als der autor mit der diagnose
multiples myelom konfrontiert wird, verändert sich sein leben für
eine längere zeit drastisch. diese lebensbedrohende krankheit des
blutes erfordert eine komplizierte, langwierige therapie, deren
erfolg ihm zu beginn niemand versprechen kann. er entscheidet sich
aber dafür und beginnt diese reise durch chemotherapien,
bestrahlungen, stammzellentransplantation und isolationen. dabei
protokolliert er nicht nur seine beobachtungen und gefühle, sondern
blickt auch zurück auf verschiedene momente seines lebens.
der einstieg ins buch ist nicht ganz
einfach, dann beginnen diese persönlichen texte jedoch zu berühren
und holen einen stark ein. aktuelle ereignisse lösen immer wieder
erinnerungen an momente seines bisherigen lebens aus, was ihn den weg
durch diese schwere zeit mit viel mutiger gelassenheit bewältigen
lässt. berührend beschreibt er, wie er zeitweise auf das
existenzielle reduziert ist. seine persönlichen begegnungen werden
eingeschränkt. neben dem medizinischen personal, das er als
einzigartig liebevoll und kompetent erlebt, darf ihn zeitweise nur
seine partnerin francesca besuchen. daneben gibt es einen
kleinen freundeskreis, auf den er sich verlassen kann. diesen
menschen widmet er dankbar viele gedanken. seine wiederholt
aufblitzende fröhlichkeit, seine hoffnung und sein humor – der
fern von galgenhumor bleibt – sind tröstend und erfrischend.
07.09.2025
tomi scheiderbauer: ich bin - meine freund:innen, der tumor und die kunst
03.09.2025
bryan washington: dinge an die wir nicht glauben
ben und mike leben seit vier jahren in
houston als paar zusammen. aber sie sind sich ihrer liebe nicht mehr
so sicher. immer wieder haben sie konflikte, bei denen die fetzen
fliegen und die jedes mal mit einer versöhnung im bett enden. die
nicht einfachen familienverhältnisse der beiden beeinflussen sie
immer wieder. bens eltern leben getrennt, die von mike haben den
damals 19-jähringen bei ihrer heimkehr nach japan in amerika
zurückgelassen. als mike von der schweren krankheit seines vaters
erfährt, entscheidet er sich zu ihm zu fahren, um ihn bis zum tod zu
pflegen. am tag vor seiner abreise kommt mikes mutter, die resolute
mitsuko, aus tokio zu besuch. so bleibt sie mit ben, den sie bisher
nicht kannte, in der wohnung zurück. durch gegenseitiges erzählen
lernen beide mike auf eine andere weise zu sehen.
ein erfrischender roman in einer ganz
eigenen direkten und unkomplizierten sprache, der diese spannende und
tiefgründige geschichte erzählt. auf ihre art leicht daherkommend,
vermittelt sie gleich mehrere bilder. vor dem hintergrund einer
multikulturellen gesellschaft mit sehr unterschiedlichen
wertehaltungen werden etliche beziehungsmuster porträtiert. angenehm
realistisch versteigt sich der autor nicht in sich anbietende
psychologische clichés, sondern führt die handlung realistisch und
bodenständig weiter. das offene ende lässt einen aus eigener
fantasie eine fortsetzung ausdenken.
29.08.2025
linus reichlin: das leuchten in der ferne
die reportagen des alternden
kriegsberichterstatters moritz martens sind nicht mehr so gefragt.
schon länger fehlen aufträge: er lebt mehr von seinem schwindenden
vermögen als von realen einkünften. zufällig lernt er miriam
kennen, deren vater ursprünglich aus afghanistan stammt. sie
berichtet ihm von einer jungen frau, die sich als mann ausgibt und im
dienst eines taliban-führers steht, dort jedoch aussteigen will um
in europa ein freies leben zu führen. dafür wäre sie bereit gegen 10'000 dollar ein interview zu geben. darin sieht
martens eine berufliche chance und er lässt sich auf diese
abenteuerliche geschichte ein. so reisen sie gemeinsam nach
afghanistan. dort angekommen stellt sich jedoch heraus, dass miriam
ihn getäuscht hat, der grund der reise ist ein ganz anderer.
hier wird eine abenteuerliche, beinahe
unwahrscheinliche geschichte so realistisch erzählt, als wäre der
autor selbst dabei gewesen. die reaktionen und wertehaltungen der
menschen, das handeln der einzelnen personen, der umgang mit wahrheit
und lüge zeigen abgründe des lebens unter den taliban auf.
bestechend ist die wechselnde, ohne wiederholungen auskommende
schilderung der immer gleichen landschaft. trotz der zeitweise
gruseligen gewalthandlungen, bei denen blut fliesst und ein
menschenleben kaum wert hat, habe ich das buch vor allem wegen der
sprachlichen brillanz zu ende gelesen. leider fällt die spannung in
der zweiten hälfte des romans etwas ab.
20.08.2025
andrew mcmillan: herzgrube
eine nordenglische stadt, die nach der
schliessung des kohlebergwerks mit ihrem wirtschaftlichen niedergang
kämpft, ist alles andere als ein queerfreundliches milieu. hier lebt
simon, verdient sich sein geld in einem callcenter und mit sexarbeit.
seine wahre passion sind aber seine auftritte als dragqueen in clubs
im benachbarten sheffield. sein freund ryan verdient sich sein brot
als security in einem einkaufszentrum. simons vater alex war – wie
auch sein vater – jahrelang bergmann und die erinnerung an seine
arbeit holt ihn immer wieder ein. als er von der beziehung seines
sohnes zu einem anderen mann erfährt, geht er gelassen und
unaufgeregt damit um. simon ist eher überrascht, denn er weiss noch
nichts vom gleichen verlangen seines vaters, das dieser nur sehr
verborgen auslebt. simon plant einen auftritt in seiner heimatstadt,
der nicht nur die glamouröse drag zeigen, sondern auch eine
politische botschaft haben soll.
die kurzweilig zu lesende
familiengeschichte erstreckt sich über drei generationen. ohne zu
sehr ins detail zu gehen, versteht es der autor ein klares bild über
die menschen und ihre lebensumstände entstehen zu lassen. da die
emotionen der protagonisten leider etwas an der oberfläche bleiben,
lässt sich viel vom leben in dieser maroden umgebung jedoch nur
erahnen. der roman bewegt sich auf drei ebenen, von denen zwei die
geschichte erzählen und die dritte sich mit einer feldstudie
befasst, die die sozioökonomischen verhältnisse darzustellen sucht.
sie bleibt hingegen eher ein schwer verständlicher fremdkörper.
insgesamt lesenswert ist das buch trotzdem.
14.08.2025
claudie gallay: die brandungswelle
ein fremder erscheint in einem dorf an
der atlantikküste. hier, wo kaum jemand unbekannter auftaucht, wird
er von allen beobachtet – das gibt zu reden für die leute. so
fremd ist lambert aber nicht: vor 40 jahren sind seine eltern und
sein bruder von einer bootsfahrt nicht mehr zurückgekommen. ein
unglück über das hier geschwiegen wird, weil es nicht hätte
geschehen müssen. lambert will die wahrheit darüber erfahren. dabei
kommt er auf die spur von michel, der von der leiterin des örtlichen
waisenhauses damals adoptiert wurde. als jugendlicher ist michel
eines tages ohne abschied weggegangen. langsam kommen einzelne
tatsachen zu tage, das schweigen der dorfleute beginnt zu bröckeln
und lambert beginnt zu begreifen, dass sein bruder damals überlebt
haben muss.
die geschichte wird aus der sicht einer
ortsfremden ornithologin erzählt, die hier forschungen betreibt. so
lässt sie den blick von aussen auf diese kleine eingeschworene
dorfgemeinschaft zu. fast wie in einem kriminalroman beginnen sich
einzelne fakten und erkenntnisse zu einem ganzen zu fügen. parallel
dazu erfährt man manches über die verhältnisse der leute
untereinander, über streitereien, lieben und abhängigkeiten. auch
wenn die handlung vielschichtig und spannend ist, überzeugt das buch
vor allem durch die eindrücklich bildhaften beschreibungen von
himmel, meer und landschaft.
07.08.2025
dmitrij kapitelman: russische spezialitäten
seit etlichen jahren lebt die
russisch-ukrainische familie in leipzig. die mutter betreibt den
«магазин» (magazin),
ein geschäft in dem russische waren verkauft werden. die ganze
familie ist involviert, auch der sohn, aus dessen perspektive erzählt
wird, kann sich dem nicht entziehen. als der krieg ausbricht, ändert
sich alles. die mutter informiert sich nur über russisches
staatsfernsehen und glaubt die ganze propaganda. der vater schweigt
weitgehend und der sohn steht auf der seite der ukrainer. um wieder
waren für den magazin einzukaufen reist er – für einen jungen
mann nicht ungefährlich – in die alte heimat, wo er seine früheren
freunde trifft. russisch zu sprechen, was damals ebenso normal war
wie ukrainisch, wird jetzt zunehmend zum problem.
ein einzigartiger roman, der mit viel
situationskomik die unsäglichen verhältnisse beschreibt, die der
krieg mit sich bringt. mit einem gewissen galgenhumor, aber auch
einem feinsinnigen zugang zu dieser zerrissenen gesellschaft,
versteht der autor aufzuzeigen, wie schwierig das leben geworden ist
und mit welchen strategien menschen mit der werteveränderung
umgehen. immer mehr wird mir beim lesen bewusst, wie wenig ahnung ich
von dieser realität habe. trotz aller schwere leuchten immer wieder
schöne und witzige momente auf, die auch hoffnung zulassen. ein ganz
besonderer beitrag, der sich von der täglichen
kriegsberichterstattung wohltuend abhebt.
04.08.2025
dani shapiro: leuchtfeuer
die
wilfs sind eine glückliche familie, die in einer ruhigen strasse in
einem new yorker vorort wohnt. doch dann ändert ein ereignis ihr
leben. ihr sechzehnjähriger sohn theo verursacht betrunken einen
unfall. er und seine schwester überleben, misty, eine freundin aus
der nachbarschaft, stirbt. nur ben, der vater, weiss ausser den
beiden, was wirklich geschah: alle tragen schwer an diesem geheimnis.
auch in der familie, die gegenüber auf der anderen strassenseite
lebt, gibt es probleme und schwierige momente. shenkman, der vater
tut sich schwer mit seinem hochbegabten sohn wildo, zu dem er kaum
zugang findet. eines nachts reisst der junge von zuhause aus und
trifft zufällig auf ben, der ihn auf anhieb zu verstehen scheint. so
entsteht eine ganz besondere beziehung zwischen den beiden, die ein
leben lang hält.
dieser
amerikanische – in einem moderat gelebten jüdischen milieu
angelegte roman – liest sich gut und flüssig, ist jedoch
streckenweise an handlung etwas überladen. emotionale bilder, die
einen beim lesen sehr bewegen sind die stärke dieser geschichte.
zwar sind die zeitsprünge dank der eingefügten datumsangaben gut
nachvollziehbar, machen aber einen eher konstruierten eindruck. der
etwas abrupte schluss lässt einige fragen offen. insgesamt aber ein
schönes und unterhaltsames buch, das ein paar lebensprobleme
anspricht.