ein bergsturz verschüttet die alp, wo sich etwa zwanzig menschen mit vielen tieren während des sommers aufhalten. im dorf herrscht grosse trauer. auch antoine, der ehemann von thérèse, wird vermisst. wochen später erscheint er im dorf, hat in einer verschütteten hütte überlebt und nach langem einen weg aus dem geröll gefunden. doch er ist nicht mehr der, der er zuvor war. gezeichnet vom erlebten geht er zurück, um seinen freund séraphin, der mit ihm unterwegs war und von dessen ueberleben er überzeugt ist, zu suchen. thérèse folgt ihm und versucht ihn von seinem aussichtslosen unterfangen zurückzuholen, um ihm endlich sagen zu können, dass er vater wird.
der roman ist inspiriert von einer historischen begebenheit. 1749 ereignete sich der bergsturz von derborence, bei dem viele alphütten zerstört wurden und vierzehn menschen ums leben kamen. der einfluss der religion und die wertehaltung in der dörflichen gemeinschaft jener zeit prägen den umgang mit der katastrophe und das verhalten der menschen gegenüber dem psychisch veränderten antoine. dies und die beschreibung der lebensumstände der damaligen bevölkerung macht das buch zu einem zeitdokument, das in unserer zeit der bergstürze und murenabgänge eine besondere aktualität erhält. nicht zuletzt deshalb ist es auch spannend diese geschichte zu lesen.
28.07.2025
charles ferdinand ramuz: derborence
08.07.2025
michael köhlmeier: die verdorbenen
es zieht johann weg von zuhause nach
marburg ins studentenleben, wo er die neue freiheit geniesst. er lernt
christiane kennen, die schon seit ihrer frühen jugend mit tommi
zusammen ist. dies hindert sie nicht, gianni – so nennt sie johann
– unmissverständlich mitzuteilen, sie wolle mit ihm das bett
teilen. tommi reagiert locker und es beginnt eine art
dreiecksverhältnis. aber johann ist sich klar, dass er christiane
nicht liebt. ihre spröde und emotionslose art verstört ihn eher.
nach einigen erfahrungen geht er auf distanz: er reist weg und kommt
nach einer kleinen odysee in oostende an. eines nachts wird er
überfallen, tötet in notwehr den angreifer und flüchtet zurück zu
christiane. alles scheint so, wie er es verlassen hat, doch da
entdeckt er tommi tot in seinem blut auf dem bett liegen. er will
sich als täter stellen um christiane zu schützen und fragt sich
erneut, ob er sie doch liebt. auf der polizeiwache trennen sich ihre
wege. vierzig jahre später begegnen sie sich wieder. alles beginnt
von vorne.
eine eher eigenartige geschichte, in
die man sich zunächst einfinden muss. mit dieser etwas speziellen
handlung stellt der roman jedoch entscheidende lebensfragen. deren
nichtbeantwortung lässt einen beim lesen selbst schlüsse ziehen und
seine eigenen beziehungsmuster hinterfragen. auch wenn die charaktere
etwas blass bleiben, nehmen sie gestalt an und bieten
identifikationsmuster. das zentrale thema, die ambivalenz in einer
beziehung, ist überzeugend dargestellt, was das buch sehr lesenswert
macht.
04.07.2025
ariel lawhon: der gefrorene fluss
im ausgehenden 18. jahrhundert lebt die
hebamme martha ballard in maine. sie übt ihren beruf schon seit
vielen jahren aus, hat mehrere hundert geburten begleitet und ist
eine anerkannte medizinalperson. selbst zieht sie mit ihrem ehemann
ephraim neun kinder gross. ueber all ihre tätigkeiten und das
geschehen am ort führt sie über jahre ein tagebuch. als die leiche
eines mannes aus dem beinahe zugefrorenen fluss geborgen wird, ruft
man sie zur leichenschau. schnell ist klar, der tote ist nicht
ertrunken, sondern wurde zuvor ermordet. am abend vorher war ihr
ältester sohn in eine schlägerei mit diesem mann verwickelt, weil
er die ehre seiner schwester verteidigt hatte. schnell fällt der
verdacht auf ihn: er wird verhaftet. gerüchte machen die runde und
es wird viel geredet, jedoch martha will die wahrheit finden und
lässt sich nicht beirren. ihre familieninteressen und ihre
berufsethik stehen sich gegenüber, die ihr schwierige entscheide
abfordern. hinter allem steht ein einflussreicher mann, dem es vor
allem um die wahrung seiner ehre und ums geld geht.
der weitläufige, handlungsreiche roman
ist nicht nur eine art krimi, sondern vor allem inspiriert von der
geschichte martha ballards, einer legendären hebamme. eindrückliche
schilderungen der damaligen lebensumstände dieser rauen
einwanderergesellschaft in einer ländlichen gegend beeindrucken
ebenso wie die beschreibungen der rolle der frauen. mütter
unehelicher kinder, für die sich martha besonders einsetzt, sind
damals geächtete personen. trotz der vielen handlungsstränge und
der grossen zahl von personen ist es nicht schwierig, den ueberblick
zu behalten. detailliert gezeichnete menschen und orte, viele
emotionen und dramatische situationen halten eine ausserordentlich
starke spannung aufrecht. einmal begonnen zu lesen, lässt sich das
buch kaum noch aus der hand legen.
27.06.2025
sasha filipenko: der schatten einer offenen tür
komissar kosow wird als ermittler von
moskau nach ostrog, einer kleinen gesichtslosen stadt fernab der
zentren, entsandt. im dortigen kinderheim gibt es eine auffällige
häufung von selbstmorden. kosow soll herausfinden, wer die
jugendlichen dazu anstiftet. die örtlichen behörden haben bereits
einen täter dingfest gemacht. petka, ein junger mann, der ebenso
eine heimkarriere hinter sich hat, scheint mit seiner dna bei allen
fällen spuren hinterlassen zu haben. ihm wird unter folter ein
geständnis abgerungen. bei einem weiteren suizid wird seine dna
wieder gefunden – zu der zeit sass er jedoch in untersuchungshaft.
dies bringt die ganze beweislage ins wanken und gibt kosow, der immer
daran zweifelte recht.
was eigentlich wie ein krimi
daherkommt, ist nichts anderes als eine subtile satire über das
postsowjetische leben in russland. oft kann man zwischen den zeilen
lesen, was nicht eindeutig ausgesprochen wird oder werden darf. mit
den beschreibungen der zustände im kinderheim vermittelt der autor
dagegen unmissverständlich und sehr deutlich die unmenschlichen
verhältnisse, denen die elternlosen jugendlichen ausgesetzt sind.
ein meisterhaft komponierter roman, der einen ahnen lässt, wie die
machtmechanismen in jener gesellschaft funktionieren.
22.06.2025
martin becker: die arbeiter
als jüngstes kind und nachzügler wird
der erzähler in eine bergmanns-familie im ruhrgebiet geboren. der
vater ein stiller, manchmal cholerischer mann, der aus
gesundheitlichen gründen nicht mehr unter tag arbeitet, die mutter,
eine starke frau, die sich nichts gefallen lässt, und drei
geschwister sind seine familie. aus eher prekären verhältnissen
schaffen sie es dank zuverdienst der mutter und sparsamkeit
reihenhaus und auto zu erwerben, doch bleibt geldknappheit immer ein
thema. am wirtschaftlichen aufschwung nach dem zweiten weltkrieg
haben sie nur ganz gering teil, trotzdem erfüllen sie sich – oft
auf ratenzahlung – ihre wünsche. ein schlaganfall der mutter und
eine spätere tumorerkrankung des vaters lädt dem jüngsten einiges
an verantwortung auf. obwohl er darunter leidet und es seine
lebenspläne stört, kann er sich dieser aufgabe nicht entziehen, was
ihm aber auch die versöhnung mit seinen eltern bringt.
so treffend genau können die
lebensumstände einer arbeiterfamilie wohl nur von jemandem
vermittelt werden, der dies selbst erlebt hat. dieser
autobiografische roman, der auch die fiktion nicht scheut, wird zu
einem zeitdokument über lebensumstände, die es in dieser form kaum
noch gibt. viele details illustrieren den alltag dieses lebens
zwischen realität und träumen, zwischen kleinen freuden und
schicksalsschlägen. aus jedem tief arbeiten sie sich wieder hoch.
trotz oder wegen aller schwierigkeiten bleibt der familiäre
zusammenhalt bestehen. der autor liefert damit einen spannenden
sozialgeschichtlichen beitrag.
14.06.2025
dulce maria cardoso: die rückkehr
nach der unabhängigkeit angolas wird das leben im
beginnenden bürgerkrieg für die angehörigen der
ehemaligen kolonialmacht gefährlich. ihre jahrzehntelange herrschaft
und ihr verhalten gegenüber der einheimischen bevölkerung hat
folgen. auch die familie von rui sitzt auf gepackten koffern in ihrer
villa in luanda. doch statt ihres onkels, der sie zum flughafen
fahren soll, fährt eine militärische einheit vor um den vater zu
verhaften. ohne ihn kommt die familie in portugal an und wird – wie
viele rückkehrer – in einem hotel untergebracht. im von der
nelkenrevolution erschütterten mutterland werden sie mit ablehnung
und vorurteilen empfangen. auch mit den anderen zurückgekehrten, mit
denen sie auf engem raum untergebracht sind, ist es nicht einfach.
das unwissen über das schicksal des vaters beherrscht den alltag.
rui, der die rolle des familienoberhauptes übernehmen zu müssen
meint, leidet unter dieser verantwortung. es dauert lange, bis sich
die lage normalisiert und sie aus der provisorischen unterbringung in
eine eigene wohnung ziehen können.
neben der entkolonialisierung und deren
folgen stehen die gefühle des jungen rui – aus dessen sicht
erzählt wird – im zentrum der handlung. der verlust seiner freunde
in der alten heimat, die ersten verliebtheiten, die ersten sexuellen
kontakte sind ebenso thema, wie seine schuldgefühle und das
zurechtfinden in einem land, das er bisher nur von der landkarte
kannte. die menschen in seiner umgebung, ihr verhalten, ihre
ablehnung und ihre vorurteile, geben ihm viel zu denken. ein
eindrücklicher roman über ein geschichtliches ereignis, das
ausserhalb portugals kaum wahrgenommen wurde.
08.06.2025
joachim b. schmidt: ósmann
hinten im skagafjord lebt jón
magnússon, genannt ósmann. mit seiner seilfähre setzt er menschen,
tiere und waren über den fluss, lebt aber auch vom robbenfang. hier
gross geworden, hat dieser hünenhafte mann immer da gelebt.
ósmann ist aber auch philosoph, denker und dichter. seine hütte, die
ihm als rückzugsort und schutz vor regen, schnee und kälte dient
ist auch ein ort der gastfreundschaft, wo er seine fahrgäste mit dem
wenigen, was er hat, bewirtet. von schicksalsschlägen nicht
verschont, muss er mehrere seiner kinder zu grabe tragen, muss
zusehen, wie menschen ertrinken, die er nicht retten kann. mit
veränderungen und neuerungen, die seine heimat erreichen tut er sich
auch schwer. immer mehr setzt ihm die schwindende lebenskraft im
zunehmenden alter zu, was seinen entscheid reifen lässt, irgendwann
die erde zu verlassen.
die zu beginn des 20. jahrhunderts
handelnde biografische geschichte ósmanns wird aus der perspektive
eines nicht genauer definierten beobachters erzählt. im zentrum
stehen sein alltag, seine gedankenwelt und das harte leben in einer
gegend, in der die sommer kurz, die winter lang und unwirtlich sind.
neben der realität findet auch die welt der geister und mythen ihren
platz. die detaillierten beschreibungen von landschaft, witterung und
menschen berichten bildhaft vom harten leben im alten island und
tragen einen beim lesen in diese raue welt mit ganz besonderen
menschen.