ende des 19. jahrhunderts wird
heinrich zinn geboren. er erlernt das schneiderhandwerk wie sein
vater. dieser folgt jedoch
längst mit einem kleinen zirkus unterwegs durch europa anderen
interessen. als junger mann wandert heinrich nach amerika, auch ihn
zieht es zeitweise ins artistenmilieu. beim ausbruch des ersten weltkrieges kehrt er in die schweiz zurück und wird zur armee
eingezogen. nach dem krieg beginnt er als fabrikant schürzen zu
produzieren, kommt dadurch zu einem kleinen vermögen und kann sich
das blaue schleusenhaus an der reuss kaufen. hier lebt er mit seiner
patchworkartigen familie. während des zweiten weltkrieges wird das
blaue haus immer mehr zur heimat von geflüchteten artisten und
künstlern. doch die fremdenpolizei nimmt den bei ihm untergekommenen
waisen karel mit, um ihn auszuweisen. heinrich setzt sich mit aller
kraft für den knaben ein, verliert aber diesen kampf gegen die
behörden. heinrich ist der grossvater des ich-erzählers, der diese
geschichte seiner tochter erzählt.
das buch berichtet auf eine leichte art
vom leben von menschen, die der damaligen gesellschaftlichen norm
nicht entsprechen, die unerschütterlich ihren menschlichen idealen
folgen. dies alles vor dem hintergrund eines stücks
schweizergeschichte während der weltkriege. die klare und direkte
sprache mit vielen einfachen und kurzen sätzen erzeugt einen eigenen
leserhythmus. ohne dramatik setzt der autor seinen vorfahren ein
liebevolles denkmal.
09.04.2026
silvio blatter: das blaue haus
03.04.2026
herbert clyde lewis: gentleman über bord
den
wohlsituierten mitdreissiger henry preston standish überkommt
plötzlich eine sinnkrise. mit einer schiffsreise gönnt er sich eine
auszeit und hofft zu genesen. schon nach wenigen tagen stürzt er
durch eine unachtsamkeit in den ozean. es dauert einige stunden, bis
seine abwesenheit auf dem schiff auffällt und der kapitän letztlich
widerwillig umkehren lässt um den vermissten zu retten. während
stunden treibt henry im wasser. die hoffnung auf rettung weicht immer
mehr dem gedanken eines möglichen todes.
die
prägnant geschriebene geschichte eines menschen, der überraschend
in eine existenzielle gefahrensituation gerät, kommt auf nur etwas
mehr als 150 seiten daher. nichts ist zu viel, nichts zu wenig an
diesem text. die gedanken des im meer treibenden mannes wechseln
zwischen lebensnahen, praktischen fragen und philosophischen
gedanken. angst jedoch scheint er kaum zu haben. zudem besticht die
beschreibung der charaktere von passagieren und schiffsbesatzung ganz
besonders. das offene ende lässt einen im unklaren darüber, ob es
eine rettung gibt.
30.03.2026
daniel donskoy: brennen
es beginnt mit einem brief an tyler, seinen besten schul- und jugendfreund, den er seit dem weggang aus israel nicht mehr gesehen hat. in einer art biografischer aufzeichnungen, die durchaus auch ins fiktive abgleiten können, blickt er zurück auf eine wilde dekade seiner jungen jahre. alles scheint möglich, vieles gelingt, wird aber auch oft von zweifeln überschattet. zunächst in berlin, danach an vielen weiteren orten, stürzt er sich ins volle leben, trifft auf immer wieder andere menschen und läuft dabei auch gefahr auf abwege zu geraten. er kommt an seine grenzen, beobachtet aber unheimlich gut und zieht oft die richtigen schlüsse aus dem, was auf ihn zukommt. erst gegen ende des romans erfahren wir, wie eng und nahe seine freundschaft mit tyler war und wie sehr er ihn vermisst.
der reife, sehr emotionale text machen es so wie die erlesene sprache schnell zur freude, dieses buch zu lesen. verlust, heimat, trennung, sehnsucht sind zentrale themen. spannend beschreibt er die szenerien des alltags und die menschen, die er trifft. seine sensible wahrnehmung lässt ihn oft gut unterscheiden, wer ihm authentisch begegnet und wer nicht. die frage, wer er selbst ist und was er selbst sein will treiben ihn um. er gibt viel von sich preis und lässt damit grosse nähe zu.
28.03.2026
marie-hélène lafon: joseph
auf
dem land im süden frankreichs wandern die jungen ab. es
scheint keine zukunft zu geben. hier
lebt joseph, ein bescheidener, zuverlässiger, gern gesehener
landarbeiter, der sein leben klaglos hinnimmt. seit seine mutter
gestorben und sein zwillingsbruder weggezogen sind, arbeitet er bei
bauern in der gegend, wo er jeweils auch wohnt. in diesen familien
sieht er auch viele unguten dinge, über die man aber nicht spricht.
auch in seinem leben gibt es eine schwere zeit. als ihn seine
freundin verlässt, beginnt er zu trinken. nach mehr als zehn jahren
schafft er es der sucht zu entkommen. er findet wieder tritt und
führt ein wohlgeordnetes leben. er hat ein gutes verhältnis mit dem
bauern, bei dem er arbeitet. doch
nahe am rentenalter schaut er sich um nach einem ort, in dem er die
zeit nach seinem arbeitsleben verbringen kann.
ein
stiller roman, der sich konzerntiert dem leben dieses mannes widmet.
mit einer bezaubernd schlichten sprache wird die mit feinen details
illustrierte geschichte erzählt, so dass beim lesen faszinierend
klare bilder entstehen. das kleine buch setzt menschen ein denkmal,
die trotz schwierigen
bedingungen mit ihrem rechtschaffenen leben ihren teil zu unserer
gesellschaft beitragen.
24.03.2026
ocean vuong: der kaiser der freude
als
sich der
erst 19-jährige hai
von einer brücke in den tod stürzen will, hält ihn eine stimme
auf. diese gehört der unten am
fluss wohnenden witwe grazina.
sie lädt ihn zu sich ein und gibt ihm ein dach über dem kopf.
zwischen dem sohn einer aus vietnam eingewanderten, alleinerziehenden
mutter und der alten aus litauen im zweiten weltkrieg nach amerika
geflüchteten frau
entsteht eine wundervolle freundschaft. er sorgt sich um ihr
wohlergehen, wird damit quasi ihr pfleger und findet so eine aufgabe.
im fast-food-restaurant wo hai zu arbeiten beginnt, herrschen prekäre
arbeitsbedingungen, die nur zu
ertragen sind dank einem team,
das zusammenhält und sich gegenseitig hilft. doch zwei ereignisse
bringen die aufkommende ordnung in hais leben durcheinander. am
arbeitsplatz muss eine stelle gestrichen werden und zuhause
interveniert der sohn grazinas, der auf den eintritt seiner mutter in
ein pflegeheim besteht.
von
diesem vielschichtigen, emotional starken roman mit vielen gut
integrierten nebenhandlungen geht eine fesselnde faszination aus. das
solidarische handeln am arbeitsplatz und die liebevolle beziehung
zwischen dem zerbrechlichen jungen und der leicht dementen alten frau
bestechen durch deren authentische beschreibung. ebenso treffend
lenken die bildhaften schilderungen des lebens in dieser armen und
abgehängten stadt in connecticut den blick auf ein amerika jenseits der hochglänzenden orte.
dazu kommen die vielen unterschiedlichen figuren, deren leben
schwierig ist, die zutiefst menschlich füreinander da sind und immer
etwas hoffnung haben. spannend, tiefgründig und unterhaltsam ist
diese wunderbare geschichte, die auf einem autobiografischen
hintergrund fusst.
12.03.2026
jon fosse: vaim
macht, unterwerfung und abhängigkeit sind die zentralen themen dieses buches. auf eine sehr subtile weise werden hier machtmechanismen in beziehungen beschrieben. eline, die selbstbewusste, dominante frau nimmt sich, was sie will, nistet sich bei den männern ein und beginnt über sie zu verfügen. das alles funktioniert nur, weil die männer dies auch zulassen. in den drei grossen kapiteln beschreiben jatgeir, elias und frank aus ihrer sicht elines verhalten und die daraus resultierende psychische gewalt. der text – eigenartig verfasst, mit vielen wiederholungen, ohne wirkliche satzgefüge – liest sich nicht ganz einfach, lässt jedoch eine ganz besondere stimmung aufkommen.
07.03.2026
takis würger: für polina
in
einem alten haus im moor wachsen hannes und polina auf. sie
verbringen viel zeit miteinander und sind sich sehr nahe. hannes ist ein
ganz besonderes kind: innerlich voll von musik spielt er ohne eine
note zu kennen eigene kompositionen auf dem klavier. als er 14 jahre
alt ist, stirbt seine mutter. mit dem umzug zu seinem vater verliert
er auch polina. er hört auf zu komponieren, bringt mit mühe die
schule zu ende und verdingt sich als arbeiter bei einer umzugsfirma
für klaviere und flügel. dort findet er in seinem kollegen bosch
einen freund, der ihn versteht. die schöne zeit seiner kindertage
begleiten hannes aber immer und er vermisst polina sehr. er beginnt
wieder zu komponieren und ein video von ihm am klavier geht viral.
bringt ihm dies polina zurück?
das
buch wirkt wie ein märchen mit schön gezeichneten figuren und einer
spannenden handlung, die sich immer wieder irgendwie zum guten
wendet. das zentrale motiv ist die gegenseitige suche zweier
menschen, die für einander bestimmt sein könnten und sich immer
fehlen. den handelnden sehr zugetan versteht es der autor einen durch
eine wunderbare geschichte zu führen. abschnitte leichter satire
lockern den text auf ohne dessen ernst vergessen zu lassen. die
manchmal etwas unwahrscheinlich erscheinenden begebenheiten gehören
eben zu diesem tiefgründigen märchen.
06.03.2026
jehona kicaj: ë
ein ergreifendes buch mit einer spannenden herangehensweise. auf sehr persönliche, reflektierte art berichtet die autorin über flucht, krieg, diaspora, tod, verluste und kulturelle missverständnisse. wirklichkeitsnah beschreibt sie sehr differenziert traurige ereignisse und unerträgliche gewalt, die sie als kind nicht oder kaum versteht, heute rückblickend aber einordnen kann. dieser sehr persönliche ansatz löst beim lesen eine grosse betroffenheit aus, der man sich nicht entziehen kann. immer wieder musste ich das lesen unterbrechen, tränen behinderten meine sicht. trotz der emotionalität bleibt der sachliche text immer glaubwürdig und nachvollziehbar. dieses einzigartige zeugnis über leben in einem fremden land, unterdrückung und verlust der heimat ist ein wichtiger beitrag zum verständnis für menschen, die auf der flucht vor kriegen bei uns um aufenthalt bitten.
28.02.2026
jiři weil: leben mit dem stern
als
durch den autoritären staat verfolgter erlebt josef roubiček auf
sich allein gestellt eine schwierige zeit. die rechte der
ausgegrenzten werden immer mehr beschnitten und zunehmend werden sie
zum abtransport in den osten aufgeboten. auch roubiček erwartet den
befehl, sich bei der sammelstelle einfinden zu müssen. er träumt
immer wieder von seiner freundin růžena, die nicht mehr hier ist.
ab einem bestimmten tag werden die geächteten durch das tragen eines
sternes auch äusserlich erkennbar gemacht. immer weniger ist ihnen
erlaubt, täglich erfolgen neue bekanntmachungen, die die
bewegungsfreiheit weiter einschränken. als freunde ihm anbieten, ihn
zu verstecken, tut sich eine weite und komplizierte ethische frage
auf. denn wenn er nicht zum transport antritt, wird jemand anders an
seiner stelle gehen müssen. und wenn er entdeckt wird, wartet nicht
nur auf ihn die todesstrafe sondern auch auf seine beschützer.
ohne
sie zu nennen beschreibt der roman das schicksal der juden unter den
nationalsozialisten. roubiček steht stellvertretend für die vielen
verfolgten und entrechteten, deren gedankengänge, aengste und
zweifel, aber auch deren mut und hoffnung. als jemand, der kaum etwas
besitzt, erlebt der hauptprotagonist eine gewisse freiheit, weil ihm
kaum etwas genommen werden kann. sein verantwortungsbewusstsein
anderen gegenüber und seine philosophischen gedankengänge sind
zentrale momente dieses buches. deutlich werden die absurden
staatlichen massnahmen karikiert und damit aufgezeigt, dass es immer
wieder möglich wird, grundlos menschen aufgrund ihrer zugehörigkeit zu einer
gruppe auszugrenzen. die persönliche perspektive eines einzelnen
verschafft dem text trotz des schweren themas eine angenehme ruhe.
das 1949 erschienene werk hat nichts an aktualität verloren.
18.02.2026
pajtim statovci: bolla
das buch ist von beeindruckender emotionalität. im zentrum der handlung stehen zwei besondere protagonisten mit ihrer liebe, ihren hoffnungen, aber auch mit ihren zweifeln, ihrem scheitern und zerbrechen. eindringlich zeigt die traurige geschichte auf, was die grauen des krieges mit menschen macht. wünsche und träume werden zerstört, nichts bleibt wie es ist, zu nichts kann wieder zurückgekehrt werden. dagegen steht die sorgfältige subtile schilderung der liebe und des verlangens der beiden. einen besonderen zugang zu den gedanken und gefühlen der beiden männer erlaubt die jeweils wechselnde persönliche perspektive. das offene ende des romans macht betroffen und lässt irgendwie wenig hoffnung aufkommen. noch tage danach beschäftigt mich diese geschichte.
16.02.2026
terézia mora: muna oder die hälfte des lebens
muna, eine sehr attraktive junge frau,
lernt kurz vor ihrem
schulabschluss magnus kennen.
sie verliebt sich in den ein paar jahre älteren, rätselhaften mann.
seine kaum zugängliche verschlossenheit deutet sie als
schüchternheit. sie verbringt eine nacht mit ihm, kurz darauf fällt
die innerdeutsche mauer: magnus verschwindet ohne erklärung. als sie
sich einige jahre später zufällig wieder treffen, werden sie ein
paar. muna liebt magnus, ob magnus muna liebt, wird nicht ganz klar.
ihm ist seine karriere wichtig. mehrmals zieht er deshalb in eine
andere stadt um. sie folgt ihm und richtet ihr leben weitgehend nach
seinem. in einer auseinandersetzung schlägt er sie. nach seiner
entschuldigung versöhnen sie sich wieder im bett. weitere gewalt folgt,
sie kommt von ihm nicht los, bis er sie verlässt. doch damit ist das
drama bei weitem noch nicht am ende.
ein roman über projektion,
abhängigkeit und gewalt in einer beziehung. fern der realität und
getrieben von der eigenen verliebtheit, lebt muna, voller
selbstzweifel und bis zur selbstaufgabe nicht mehr ihr eigenes leben.
treffend beschrieben ist ihre gefühlslage, von seiner erfährt man
wenig. dies alles reichte eigentlich als substanz der geschichte,
aber mit den vielen
beschreibungen der beruflichen
situationen
der beiden, deren akademischen
hintergründe und den
vielen anderen
nebenschauplätzen wirkt das ganze etwas zäh und lenkt vom zentralen
thema immer wieder ab.
08.02.2026
wolf haas: wackelkontakt
in der küche des trauerredners escher
ist die steckdose defekt. während er auf den für die reparatur
bestellten
elektriker wartet, liest er in seinem
buch über elio, den sohn aus einer familie der `ndrangheta. dieser
hat als kronzeuge viele seiner verwandten der justiz ausgeliefert und
wartet nun im gefängnis auf die entlassung in ein
zeugenschutzprogramm. in der zelle liest elio
in seinem
buch die geschichte von escher und dem elektriker. so werden die
beiden schauplätze abwechselnd erzählt: immer wieder greifen
elio oder
escher jeweils
zu ihrem buch.
die beiden handlungen laufen zunächst unerwartet, dann immer
offensichtlicher aufeinander zu und enden überraschend.
einzigartig ist die geniale verzahnung
der beiden handlungsstränge, die mit viel phantasie einander
entgegen geführt werden. die beim lesen zunächst nur vage ahnung
der zusammenhänge wird immer konkreter. ueberraschende wendungen,
witzige sprache und treffend bildhaft beschriebene charaktere sind
weitere stärken dieses buches. escher, als name eines der
hauptprotagonisten, dürfte nicht zufällig gewählt sein, erinnert
doch die konstruktion des textes an die bilder des niederländischen
zeichners m.c. escher in denen raum und perspektive wie aufgehoben
erscheinen. der klare und
übersichtliche anfang führt schnell mitten ins geschehen, das einen
bis zum schluss nicht mehr loslässt.
03.02.2026
ismail kadare: der anruf
hat der
anruf von stalin wirklich stattgefunden? und wie hat boris pasternak
auf die frage nach seiner einschätzung
des regimekritischen gedichts mandelstams in dieser zeit der
unsicherheit und des verrates reagiert? hätte er – weniger zögernd
antwortend – das leben mandelstams retten können? oder wäre er
je nach antwort selbst in ungnade gefallen? diesen fragen geht der
autor nach und stellt die vielen, sich teilweise widersprechenden
versionen, die dazu berichtet werden, einander gegenüber ohne zu
einer abschliessenden antwort zu kommen.
kadare geht, mit den unwägbarkeiten
eines totalitären regimes vertraut, dieser frage nach.
so unterschiedlich die versionen sind, steht bei allen im hintergrund
die frage nach dem umgang mit einem unberechenbaren despoten. und als
das offizielle albanien sich von der sowjetunion abwendet, unterliegt
auch die einschätzung des werks pasternaks einer neuen unsicherheit.
analytisch genau werden hier die einschätzungen von allen seiten
dargelegt. sie lassen erahnen, wie menschen in unsicherheit und
unfreiheit immer wieder vor fragen der loyalität und des ethischen
handelns gestellt werden.
23.01.2026
susanne gregor: halbe leben
der roman ist ein interessanter beitrag zu der 24-stunden pflege, die meist von osteuropäischen frauen erbracht wird. die vorliegende geschichte ist vielleicht nicht ganz repräsentativ, beleuchtet aber viele facetten solcher einsätze, bei denen es nicht nur um die erledigung der arbeit geht, sondern auch darum, dass plötzlich eine fremde person dauernd innerhalb des gewohnten familienverbandes ist. diesen fragen geht die autorin sehr treffend nach. was als sachbuch daherkommen könnte, ist geschickt in einen roman verpackt. das offene ende lässt einen mit dem thema etwas unschlüssig zurück.
20.01.2026
domenico dara: malinverno
interessant gezeichnete menschen in aussergewöhlichen lebenssituationen rufen schnell einen starken eindruck hervor und geben der geschichte viel gehalt. vor allem aber ist sie geprägt von der auseinandersetzung mit dem lebensende und dem danach. die einzigartige beschreibung astolfos mit all seinen zweifeln und schwierigkeiten. der wie ein weiser seinen mitmenschen begegnet, lohnt schon alleine, das buch zu lesen. dank der ruhigen erzählart lässt sich entspannt in dieses existenzielle thema eintauchen. und dann findet diese ausführlich erzählte, philosophische geschichte ein überraschendes ende.
12.01.2026
martin prinz: die letzten tage
in den letzten tagen des zweiten
weltkrieges steht die rote armee bereits unten im tal. zum
volkssturm, dem letzten aufgebot der deutschen, werden alte, kranke
und invalide aufgeboten. die örtlichen nazi-mächtingen um den
ns-kreisleiter braun installieren ein standgericht, um die
bevölkerung, die sich nur noch ein ende des krieges und der
schreckensherrschaft wünscht, zu disziplinieren. bereits
verleumdungen, üble nachrede oder vermutungen reichen für
verhaftungen. so werden viele unschuldige – auch jugendliche –
ohne rechtmässiges urteil durch erschiessen oder am galgen
umgebracht. ebenso werden minderjährige für die
erschiessungskommandos verpflichtet. der willkür fallen in diesen
tagen auch menschen zum opfer, mit denen die örtlichen nazi-grössen
alte rechnungen offen haben.
der roman entstand auf der basis von
archivdokumenten und zeugenberichten. am anfang steht ein kapitel,
das die umstände der verurteilung der straftäter vor einem
volksgericht zwei jahre nach kriegsende beschreibt. danach folgen die
kapitel, die nicht nur verhaftungen und schicksale einzelner opfer
dokumentieren, sondern auch den einfachen aber mutigen leuten jener
zeit einen platz einräumen. die gesetzlosigkeit und die willkür
jener tage macht bewusst, wie schnell ein krieg plötzlich einen
einfluss auf das eigene leben, die eigene sicherheit haben kann. in
der heutigen wenig stabilen zeit ein eher unheimlicher gedanke, der
sorge bereitet.
08.01.2026
joël dicker: ein ungezähmtes tier
die
anwältin sophie und der banker arpad machen vordergründig den
eindruck eines glücklichen, erfolgreichen paares, das in einer villa
in einem nobelvorort von genf lebt. sie freunden sich mit greg und
karine, einem anderen ehepaar im ort an. greg – der seinen beruf
nicht offenlegen darf, weil er teil einer polizeilichen sondereinheit
ist – verfällt dem charme und der erscheinung von sophie. doch
diese hat ein geheimnis, über das sie mit niemandem – selbst mit
ihrem mann nicht – sprechen kann. ihre vergangenheit liegt ebenso
im dunkeln, wie der grund ihres beachtlichen vermögens. aber auch
arpad hat eine unklare vergangenheit. und was haben die beiden mit
einem ueberfall auf ein juweliergeschäft zu tun?
das
buch beginnt mit einer kurzen beschreibung des ueberfalls. danach
läuft die geschichte geschickt über die letzten zwanzig tage auf
dieses ereignis zu. die teils abenteuerlichen handlungen und
schwierigen beziehungen wirken nie unrealistisch. emotionen, krisen,
dramatische momente, leidenschaft und neid sind die zutaten zu diesem komplexen, aber übersichtlich konstruierten krimi, der einen auf
einzigartige weise in den bann zieht. die eher karge beschreibung der
personen lässt einen sich mehr auf deren gedanken und agieren
konzentrieren. ohne dass es an sprachlicher qualität mangelte, ist
der krimi ein pageturner erster güte.
05.01.2026
nelio biedermann: lázár
zu beginn des 20. jahrhunderts wird
lajos geboren. das kind ist seinem vater, dem baron sándor lázár,
irgendwie unheimlich: er wird nie einen wirklichen zugang zu ihm
finden. der erste weltkrieg mit dem untergang der donaumonarchie hat
für die ungarische adelsfamilie folgen. traditionen verschwinden
und die sich anbahnende veränderung der machtverhältnisse bringen
unsicherheit ins haus. in
dieser schwierigen zeit tritt
lajos als junger erwachsener das erbe an und
schafft es zunächst auch, den
glanz der früheren zeit wieder ein
wenig aufleben zu lassen. doch
mit der besatzung der deutschen wehrmacht im zweiten weltkrieg sieht
sich lajos herausforderungen gegenüber, die ihn zum mittäter bei
der verfolgung der juden machen. pista und eva, seine kinder, erleben
als nächste generation die zeit des kommunismus, der ihnen
enteignung, armut und unterdrückung bringt. nach dem ungarnaufstand
1956 sind sie noch mehr der gefahr ausgesetzt, verhaftet zu werden.
sie entscheiden sich, das land zu verlassen.
ein spannendes und ergreifendes buch,
das einen beim lesen aus einer ganz besonderen perspektive in ein
stück weltgeschichte tauchen lässt. die zu beginn eher etwas
träumende sprache mit teils überlangen sätzen verändert sich
beinahe unbemerkt parallel zum zeitlauf in eine immer modernere,
kargere form und bringt damit dem text eine andere dynamik. der roman
vermittelt damit oft etwas exemplarisches. lázár gehört zu den
büchern, bei denen man gegen schluss immer langsamer liest, weil man
das ende noch etwa herauszögern will.