09.04.2026

silvio blatter: das blaue haus

ende des 19. jahrhunderts wird heinrich zinn geboren. er erlernt das schneiderhandwerk wie sein vater. dieser folgt jedoch längst mit einem kleinen zirkus unterwegs durch europa anderen interessen. als junger mann wandert heinrich nach amerika, auch ihn zieht es zeitweise ins artistenmilieu. beim ausbruch des ersten weltkrieges kehrt er in die schweiz zurück und wird zur armee eingezogen. nach dem krieg beginnt er als fabrikant schürzen zu produzieren, kommt dadurch zu einem kleinen vermögen und kann sich das blaue schleusenhaus an der reuss kaufen. hier lebt er mit seiner patchworkartigen familie. während des zweiten weltkrieges wird das blaue haus immer mehr zur heimat von geflüchteten artisten und künstlern. doch die fremdenpolizei nimmt den bei ihm untergekommenen waisen karel mit, um ihn auszuweisen. heinrich setzt sich mit aller kraft für den knaben ein, verliert aber diesen kampf gegen die behörden. heinrich ist der grossvater des ich-erzählers, der diese geschichte seiner tochter erzählt.
das buch berichtet auf eine leichte art vom leben von menschen, die der damaligen gesellschaftlichen norm nicht entsprechen, die unerschütterlich ihren menschlichen idealen folgen. dies alles vor dem hintergrund eines stücks schweizergeschichte während der weltkriege. die klare und direkte sprache mit vielen einfachen und kurzen sätzen erzeugt einen eigenen leserhythmus. ohne dramatik setzt der autor seinen vorfahren ein liebevolles denkmal.

 

03.04.2026

herbert clyde lewis: gentleman über bord

den wohlsituierten mitdreissiger henry preston standish überkommt plötzlich eine sinnkrise. mit einer schiffsreise gönnt er sich eine auszeit und hofft zu genesen. schon nach wenigen tagen stürzt er durch eine unachtsamkeit in den ozean. es dauert einige stunden, bis seine abwesenheit auf dem schiff auffällt und der kapitän letztlich widerwillig umkehren lässt um den vermissten zu retten. während stunden treibt henry im wasser. die hoffnung auf rettung weicht immer mehr dem gedanken eines möglichen todes.
die prägnant geschriebene geschichte eines menschen, der überraschend in eine existenzielle gefahrensituation gerät, kommt auf nur etwas mehr als 150 seiten daher. nichts ist zu viel, nichts zu wenig an diesem text. die gedanken des im meer treibenden mannes wechseln zwischen lebensnahen, praktischen fragen und philosophischen gedanken. angst jedoch scheint er kaum zu haben. zudem besticht die beschreibung der charaktere von passagieren und schiffsbesatzung ganz besonders. das offene ende lässt einen im unklaren darüber, ob es eine rettung gibt.

30.03.2026

daniel donskoy: brennen

es beginnt mit einem brief an tyler, seinen besten schul- und jugendfreund, den er seit dem weggang aus israel nicht mehr gesehen hat. in einer art biografischer aufzeichnungen, die durchaus auch ins fiktive abgleiten können, blickt er zurück auf eine wilde dekade seiner jungen jahre. alles scheint möglich, vieles gelingt, wird aber auch oft von zweifeln überschattet. zunächst in berlin, danach an vielen weiteren orten, stürzt er sich ins volle leben, trifft auf immer wieder andere menschen und läuft dabei auch gefahr auf abwege zu geraten. er kommt an seine grenzen, beobachtet aber unheimlich gut und zieht oft die richtigen schlüsse aus dem, was auf ihn zukommt. erst gegen ende des romans erfahren wir, wie eng und nahe seine freundschaft mit tyler war und wie sehr er ihn vermisst.
der reife, sehr emotionale text machen es so wie die erlesene sprache schnell zur freude, dieses buch zu lesen. verlust, heimat, trennung, sehnsucht sind zentrale themen. spannend beschreibt er die szenerien des alltags und die menschen, die er trifft. seine sensible wahrnehmung lässt ihn oft gut unterscheiden, wer ihm authentisch begegnet und wer nicht. die frage, wer er selbst ist und was er selbst sein will treiben ihn um. er gibt viel von sich preis und lässt damit grosse nähe zu.

28.03.2026

marie-hélène lafon: joseph

auf dem land im süden frankreichs wandern die jungen ab. es scheint keine zukunft zu geben. hier lebt joseph, ein bescheidener, zuverlässiger, gern gesehener landarbeiter, der sein leben klaglos hinnimmt. seit seine mutter gestorben und sein zwillingsbruder weggezogen sind, arbeitet er bei bauern in der gegend, wo er jeweils auch wohnt. in diesen familien sieht er auch viele unguten dinge, über die man aber nicht spricht. auch in seinem leben gibt es eine schwere zeit. als ihn seine freundin verlässt, beginnt er zu trinken. nach mehr als zehn jahren schafft er es der sucht zu entkommen. er findet wieder tritt und führt ein wohlgeordnetes leben. er hat ein gutes verhältnis mit dem bauern, bei dem er arbeitet. doch nahe am rentenalter schaut er sich um nach einem ort, in dem er die zeit nach seinem arbeitsleben verbringen kann.
ein stiller roman, der sich konzerntiert dem leben dieses mannes widmet. mit einer bezaubernd schlichten sprache wird die mit feinen details illustrierte geschichte erzählt, so dass beim lesen faszinierend klare bilder entstehen. das kleine buch setzt menschen ein denkmal, die trotz schwierigen bedingungen mit ihrem rechtschaffenen leben ihren teil zu unserer gesellschaft beitragen.

24.03.2026

ocean vuong: der kaiser der freude

als sich der erst 19-jährige hai von einer brücke in den tod stürzen will, hält ihn eine stimme auf. diese gehört der unten am fluss wohnenden witwe grazina. sie lädt ihn zu sich ein und gibt ihm ein dach über dem kopf. zwischen dem sohn einer aus vietnam eingewanderten, alleinerziehenden mutter und der alten aus litauen im zweiten weltkrieg nach amerika geflüchteten frau entsteht eine wundervolle freundschaft. er sorgt sich um ihr wohlergehen, wird damit quasi ihr pfleger und findet so eine aufgabe. im fast-food-restaurant wo hai zu arbeiten beginnt, herrschen prekäre arbeitsbedingungen, die nur zu ertragen sind dank einem team, das zusammenhält und sich gegenseitig hilft. doch zwei ereignisse bringen die aufkommende ordnung in hais leben durcheinander. am arbeitsplatz muss eine stelle gestrichen werden und zuhause interveniert der sohn grazinas, der auf den eintritt seiner mutter in ein pflegeheim besteht.
von diesem vielschichtigen, emotional starken roman mit vielen gut integrierten nebenhandlungen geht eine fesselnde faszination aus. das solidarische handeln am arbeitsplatz und die liebevolle beziehung zwischen dem zerbrechlichen jungen und der leicht dementen alten frau bestechen durch deren authentische beschreibung. ebenso treffend lenken die bildhaften schilderungen des lebens in dieser armen und abgehängten stadt in connecticut den blick auf ein amerika jenseits der hochglänzenden orte. dazu kommen die vielen unterschiedlichen figuren, deren leben schwierig ist, die zutiefst menschlich füreinander da sind und immer etwas hoffnung haben. spannend, tiefgründig und unterhaltsam ist diese wunderbare geschichte, die auf einem autobiografischen hintergrund fusst.

12.03.2026

jon fosse: vaim

jatgeir, ein schüchterner mann, lebt zurückgezogen in seinem haus in vaim. er hat kaum freunde, den einzigen kontakt pflegt er zu seinem nachbarn elias. seinem boot gibt er den namen «eline» in erinnerung an seine mitschülerin, in die er verliebt war, sich aber nie zu erklären wagte. als eline das dorf verlassen hat hört man, sie habe auswärts geheiratet. nach einem einkauf im benachbarten ort bjørgvin steigt jatgeir in sein schiff. da steht eline am landungssteg. sie hat eben ihren mann frank verlassen und will mit jatgeir nach vaim zurückfahren. dort zieht sie bei ihm ein und dominiert von da an dessen haushalt. der bisherige kontakt jatgeirs zu elias kommt zum erliegen. als eline stirbt, bleibt jatgeir alleine zurück. sein wunsch, dereinst neben eline begraben zu werden, bleibt unerfüllt; vorher stirbt elias und wird im nachbargrab beigesetzt.
macht, unterwerfung und abhängigkeit sind die zentralen themen dieses buches. auf eine sehr subtile weise werden hier machtmechanismen in beziehungen beschrieben. eline, die selbstbewusste, dominante frau nimmt sich, was sie will, nistet sich bei den männern ein und beginnt über sie zu verfügen. das alles funktioniert nur, weil die männer dies auch zulassen. in den drei grossen kapiteln beschreiben jatgeir, elias und frank aus ihrer sicht elines verhalten und die daraus resultierende psychische gewalt. der text – eigenartig verfasst, mit vielen wiederholungen, ohne wirkliche satzgefüge – liest sich nicht ganz einfach, lässt jedoch eine ganz besondere stimmung aufkommen.

07.03.2026

takis würger: für polina

in einem alten haus im moor wachsen hannes und polina auf. sie verbringen viel zeit miteinander und sind sich sehr nahe. hannes ist ein ganz besonderes kind: innerlich voll von musik spielt er ohne eine note zu kennen eigene kompositionen auf dem klavier. als er 14 jahre alt ist, stirbt seine mutter. mit dem umzug zu seinem vater verliert er auch polina. er hört auf zu komponieren, bringt mit mühe die schule zu ende und verdingt sich als arbeiter bei einer umzugsfirma für klaviere und flügel. dort findet er in seinem kollegen bosch einen freund, der ihn versteht. die schöne zeit seiner kindertage begleiten hannes aber immer und er vermisst polina sehr. er beginnt wieder zu komponieren und ein video von ihm am klavier geht viral. bringt ihm dies polina zurück?
das buch wirkt wie ein märchen mit schön gezeichneten figuren und einer spannenden handlung, die sich immer wieder irgendwie zum guten wendet. das zentrale motiv ist die gegenseitige suche zweier menschen, die für einander bestimmt sein könnten und sich immer fehlen. den handelnden sehr zugetan versteht es der autor einen durch eine wunderbare geschichte zu führen. abschnitte leichter satire lockern den text auf ohne dessen ernst vergessen zu lassen. die manchmal etwas unwahrscheinlich erscheinenden begebenheiten gehören eben zu diesem tiefgründigen märchen.

06.03.2026

jehona kicaj: ë

als ihr ein zahn absplittert wird die ursache beim zahnarzt schnell klar. das dauernde knirschen mit den zähnen lässt auf grosse belastung oder stress schliessen. man rät ihr zu entspannung. so beginnt die autorin sich mit ihrer bisherigen lebensgeschichte auseinanderzusetzen. ihre eltern flüchten vor dem balkankrieg nach deutschland, so wächst sie zwischen zwei kulturen und lebensrealitäten auf. immer wieder begegnen ihr dinge oder ereignisse, die sie erst später rückblickend verstehen kann: in deutschland sind dies gespräche und verhalten anderer menschen ihr gegenüber, im kosovo ─ der heimat ihrer eltern ─ sind es zerstörte dörfer, spuren von gewalttaten und augenzeugenberichte. ihr freund elias ist ihr mit seinem monokulturellen hintergrund eine wichtige begleitung und stütze in diesem prozess, da er unbelastet vieles aus einer anderen perspektive sieht.
ein ergreifendes buch mit einer spannenden herangehensweise. auf sehr persönliche, reflektierte art berichtet die autorin über flucht, krieg, diaspora, tod, verluste und kulturelle missverständnisse. wirklichkeitsnah beschreibt sie sehr differenziert traurige ereignisse und unerträgliche gewalt, die sie als kind nicht oder kaum versteht, heute rückblickend aber einordnen kann. dieser sehr persönliche ansatz löst beim lesen eine grosse betroffenheit aus, der man sich nicht entziehen kann. immer wieder musste ich das lesen unterbrechen, tränen behinderten meine sicht. trotz der emotionalität bleibt der sachliche text immer glaubwürdig und nachvollziehbar. dieses einzigartige zeugnis über leben in einem fremden land, unterdrückung und verlust der heimat ist ein wichtiger beitrag zum verständnis für menschen, die auf der flucht vor kriegen bei uns um aufenthalt bitten.

28.02.2026

jiři weil: leben mit dem stern

als durch den autoritären staat verfolgter erlebt josef roubiček auf sich allein gestellt eine schwierige zeit. die rechte der ausgegrenzten werden immer mehr beschnitten und zunehmend werden sie zum abtransport in den osten aufgeboten. auch roubiček erwartet den befehl, sich bei der sammelstelle einfinden zu müssen. er träumt immer wieder von seiner freundin růžena, die nicht mehr hier ist. ab einem bestimmten tag werden die geächteten durch das tragen eines sternes auch äusserlich erkennbar gemacht. immer weniger ist ihnen erlaubt, täglich erfolgen neue bekanntmachungen, die die bewegungsfreiheit weiter einschränken. als freunde ihm anbieten, ihn zu verstecken, tut sich eine weite und komplizierte ethische frage auf. denn wenn er nicht zum transport antritt, wird jemand anders an seiner stelle gehen müssen. und wenn er entdeckt wird, wartet nicht nur auf ihn die todesstrafe sondern auch auf seine beschützer.
ohne sie zu nennen beschreibt der roman das schicksal der juden unter den nationalsozialisten. roubiček steht stellvertretend für die vielen verfolgten und entrechteten, deren gedankengänge, aengste und zweifel, aber auch deren mut und hoffnung. als jemand, der kaum etwas besitzt, erlebt der hauptprotagonist eine gewisse freiheit, weil ihm kaum etwas genommen werden kann. sein verantwortungsbewusstsein anderen gegenüber und seine philosophischen gedankengänge sind zentrale momente dieses buches. deutlich werden die absurden staatlichen massnahmen karikiert und damit aufgezeigt, dass es immer wieder möglich wird, grundlos menschen aufgrund ihrer zugehörigkeit zu einer gruppe auszugrenzen. die persönliche perspektive eines einzelnen verschafft dem text trotz des schweren themas eine angenehme ruhe. das 1949 erschienene werk hat nichts an aktualität verloren.

18.02.2026

pajtim statovci: bolla

arsim ist albaner, verheiratet und wird gerade zum ersten mal vater, miloš ist serbe, der in pristina medizin studiert. als arsim miloš zum ersten mal sieht, folgt er ihm von seiner erscheinung fasziniert und setzt sich im café zu ihm. schnell ist alles klar, die faszination ist gegenseitig: die beiden werden ein paar. eine schwierige konstellation in dieser konservativen gesellschaft, die zudem mit den ressentiments zwischen den volksgruppen belastet ist. so verbringen sie 1995 – verborgen vor der oeffentlichkeit – eine intensive gemeinsame zeit. wegen des aufkommenden balkankriegs verlässt arsims familie das land, für die beiden männer bedeutet dies eine trennung. der zurückgelassene miloš findet sich in der serbischen armee wieder, wo er die grauen des krieges erleben muss. zehn jahre später kehrt arsim nach pristina zurück und erfährt, dass miloš in einer psychiatrischen klinik ist. er fährt hin, um ihn dort herauszuholen, in der hoffnung, alles werde wieder wie es einmal war. aber miloš ist durch seine schrecklichen kriegserlebnisse nur noch ein schatten seiner selbst, eine gebrochene und zerstörte existenz.
das buch ist von beeindruckender emotionalität. im zentrum der handlung stehen zwei besondere protagonisten mit ihrer liebe, ihren hoffnungen, aber auch mit ihren zweifeln, ihrem scheitern und zerbrechen. eindringlich zeigt die traurige geschichte auf, was die grauen des krieges mit menschen macht. wünsche und träume werden zerstört, nichts bleibt wie es ist, zu nichts kann wieder zurückgekehrt werden. dagegen steht die sorgfältige subtile schilderung der liebe und des verlangens der beiden. einen besonderen zugang zu den gedanken und gefühlen der beiden männer erlaubt die jeweils wechselnde persönliche perspektive. das offene ende des romans macht betroffen und lässt irgendwie wenig hoffnung aufkommen. noch tage danach beschäftigt mich diese geschichte.  

16.02.2026

terézia mora: muna oder die hälfte des lebens

muna, eine sehr attraktive junge frau, lernt kurz vor ihrem schulabschluss magnus kennen. sie verliebt sich in den ein paar jahre älteren, rätselhaften mann. seine kaum zugängliche verschlossenheit deutet sie als schüchternheit. sie verbringt eine nacht mit ihm, kurz darauf fällt die innerdeutsche mauer: magnus verschwindet ohne erklärung. als sie sich einige jahre später zufällig wieder treffen, werden sie ein paar. muna liebt magnus, ob magnus muna liebt, wird nicht ganz klar. ihm ist seine karriere wichtig. mehrmals zieht er deshalb in eine andere stadt um. sie folgt ihm und richtet ihr leben weitgehend nach seinem. in einer auseinandersetzung schlägt er sie. nach seiner entschuldigung versöhnen sie sich wieder im bett. weitere gewalt folgt, sie kommt von ihm nicht los, bis er sie verlässt. doch damit ist das drama bei weitem noch nicht am ende.
ein roman über projektion, abhängigkeit und gewalt in einer beziehung. fern der realität und getrieben von der eigenen verliebtheit, lebt muna, voller selbstzweifel und bis zur selbstaufgabe nicht mehr ihr eigenes leben. treffend beschrieben ist ihre gefühlslage, von seiner erfährt man wenig. dies alles reichte eigentlich als substanz der geschichte, aber mit den vielen beschreibungen der beruflichen situationen der beiden, deren akademischen hintergründe und den vielen anderen nebenschauplätzen wirkt das ganze etwas zäh und lenkt vom zentralen thema immer wieder ab.

08.02.2026

wolf haas: wackelkontakt

in der küche des trauerredners escher ist die steckdose defekt. während er auf den für die reparatur bestellten elektriker wartet, liest er in seinem buch über elio, den sohn aus einer familie der `ndrangheta. dieser hat als kronzeuge viele seiner verwandten der justiz ausgeliefert und wartet nun im gefängnis auf die entlassung in ein zeugenschutzprogramm. in der zelle liest elio in seinem buch die geschichte von escher und dem elektriker. so werden die beiden schauplätze abwechselnd erzählt: immer wieder greifen elio oder escher jeweils zu ihrem buch. die beiden handlungen laufen zunächst unerwartet, dann immer offensichtlicher aufeinander zu und enden überraschend.
einzigartig ist die geniale verzahnung der beiden handlungsstränge, die mit viel phantasie einander entgegen geführt werden. die beim lesen zunächst nur vage ahnung der zusammenhänge wird immer konkreter. ueberraschende wendungen, witzige sprache und treffend bildhaft beschriebene charaktere sind weitere stärken dieses buches. escher, als name eines der hauptprotagonisten, dürfte nicht zufällig gewählt sein, erinnert doch die konstruktion des textes an die bilder des niederländischen zeichners m.c. escher in denen raum und perspektive wie aufgehoben erscheinen. der klare und übersichtliche anfang führt schnell mitten ins geschehen, das einen bis zum schluss nicht mehr loslässt.

03.02.2026

ismail kadare: der anruf

hat der anruf von stalin wirklich stattgefunden? und wie hat boris pasternak auf die frage nach seiner einschätzung des regimekritischen gedichts mandelstams in dieser zeit der unsicherheit und des verrates reagiert? hätte er – weniger zögernd antwortend – das leben mandelstams retten können? oder wäre er je nach antwort selbst in ungnade gefallen? diesen fragen geht der autor nach und stellt die vielen, sich teilweise widersprechenden versionen, die dazu berichtet werden, einander gegenüber ohne zu einer abschliessenden antwort zu kommen.
kadare geht, mit den unwägbarkeiten eines totalitären regimes vertraut, dieser frage nach. so unter­schiedlich die versionen sind, steht bei allen im hintergrund die frage nach dem umgang mit einem unberechenbaren despoten. und als das offizielle albanien sich von der sowjetunion abwendet, unterliegt auch die einschätzung des werks pasternaks einer neuen unsicherheit. analytisch genau werden hier die einschätzungen von allen seiten dargelegt. sie lassen erahnen, wie menschen in unsicherheit und unfreiheit immer wieder vor fragen der loyalität und des ethischen handelns gestellt werden.

23.01.2026

susanne gregor: halbe leben

die erfolgreiche architektin klara und jakob, der fotograf, haben sich ihr leben gerade in einem grossen haus gut eingerichtet, als klaras mutter irene einen schlaganfall erleidet und pflegebedürftig wird. ins pflegeheim will und soll sie nicht. paulina, die aus der slowakei vermittelte krankenschwester, schafft es schnell mit der anspruchsvollen patientin einen guten umgang zu finden. aber nicht nur das, sie wird auch immer mehr ein teil der familie, übernimmt zusätzliche aufgaben im haushalt, die ihr klara und jakob auch grosszügig abgelten. paulina ist alleinerziehend. während ihren abwesenheiten leben ihre beiden halbwüchsigen söhne bei der grossmutter. zerrissen zwischen ihrer arbeit, die ihr ein gutes einkommen ermöglicht und der durch ihre abwesenheit sich ihr immer mehr entfremdenden söhne, stellt sie sich grundsätzliche fragen.
der roman ist ein interessanter beitrag zu der 24-stunden pflege, die meist von osteuropäischen frauen erbracht wird. die vorliegende geschichte ist vielleicht nicht ganz repräsentativ, beleuchtet aber viele facetten solcher einsätze, bei denen es nicht nur um die erledigung der arbeit geht, sondern auch darum, dass plötzlich eine fremde person dauernd innerhalb des gewohnten familienverbandes ist. diesen fragen geht die autorin sehr treffend nach. was als sachbuch daherkommen könnte, ist geschickt in einen roman verpackt. das offene ende lässt einen mit dem thema etwas unschlüssig zurück.

20.01.2026

domenico dara: malinverno

als der friedhofswärter von timpamara, einem fiktiven dorf in kalabrien, verunglückt, wird astolfo malinverno, der halbtags arbeitende gemeindebibliothekar, dazu berufen auch den friedhof zu betreuen. zunächst widerwillig beginnt er dort seine tätigkeit. die auseinandersetzung mit dem tod und die begegnung mit den menschen lassen ihn in seiner arbeit aufgehen, so dass er bald eine gute balance zwischen den beiden tätigkeiten findet. während seiner arbeit trifft er auf viele trauernde hinterbliebene, mit denen er philosophische und tröstende gespräche führt. ein grab zieht seine aufmerksamkeit besonders auf sich. ein unbeschrifteter grabstein mit nur einem foto einer schönen frau zeugt von der toten. in das bild verliebt, kümmert er sich ganz besonders um den ort, bis er eines tages dort eine unbekannte trifft, die dem foto gleicht. dies bringt sein bisher geruhsames und geordnetes leben ziemlich durcheinander.
interessant gezeichnete menschen in aussergewöhlichen lebenssituationen rufen schnell einen starken eindruck hervor und geben der geschichte viel gehalt. vor allem aber ist sie geprägt von der auseinandersetzung mit dem lebensende und dem danach. die einzigartige beschreibung astolfos mit all seinen zweifeln und schwierigkeiten. der wie ein weiser seinen mitmenschen begegnet, lohnt schon alleine, das buch zu lesen. dank der ruhigen erzählart lässt sich entspannt in dieses existenzielle thema eintauchen. und dann findet diese ausführlich erzählte, philosophische geschichte ein überraschendes ende.

12.01.2026

martin prinz: die letzten tage

in den letzten tagen des zweiten weltkrieges steht die rote armee bereits unten im tal. zum volkssturm, dem letzten aufgebot der deutschen, werden alte, kranke und invalide aufgeboten. die örtlichen nazi-mächtingen um den ns-kreisleiter braun installieren ein standgericht, um die bevölkerung, die sich nur noch ein ende des krieges und der schreckensherrschaft wünscht, zu disziplinieren. bereits verleumdungen, üble nachrede oder vermutungen reichen für verhaftungen. so werden viele unschuldige – auch jugendliche – ohne rechtmässiges urteil durch erschiessen oder am galgen umgebracht. ebenso werden minderjährige für die erschiessungskommandos verpflichtet. der willkür fallen in diesen tagen auch menschen zum opfer, mit denen die örtlichen nazi-grössen alte rechnungen offen haben.
der roman entstand auf der basis von archivdokumenten und zeugenberichten. am anfang steht ein kapitel, das die umstände der verurteilung der straftäter vor einem volksgericht zwei jahre nach kriegsende beschreibt. danach folgen die kapitel, die nicht nur verhaftungen und schicksale einzelner opfer dokumentieren, sondern auch den einfachen aber mutigen leuten jener zeit einen platz einräumen. die gesetzlosigkeit und die willkür jener tage macht bewusst, wie schnell ein krieg plötzlich einen einfluss auf das eigene leben, die eigene sicherheit haben kann. in der heutigen wenig stabilen zeit ein eher unheimlicher gedanke, der sorge bereitet.

08.01.2026

joël dicker: ein ungezähmtes tier

die anwältin sophie und der banker arpad machen vordergründig den eindruck eines glücklichen, erfolgreichen paares, das in einer villa in einem nobelvorort von genf lebt. sie freunden sich mit greg und karine, einem anderen ehepaar im ort an. greg – der seinen beruf nicht offenlegen darf, weil er teil einer polizeilichen sondereinheit ist – verfällt dem charme und der erscheinung von sophie. doch diese hat ein geheimnis, über das sie mit niemandem – selbst mit ihrem mann nicht – sprechen kann. ihre vergangenheit liegt ebenso im dunkeln, wie der grund ihres beachtlichen vermögens. aber auch arpad hat eine unklare vergangenheit. und was haben die beiden mit einem ueberfall auf ein juweliergeschäft zu tun?
das buch beginnt mit einer kurzen beschreibung des ueberfalls. danach läuft die geschichte geschickt über die letzten zwanzig tage auf dieses ereignis zu. die teils abenteuerlichen handlungen und schwierigen beziehungen wirken nie unrealistisch. emotionen, krisen, dramatische momente, leidenschaft und neid sind die zutaten zu diesem komplexen, aber übersichtlich konstruierten krimi, der einen auf einzigartige weise in den bann zieht. die eher karge beschreibung der personen lässt einen sich mehr auf deren gedanken und agieren konzentrieren. ohne dass es an sprachlicher qualität mangelte, ist der krimi ein pageturner erster güte.

05.01.2026

nelio biedermann: lázár

zu beginn des 20. jahrhunderts wird lajos geboren. das kind ist seinem vater, dem baron sándor lázár, irgendwie unheimlich: er wird nie einen wirklichen zugang zu ihm finden. der erste weltkrieg mit dem untergang der donaumonarchie hat für die ungarische adelsfamilie folgen. traditionen verschwinden und die sich anbahnende veränderung der machtverhältnisse bringen unsicherheit ins haus. in dieser schwierigen zeit tritt lajos als junger erwachsener das erbe an und schafft es zunächst auch, den glanz der früheren zeit wieder ein wenig aufleben zu lassen. doch mit der besatzung der deutschen wehrmacht im zweiten weltkrieg sieht sich lajos herausforderungen gegenüber, die ihn zum mittäter bei der verfolgung der juden machen. pista und eva, seine kinder, erleben als nächste generation die zeit des kommunismus, der ihnen enteignung, armut und unterdrückung bringt. nach dem ungarnaufstand 1956 sind sie noch mehr der gefahr ausgesetzt, verhaftet zu werden. sie entscheiden sich, das land zu verlassen.
ein spannendes und ergreifendes buch, das einen beim lesen aus einer ganz besonderen perspektive in ein stück weltgeschichte tauchen lässt. die zu beginn eher etwas träumende sprache mit teils überlangen sätzen verändert sich beinahe unbemerkt parallel zum zeitlauf in eine immer modernere, kargere form und bringt damit dem text eine andere dynamik. der roman vermittelt damit oft etwas exemplarisches. lázár gehört zu den büchern, bei denen man gegen schluss immer langsamer liest, weil man das ende noch etwa herauszögern will.