16.10.2016

amos oz: eine geschichte von liebe und finsternis

palästina während und nach dem zweiten weltkrieg. viele einwanderer, denen es gelungen ist, den nazis zu entkommen, die aber viele angehörige und freunde in konzentrationslagern verloren haben, leben neu im land. die britische armee beginnt sich als schutzmacht zurückzuziehen, die schwelenden konflikte zwischen arabern und juden flammen auf. kurz nach der gründung israels sieht der neue staat sich mit krieg konfrontiert.
vor diesem hintergrund erzählt uns amos oz seine damalige kindheit, die geprägt ist von seinem liebevollen vater, der beruflich nicht den erwünschten erfolg hat. amos hat den traum eines ganz anderen lebens, will in einen kibbuz gehen um dort die zukunft des landes mitzugestalten.
es sind hoffnung, verzweiflung, politische differenzen, aufbruch und zeitweise resignation, die das leben in der damaligen gesellschaft prägen.
ein ausserordentliches und ergreifendes familienepos, das vor allem auch deshalb so eindringlich und berührend ist, weil es aus der sicht eines kindes erzählt wird. auch eines dieser bücher, das sich beinahe nicht aus der hand legen lässt, bevor man auf der letzten seite angekommen ist.

06.10.2016

uwe timm: der mann auf dem hochrad

als franz schröter als erster auf einem hochrad durch die strassen der stadt fuhr, war dies eine sensation. schnell teilten sich die meinungen der leute darüber, ob dieser fortschritt eine gefahr für fahrer und passanten sei. als später seine frau anna das hochrad ebenfalls bestieg, fragten sich viele, ob dies schicklich sei. dazu kam die konkurrenz des niederrades, das etwa wie das heutige velo konstruiert war. am ende war schröter der einzige, der dem hochrad treu blieb, auf dem das fahren seiner meinung nach eleganz und stil verkörperte, während das niederrad ein gewöhnliches und anstrengendes beför­derungsmittel war.
diese schöne geschichte über einen technischen fortschritt beschreibt, die sich bei jeder innovation abzeichnenden vorbehalte und aengste der menschen. liebevoll und sprachlich einzigartig werden die figuren und begebenheiten beschrieben. es ist ein genuss, dieses buch zu lesen.

26.09.2016

david william wilson: als alles begann

archer flieht mit seiner tochter linnea aus den vereinigten staaten nach kanada, um nach seiner vietnam-kriegserfahrung nicht erneut einberufen zu werden. hier trifft er auf cecil, der seinen enkel alan grosszieht. die beiden männer werden freunde. als cecil einen herzinfarkt erleidet, hat er den wunsch, seinen sohn jack, der allans vater ist, noch einmal zu sehen. zusammen mit archer macht sich allan auf die suche und findet nicht nur seinen vater, sondern zuvor auch seine mutter linnea.
der roman spielt in abgelegenen gegenden kanadas, wo die menschen eher rau miteinander umgehen. wilde schlägereien, archaische verhältnisse und konservative moralvorstellungen prägen das leben der menschen. die eindrücklichen und detaillierten personenbeschreibungen überzeugen nicht immer, aber bringen viel – zu viel – bewegung in die sonst nicht so dichte handlung. nicht ganz einfach zu lesen, weil die identifikation der figuren über verschiedene namen ebenso verwirrend ist, wie die immer wieder wechselnden ich-erzähler, aus deren perspektive die geschichte erzählt wird.

16.09.2016

dorothee elminger: schlafgänger

von grenzgängern, flüchtlingen, heimatlosen, vertriebenen und menschen in anderen ausnahme­situationen erfahren wir über ihr leben und ihr handeln. in einer art virtuellem treffen erzählen und berichten sie über ihre schicksale, ihre gefühle und erlebnisse.
es sind themen die uns alle täglich in irgend einer form in den medien begegnen, treffend und eindringlich aufbereitet und zu einer collage verflochten. das buch ist – vielleicht wegen einer mangelnden durchgehenden handlung – nicht leicht zu lesen.

10.09.2016

eveline hasler: mit dem letzten schiff

im jahr 1940 stranden viele flüchtlinge in südfrankreich mit der hoffnung auf eine schiffspassage. hier in marseille arbeitet varian fry im auftrag eines amerikanischen komitees. sein auftrag ist es, etwa zweihundert künstlern und intellektuellen die flucht zu ermöglichen. angesichts der grossen not und verzweiflung setzt er sich, auch sich selbst gefährdend, für alle möglichen bedrohten menschen ein.
nicht weit entfernt betreibt das schweizerische rote kreuz ein heim für verwaiste flüchtlingskinder. als dort die polizei beginnt, gezielt jüdische jugendliche zu deportieren, beschliessen zwei rotkreuzschwestern, illegale grenzübertritte in die schweiz zu organisieren, um die jungen menschen zu retten.
die zwei geschichten von menschen, die ungeachtet all der widrigen umstände nur ihrem herzen und ihrer persönlichen ethik folgen, sind spannend und sehr berührend. die verflechtung geschichtlicher fakten und fiktiver handlungen macht aus dem buch einen spannenden roman, der gerade während der derzeitigen diskussion um flüchtlinge eine grosse brisanz erhält.

28.08.2016

elif shafak: der bastard von istanbul

asya lebt als uneheliche tochter mit ihren vier tanten und zwei grossmüttern in einem reinen frauenhaushalt in istanbul. wer der vater von asya ist, bleibt ein geheimnis, bis sich eines tages armanoush, die stieftochter von asays onkel, aus amerika anmeldet. sie hofft in istanbul mehr über die familie ihres armenischen vaters und deren herkunft zu erfahren. bald finden sich asya und armanoush gemeinsam auf der suche nach antworten. vor dem hintergrund der armenierverfolgung anfangs des 20. jahrhunderts entsteht das bild einer familiengeschichte, die überraschende wendungen nimmt.
nebst den komplexen und schwierigen familienverhältnissen der beiden jungen frauen lebt die geschichte vor allem auch von den bildhaft beschriebenen skurrilen figuren, die stellvertretend für die ganze bandbreite der türkischen und armenischen gesellschaft stehen dürften.
spannend als familienepos, aber ebenso als geschichtliches dokument, schafft es dieses buch zu ver­mitteln, wie schwierig der umgang mit der geschichte der armenier im osmanischen reich ist.

27.08.2016

didier eribon: rückkehr nach reims

der autor, heute ein französischer intellektueller und soziologieprofessor, wächst in einer armen arbeiterfamilie in reims auf. es ist schon ausserordentlich, dass er nicht – wie in diesem milieu üblich - mit 14 jahren die schule verlässt, um in der fabrik zu arbeiten, sondern das gymnasium besucht. um seine studien- und berufsziele zu verwirklichen, aber auch um endlich seine homosexualität zu leben, trennt er sich früh vollständig von seiner familie und geht nach paris.
nach dem tod seines vaters kehrt er zum ersten mal zurück zu seiner mutter und muss feststellen, dass seine familie, die bisher immer kommunistisch gewählt hat, sich nun dem front national zuwendet.
die eher knapp gehaltene biografie bildet den hintergrund für eine fundierte und reflektierte analyse der gesellschaftlichen gegebenheiten im heutigen frankreich. ein anspruchsvolles buch mit einem komplexen vokabular, das dem lesenden trotzdem einen verständlichen einblick in die sozialstruktur der französischen gesellschaft gibt.