14.08.2020

christoph poschenrieder: das sandkorn

ein mann streut kleine portionen sand auf die strassen in berlin. dieses an sich harmlose verhalten ist während der kriegszeit verdächtig. so beginnt eine polizeiliche untersuchung und jacob tolmeyn wird einem kommissar vorgeführt, der ihn bald eines mordes verdächtigt. eigentlich lebt jacob aber in rom und arbeitet am königlich preussisch historischen institut, für das er in süditalien alte ruinen ausmisst und fotografiert. begleitet wird er von seinem assistenten beat und von letizia, die ihm die italienischen behörden als eine art ueberwachungsperson zur seite gestellt haben. letizia verfolgt aber ganz andere ziele. auf der gemeinsamen exkursion entwickelt sich eine komplizierte beziehungsgeschichte zwischen der frau und den zwei männern.
kaum beginnt man zu lesen, ist man schon tief in die stimmung des beginnenden 20. jahrhunderts eingetaucht. ein von regeln, autoritäten und tabus bestimmter alltag leitet das verhalten der menschen. wunderbar treffend und leicht beschreibt der autor die eifersüchte, animositäten und sehnsüchte der drei. jedes der im verlauf der geschichte auftauchende rätselhafte ereignis findet bis zum schluss seine auflösung.

08.08.2020

milena moser: land der söhne

sofia lebt in los angeles und wächst wohlbehütet bei zwei vätern auf: santi, dem sie irgendwie mehr zugetan ist, weil er der weniger strenge und lebenslustigere ist, und giovanni, der giò genannt wird, der eher intellektuelle und in sich gekehrte. giò ist der sohn von luigi, der als kind mit seiner mutter nach amerika ausgewandert ist. drei sehr unterschiedliche kindheits- und jugendjahre von luigi, giò und sofia sind das gerüst dieser etwas komplizierten familiengeschichte. während luigi, in einer internatsschule ist, in der aus jungen «richtige männer» werden sollen, wächst giò mehr oder weniger auf sich selbst gestellt in einer hippie-kommune auf, die sich auf dem land eines indianerstammes befindet. seine drogen konsumierende mutter überlässt ihn sich selbst. eines tages nimmt giò seine tochter auf eine reise an den ort mit, wo er aufgewachsen ist, weil er dort nicht nur seine mutter treffen, sondern auch ein erbe antreten will.
eine sehr eigenwillige geschichte, die etwas viele elemente in sich vereinigt. die gegenüberstellung der drei unterschiedlich verlaufenden jugendjahre mit der jeweils schwierigen suche nach orientierung ist das zentrale thema. soweit, so gut. aber es wird einfach zu viel in diesen text verpackt. so sind die zustände in der kommune etwas sehr überzeichnet und auch die andeutungen pädophilen verlangens des schulleiters dienen dem verlauf der geschichte nicht wirklich. die indianer spielen eine etwas eigenartige, zuweilen auch unwahrscheinliche rolle. das buch hinterlässt ein zwiespältiges gefühl, es liest sich zwar flüssig, aber bleibt trotz allen problemstellungen irgendwie an der oberfläche.


27.07.2020

jens steiner: mein leben als hoffnungsträger

philipp hat seine lehre abgebrochen und ist aus seiner wohngemeinschaft rausgeflogen. uwe, der leiter eines recyclinghofs wird auf ihn aufmerksam, als er ihn stanniolpapier von der strasse aufsammeln sieht. er stellt ihn als neuen mitarbeiter und hoffnungsträger an. die beiden anderen mitarbeiter, joão und alberto, verfolgen am arbeitsplatz mit ihren nebengeschäften andere ziele. als eines der nicht ganz legalen geschäfte joãos schief zu gehen beginnt, wird gemeinsam alles mobilisiert, um solidarisch ein fiasko abzuwenden.
die geschichte berichtet vom etwas schwierigen leben des jungen philipp und könnte damit fast als jugendroman durchgehen. neben menschlichen aspekten, findet – leider etwas zu wenig – eine kritisch-humoristische auseinandersetzung mit der wegwerfmentalität der heutigen gesellschaft statt.

24.07.2020

joël dicker: das verschwinden der stephanie mailer

die ganze geschichte handelt in einem kleinen ort ausserhalb von new york an der ostküste der usa. nachdem vor zwanzig jahren eine grauenhafte bluttat aufgeklärt schien, beginnt die journalistin stephanie mailer, diesem gewaltverbrechen erneut nachzuforschen. sie behauptet, die damaligen ermittler, zwei junge beamte der state police, hätten sich getäuscht. kurz darauf verschwindet die junge journalistin. die beiden polizisten, die damals den täter überführt hatten, beginnen den fall wieder aufzurollen. die örtliche polizei ist wenig begeistert davon, aber anna, eine neue kollegin vor ort arbeitet mit ihnen zusammen. neue und überraschende erkenntnisse und ein paar weitere morde führen zum wirklichen täter, der noch im ort lebt.
die vielfältige und verschlungene handlung geht weit über einen kriminalroman hinaus. während das verbrechen langsam aufklärt wird, blickt man auf das leben und die politischen machtverhältnisse in diesem städtchen und erfährt viel über die beziehungsabgründe, die sich hinter den fassaden der schmucken häuser mit akkurat gepflegten vorgärten verbergen. die treffende beschreibung der strukturellen probleme der örtlichen polizei könnte aktueller nicht sein. faszinierend ist auch die darstellung, wie die persönlichen lebenserfahrungen der menschen den verlauf der geschichte beeinflussen. erst ganz zum schluss führt der autor die indizien überraschend zusammen und schafft damit einen roman, der richtig süchtig macht und in einem zug gelesen werden will.

19.07.2020

romana ganzoni: tod in genua

die angehende opernsängerin nina und der mathematikstudent paul treffen sich zufällig an der universität. beide lesen sie gerade das gleiche buch. so kommen sie ins gespräch und ihre beziehung beginnt. er nimmt sie ein erstes mal mit nach genua zu seiner legendären tante matilde, die den beiden ihren segen zur heirat gibt. sieben jahre später fahren sie zur beerdigung von matilde, die wohlhabend und lange schon verwitwet, gestorben ist. während dieser tage stellen sich existenzielle fragen über pauls und ninas ungewollt kinderlos gebliebene beziehung.
um es gleich vorweg zu nehmen: das buch hat mich nicht erreicht. zu sehr stehen die haltung gegenüber sozial schwächeren menschen und die insignien von wohlstand und reichtum im vordergrund, als dass das zentrale thema der kinderlosigkeit dieses paares zum tragen käme. insgesamt eine etwas seltsam angelegte geschichte, die durch ortsbeschreibungen der stadt durchaus lust machen könnten nach genua zu reisen. die passagen über den g8-gipfel und die eingestürzte morandi-brücke wirken eher verloren.

15.07.2020

james baldwin: nach der flut das feuer

in form eines briefes an seinen neffen berichtet james baldwin von seinen eigenen erfahrungen und seinen erkenntnissen über das leben der schwarzen in den vereinigten staaten. zum ersten mal widerfährt ihm ein uebergriff weisser polizisten im zehnten lebensjahr, er sieht seine altersgenossen in drogen- und alkoholkonsum abstürzen und er findet zunächst über seinen glauben und die aktivitäten in der kirche halt. er braucht einen enormen willen, seinen weg zu gehen. hundert jahre nach der abschaffung der sklaverei ist die gesellschaft noch weit entfernt von der gleichberechtigung. er beschreibt, wie jedes schwarze kind bereits früh realisieren muss, wo sein platz sein wird und welchen einfluss dies auf das zukünftige leben haben kann.
dieser visionäre text ist bald 60 jahre alt und hat nichts von seiner aktualität verloren. james baldwin beschreibt nicht nur die immer noch massive benachteiligung der schwarzen sondern analysiert auch präzis und schonungslos die haltung und das denken der weissen. er entwirft aber keine anklage nach einem schwarz-weiss-schema, sondern zeigt auf, wie tief alle – weisse wie schwarze – in diesen mustern gefangen sind und kaum herausfinden. auch schlägt er einen bogen zur situation in europa, wo die einwanderung von menschen aus afrika später und unter anderen vorzeichen stattfindet. er versteht es, mögliche handlungsperspektiven aufzuzeigen und diesem buch damit eine versöhnliche note zu geben.

13.07.2020

jan lurvink: lichtung

der ich-erzähler ist musiker und komponist, der in einer wohngemeinschaft lebt. daneben nimmt er an einem wissenschaftlichen test in einem schlaflabor teil. bei seinem eben komponierten musikstück stellt er am ende fest, dass diese komposition genau so viele takte hat, wie claire jahre alt ist. in claire ist er verliebt, aber die geschichte mit ihr ist nicht einfach. nach einer gewissen zeit der nähe verlässt sie ihn wieder. er bleibt philosophierend zum thema orpheus und eurydike zurück.
dies ist ein sehr spezielles buch, dessen sinn und botschaft sich mir nicht ganz erschliesst. der text wechselt abrupt zwischen den verschiedenen handlungssträngen, die kaum etwas miteinander zu tun haben. die stärke des romans, der beim lesen hohe konzentration erfordert, ist eindeutig die schöne sprache voll von überraschenden wendungen.