08.07.2020

hansjörg schertenleib: das regenorchester

ein aus der schweiz nach irland ausgewanderter schriftsteller wird von seiner frau verlassen. zwei wochen später lernt er niamh kennen, eine alleinstehende frau, die ihm seine lebensgeschichte erzählt und ihn somit zu ihrem biografen macht. sie lässt das leben im damaligen irland auferstehen: ihre jugend in einer grossen, armen, katholischen familie auf dem land. um arbeit zu finden verlässt sie dann ihre heimat, begegnet ihrer grossen liebe, die sie wieder verliert und kehrt erst über dreissig jahre später zurück. an krebs erkrankt, schliesst sie mit ihrem leben ab. der schriftsteller bleibt mit den erinnerungen zurück.
die spannende und stark emotionale lebensgeschichte von niamh fasziniert vom ersten moment an. deswegen lohnt es sich, das buch zu lesen und lässt darüber hinwegsehen, dass das leben und die gedanken des schriftstellers eher stiller und zurückhaltender natur sind und wie keine kraft daneben zu haben scheinen. der roman zerfällt wie in zwei hälften, das ist irgendwie schade.

03.07.2020

nino haratischwili: das achte leben (für brilka)

zu beginn des 20. jahrhunderts kommt stasia zur welt, die tochter eines erfolgreichen georgischen schokoladefabrikanten. mit diesem ereignis beginnt eine bewegte und weitverzweigte familiengeschichte über sechs generationen, die von stasias urenkelin niza für ihre nichte brilka aufgeschrieben und erzählt wird. vor dem hintergrund des untergehenden zarenreiches, von siebzig jahren sowjetunion und dem freiheitskampf der georgier berichtet dieser episch breite roman über eine ursprünglich wohlhabende familie. wie ein roter faden zieht sich das leben der uralt werdenden stasia durch das ganze jahrhundert. jede generation kämpft mit neuen herausforderungen, doch das grundthema bleibt immer dasselbe: nicht standesgemässe liebesbeziehungen, der machterhalt und eine aus den konventionen ausbrechende jugend. doch die weisheit und toleranz der alternden frauen vermögen die sippe zusammenhalten.
auf diesen 1275 nicht nur spannenden sondern auch unterhaltsamen seiten ist kein satz zu viel. geschickt bettet die autorin diese familiensaga in die geschichtlichen ereignisse ein. wunderbar detailliert gezeichnete figuren und bildhafte beschreibungen von orten und landschaften lassen einen schnell in diese welt eintauchen. auch fasziniert die kluge erarbeitung der frauen- und männerrollen in einem sich nur langsam auflösenden patriarchat. treffend beschreibt sie die divergenz zwischen wunsch und realität, die menschen im oft ignoranten und korrupten system gefangen hält. in dem gegen schluss immer manifester werdenden sozialen gefälle der gesellschaft fragen sich die menschen, wohin sie in diesem zaghaft einsetzenden politischen frühling eigentlich gehören. ein spannendes und aufregendes buch, in dem man trotz der sich weit ausbreitenden erzählung und der verschiedenen beteiligten personen nie den ueberblick verliert und das erstaunlicherweise ganz ohne cliffhanger die spannung bis zum schluss hält.



25.06.2020

philipp tingler: schöne seelen

die ganze geschichte ist im milieu der «reichen und schönen» im heutigen zürich angelegt. millvina liegt auf dem sterbebett in einer schönheitsklinik, dieser letzte eingriff war zuviel. ihre tochter mildred nötigt ihren mann viktor mehr oder weniger dazu eine psychotherapie zu machen. viktor, der gar keine lust darauf hat, sondern sich lieber seinem hobby, der laienschauspielerei, zuwendet, gewinnt seinen freund oskar dafür: stellvertretend für ihn soll er die therapiestunden besuchen. doch es dauert nicht allzu lange und der zufall will, dass dieses konstrukt auffliegt: ein abend absoluter dramatik entwickelt sich.
der roman hat das zeug zu einer bitterbösen karikatur dieser gesellschaft der neureichen. teuerste attribute werden hier zur schau gestellt, exklusivste markenartikel sind die kulisse, gegenseitiger neid und unehrlichkeit beherrschen das feld. was zu beginn amüsant und kurzweilig daherkommt, verliert bald über weite strecken an komik und spannung, erst gegen schluss nimmt die handlung wieder fahrt auf. schliesslich macht aber die bestechend reiche und virtuose sprache das lesen zur freude und lässt die längen in den hintergrund treten.

15.06.2020

julian barnes: vom ende einer geschichte

als adrian neu in die klasse kommt, befreundet er sich schnell mit tony. nach abschluss der schulzeit bleiben sie in kontakt, bis ihre freundschaft ein plötzliches ende findet: tonys freundin veronica entscheidet sich für adrian. tonys leben verläuft klar und ruhig. er heiratet und wird vater, später lässt er sich scheiden und lebt alleine. alles scheint geregelt, bis er von einer anwaltskanzlei wegen einer erbschaft kontaktiert wird. damit erfährt er auch, dass das leben seines früheren freundes anders verlaufen ist, als er dachte und stellt vieles in frage, was er als jugendlicher gefühlt und gedacht hat.
die geschichte wendet sich dauernd in neue richtungen und überrascht immer wieder. trotz der komplizierten verhältnisse lässt der klare handlungsverlauf einen mühelos die uebersicht behalten, bis gegen das ende einiges zunächst unverständlich erscheint und sich erst ganz zum schluss auf den letzten seiten klärt. die vielen philosophischen gespräche und gedanken fügen sich bestens ein: sie machen das buch zu einem kleinen genuss.

11.06.2020

maurizio pinarello: das gedächtnis der steine

zunächst meint der journalist fernando, ein virus auf seinem computer zu haben. dann stellt es sich aber als ein e-mail von franco heraus. sie lebten damals mit ihren aus dem gleichen dorf stammenden eltern im gleichen haus. als illegales kind von saisonniers wurde franco versteckt und durfte die wohnung nicht verlassen. die rudimentäre botschaft macht fernando neugierig und er beginnt nachzuforschen. er reist nach italien ins heimatdorf der eltern. dort trifft er verschiedene verwandte, die ihm vom früheren leben und der emigration erzählen. francos leben scheint einen anderen, tragischen verlauf zu nehmen; er trifft ihn nicht.
wegen der mangelnden durchgehenden handlung lässt sich dieser roman nicht einfach lesen. der alltag der immigranten in der schweiz der 1960er jahre bleibt eher blass und oberflächlich ausgeführt. das wirklich schöne und starke an diesem buch sind die beschreibungen des lebens in norditalien im frühen 20. jahrhundert. beim lesen ist man an die bilder aus bertoluccis «novecento» erinnert. wegen eines fehlenden handlungsablauf ist es jedoch schwierig dem inhalt zu folgen. der einstieg in den roman bleibt isoliert und ohne abschliessende antwort. der schluss kommt wie eine eigene unabhängige geschichte daher.

07.06.2020

nihad siris: ali hassans intrige

fathi ist schriftsteller und darf nicht publizieren, weil er sich nicht zum werkzeug des regimes machen lassen will. seine freundin lama versteht und teilt diese haltung, während die opportunistische verwandtschaft vergeblich versucht ihn umzustimmen. als seine verwitwete mutter ihn um den segen zu ihrer zweiten hochzeit mit einem hohen funktionär des staates bittet, ist dies eine falle. auf eine hinterlistige art versucht die geheimpolizei ihn mit einem stellenangebot im machtapparat und anderen vergünstigungen zu korrumpieren. lama behält letztlich einen klaren kopf, warnt und rettet ihn.
mit einer einzigartigen präzision beschreibt der autor den alltag in einer totalitär regierten gesellschaft. er entlarvt damit das brutale und nur dem selbstzweck einer kleinen elite dienende system in einer faszinierenden detailliertheit. hitze und abkühlung, lärm und ruhe werden zu metaphern der beiden gegnerischen pole. beinahe liebevoll skizziert er die machthabenden in ihrer zerbrechlichen unsicherheit und ungeschminkt das gnadenlose vorgehen ihrer schergen. die studie über eine politische realität, die sich immer wieder in ländern zu etablieren weiss, ist ein eindrücklicher text, der das wesen des totalitarismus konzentriert darstellt.

04.06.2020

thomas müller: die todgeweihte

wenige jahre vor dem grossen erdbeben zu basel: die jüdische federhändlerin saphira, die bei ihrem vater wohnt, führt ein gutes und glückliches leben. ihr herz schlägt für den etwas scheuen tam, den sohn des bürgermeisters, der auch ihr sehr zugetan ist. tam bittet seinen draufgängerischen freund christian, seiner geliebten eine botschaft zu übermitteln, doch dieser verführt saphira. in diesen tagen bricht die pest aus. tams vater bringt durch intrigen das volk dazu den juden die schuld für die epidemie zuzuweisen: sie werden zusammengetrieben und bei lebendigem leib verbrannt. saphira wird im letzten moment durch tam gerettet. gemeinsam flüchten sie, um das versprechen, das saphira ihrem vater auf dem totenbett gegeben hat, zu erfüllen.
eine ziemlich abenteuerliche geschichte, die vieles über die mittelalterlichen lebensumstände berichtet. so stellt der leicht zu lesende roman einen ganz besonderen geschichtsunterricht dar. die dramatische handlung ist spannend bis zur letzten seite und gibt einen einblick in die lebensumstände jener zeit. religiöse elemente und ethische werte werden einer gewalttätigen und rauhen gesellschaft gegenübergestellt und fragen von schuld, sühne und vergebung werden zu zentralen elementen.