen einander, die solidarität unter den hausbewohnern hat
längst nachgelassen und ein ende der belagerung ist nicht in sicht.
tijans eltern entscheiden sich zur flucht und schaffen es nach
deutschland. viele jahre später kehrt er zum ersten mal zurück nach
sarajevo und trifft dort auch wieder auf seine alten freunde.
eindrücklicher und aufwühlender
könnte ein autobiografischer bericht nicht sein. mit der nötigen
distanz auf das erlebte schreibt der autor sehr persönlich über das
damalige leben einen text, der einen vom ersten bis zum letzten wort
in bann zieht. dramatisch und nur wenig gefiltert wird man beim lesen
mit einer realität konfrontiert, der man damals in westeuropa kaum
bewusst sein wollte. schon alleine, wie er mit wenigen worten die
umstände des jugoslawienkrieges erklärt, ist eine meisterleistung
an einfachheit und klarheit. ebenso eindrücklich ist die botschaft,
was solch kriegerische verhältnisse mit kindern und jugendlichen
machen. hier liegt ein buch vor, an dem man emotional nicht
vorbeikommt und das mich streckenweise zu tränen gerührt hat.
06.03.2024
peter stamm: weit über das land
eben sind sie aus ihren familienferien
zurückgekehrt. thomas und astrid sitzen vor dem haus und trinken ein
glas wein. als astrid nach den bereits schlafenden kindern schauen
geht, steht thomas auf, verlässt das haus und geht weg. er macht
sich auf einen unbestimmten weg ohne ziel. astrid ist mit den kindern
am nächsten morgen und fortan alleine. aus der anfänglichen
ungewissheit wird zunächst zuversicht, er werde in den nächsten
tagen zurückkehren. doch sie muss ihn als vermisst melden. als alles
auf seinen tod hinweist, ist sie überzeugt, dass er noch lebt. er
zieht, sich mit gelegenheitsarbeiten über wasser haltend, sichtlich
ziellos durch europa. was für ihn zu beginn befreiend war, wird
immer mehr zur last
seine und ihre welt werden parallel
erzählt. was treibt ihn an? wie bewältigt sie die verlassenheit?
die schöne sprache begeistert beim lesen und hilft über die etwas
konstruiert und unwirklich erscheinende, zwischen fiktion und
realität pendelnde geschichte weg. die ganze handlung ist immer
wieder eingebettet in genaue, bildhafte beschreibungen seiner
beobachtungen. trotz der ernsthaften botschaft kommt der roman leicht
daher.
01.03.2024
tarjei vesaas: die vögel
der in sich gekehrte mattis ist ein
sensibler aussenseiter, der in seiner eigenen welt lebt und keine
freunde hat. er beobachtet vieles in der natur, vor allem aber vögel:
ein schwarm von schnepfen, der über das haus zieht, bringt ihn in
helle aufregung. an einer erwerbsarbeit zu bleiben schafft er jedoch
nicht. seine mit ihm zusammenlebende schwester hege sorgt für ihn.
eines tages erscheint jørgen, ein waldarbeiter. zunächst plant er
nur eine nacht zu bleiben. da er aber schnell arbeit findet, bleibt
er bei den beiden wohnen. mattis spürt eine veränderung bei seiner
schwester und realisiert die aufkeimende liebe zwischen ihr und
jørgen. so beginnt für mattis eine zeit der angst. die bisherige
beziehung zu hege, die ihm immer sicherheit gegeben hat, scheint in
frage gestellt und lässt ihn verzweifeln.
dieser schöne roman widmet sich
tiefgründig diesem ausserhalb der gesellschaft stehenden mann. so
erfahren wir beim lesen über sein einfaches, direktes denken, seine
freuden und seine aengste. seine gedanken sind voll symbolik und
interpretation. liebevoll und einfühlsam wird erzählt, was in
mattis vorgeht. ein buch über ein schwieriges leben, leise aber auch
eindringlich, das auf meine persönliche favoritenliste kommt.
26.02.2024
thomas brussig: helden wie wir
mit
einer übermässig beschützenden mutter und einem vater, der
offiziell im ministerium für aussenhandel,
in wirklichkeit
aber für die staatssicherheit arbeitet, wächst klaus unter einer
strengen erziehung auf. er schreibt in autobiografischer form
an einen amerikanischen journalisten über
seine jugend in der ddr bis zum mauerfall 1989, an dem er
massgeblich beteiligt gewesen zu sein vorgibt. seine kindheit ist vor
allem geprägt durch den hygienewahn seiner mutter. in seiner
pubertät beherrschen ihn viele erotische phantasien und sexuelle
bedürfnisse, die immer wieder durch die von seiner mutter
vermittelten tabus gestört werden. später folgt seine mitarbeit bei
der staatssicherheit, in die er auf nicht ganz nachvollziehbare
weise gerät und
die ihm auch immer etwas fremd bleibt. in der entscheidenden nacht
gerät er
in die
volksmenge, die die oeffnung der grenze erfolgreich fordert und die
berliner mauer zu fall bringt.
das
buch beschreibt eine schwierige jugend in einem schwierigen umfeld,
pendelt zwischen satire und einer art realem drama. eigentlich leicht
zu lesen und trotz der manchmal etwas skurrilen
handlung immer irgendwie zu verstehen. der text macht eher einen jounalistischen als einen literarischen eindruck. auch das pendeln zwischen
spannung und langfädigen wiederholungen birgt etwas eigenartiges. eher bemühend sind die ganzen geschichten um seinen penis, die sich penetrant durch das ganze buch ziehen. für leute, denen die lebenssituation in der ddr völlig unbekannt
ist, bleibt die geschichte wahrscheinlich über längere strecken ein
rätsel.
15.02.2024
philipp oehmke: schönwald
hans-harald und ruth schönwald sind
seit vielen jahren verheiratet und haben drei erwachsene kinder.
chris, der aelteste, ist professor an einer amerikanischen
eliteuniversität, karolin eröffnet mit einer freundin eine
lesbisch-schwule buchhandlung, benni ist verheiratet und hat zwei
söhne – auf den ersten blick geordnete verhältnisse. während ihr
mann alles analysierend hinterfragt, ist ruth meisterin, probleme zu
ignorieren und auszusitzen. als die ganze familie an der eröffnung
des buchladens mit einer demonstration konfrontiert wird, beginnt die
vermeintliche harmonie zu bröckeln, plötzlich kommt allerlei an den
tag: chris hat seine stelle schon seit einiger zeit verloren, benni
hat emilia geheiratet, für die karolin gefühle gehabt hatte, ruth
hat jahrelang nebenher eine aussereheliche beziehung geführt und
harry hat nicht alle tennisstunden bei diesem sport verbracht. nur
drei tage später, an einem von benni für die ganze familie
geplanten grillfest, ist der sorgsam gepflegte scheinbare
familienfriede nicht mehr zu retten.
in einer reichen, zeitweise
provokativen sprache wird das bild einer deutschen nachkriegsfamilie
gezeichnet, die sich mit der unmittelbaren vergangenheit nicht
auseinandersetzt und wenig bis kaum über ihre aktuellen
schwierigkeiten spricht. zwar werden in dieser weitläufigen
geschichte viele problemfelder und ereignisse nicht zu einem
stimmigen ende geführt, trotzdem bleibt die spannung immer erhalten
und entwickelt einen starken sog. durch kapitel klar abgegrenzte
zeitliche rückblenden machen es einfach, der komplexen
handlungsstruktur zu folgen. emotionale momente und dramatische
situationen unterbrechen immer wieder die alltägliche
durchschnittlichkeit. moralisch, ohne moralisierend zu sein, und
dramatisch findet der roman einen eher unerwartet unaufgeregten, fast
ein wenig enttäuschenden schluss mit einem offenen ende.
08.02.2024
concetto vecchio: jagt sie weg!
unter vielen anderen italienern ist
auch carmelo zur arbeit in die schweiz ausgewandert. in süditalien
ist die arbeitslosigkeit in den 1960er-jahren hoch, während die
industrie in der schweiz dringend arbeitskräfte sucht. eine
beachtliche zahl von menschen vor allem aus italien findet hier
arbeit – lebt aber unter unmenschlichen bedingungen. das
saisonierstatut verbietet den familennachzug, oft leben die
zugewanderten in baracken oder anderen unzulänglichen unterkünften,
weil ihnen nichts anderes zur verfügung gestellt wird. viele von
ihnen verstecken ihre kinder, die sie illegal hierher mitgenommen
haben. gleichzeitig wird viel unmut in der bevölkerung geschürt. an
die spitze der «nationalen aktion für volk und heimat» setzt sich
james schwarzenbach mit seiner ueberfremdungsinitiative für die
reduktion der ausländischen wohnbevölkerung ein. die initiative
spaltet das volk, wird letztlich abgelehnt, aber hinterlässt spuren,
die bis heute spürbar sind.
in einem sehr persönlichen,
emotionalen und gleichzeitig sachlichen text zeichnet der autor nicht
nur die lebensgeschichte seiner eltern und ihrer leidensgenossen
nach, sondern analysiert auch die person und das wesen des james
schwarzenbach. er veranschaulicht auf sehr differenzierte art die
konflikte zwischen den interessen der wirtschaft und der
gesellschaftlichen wahrnehmung. ein stück unrühmlicher schweizer
geschichte, das mich sehr betroffen macht, tut sich auf und trotzdem
findet das buch einen versöhnlichen schluss.