die
beziehung von johanna und achim ist auf dem prüfstand. die beiden
reden kaum noch miteinander. johanna lernt einen galeristen kennen
und beginnt aushilfsweise für ihn zu arbeiten. achim vermutet, dass
mehr zwischen den beiden ist. umgekehrt weckt achims inzwischen
beendete beziehung zu maren immer noch johannas misstrauen. eine
berufliche reise johannas nach mexiko lässt achim alleine zurück
während vieles unausgesprochen bleibt.
immer
wieder treffend wird die gefühlslage der beiden hauptprotagonisten
beschrieben. wegen
der vielen nebenschauplätze in dieser geschichte verlieren sich aber
die
starken worte über das scheitern einer beziehung. durchaus
andere, interessante themen, wie die nachwirkungen der deutschen
wiedervereinigung, drängen die zentrale botschaft immer wieder in
den hintergrund, was den text etwas zerreisst und beim lesen
langeweile aufkommen lässt. deshalb bleibt es anstrengend, dem sich
eigentlich lohnenden leitthema zu folgen.
04.08.2026
monika maron: ach glück
27.07.2026
paul murray: der stich der biene
frank
und imelda sind eigentlich das traumpaar in diesem irischen
landstädtchen: imelda, eine der
schönsten jungen frauen am
ort, und der talentierte, draufgängerische, bei allen beliebte
frank, der ein massgeblicher spieler bei der örtlichen
fussballmannschaft ist. kurz
vor der hochzeit stirbt er
jedoch bei einem autounfall.
der vorher immer etwas in seinem schatten stehende bruder dickie wird
nun der ehemann von imelda und führt nach seinem studium in dublin
das erfolgreiche autohaus seines vaters weiter. dass dickie während
seines studiums eine beziehung zu einem mann hatte, bleibt sein
geheimnis. jahre später hat er mit ryzard, einem seiner
angestellten, immer wieder sex, ryzard beginnt ihn zu erpressen. das
geschäft läuft schon einige zeit nicht mehr so gut, und der
heimliche griff in die kasse, um der erpressung nachzukommen, ruft
dickies vater auf den plan, der sein lebenswerk zu retten versucht,
in dem er einen anderen mann
aus der stadt als
geschäftsführer einsetzt. aber dieser
beginnt ein verhältnis mit imelda. immer mehr laufen die geheimnisse
gefahr aufzufliegen und alles läuft am ende des buches auf ein drama
zu.
ueber
siebenhundert seiten lässt uns der roman eintauchen ins leben einer
irischen kleinstadt in der moralische wertehaltungen mit dem realen
leben kollidieren. ein unterhaltsamer lesestoff, der sich
streckenweise sehr tiefgründig mit menschlichen beziehungen und
gesellschaftlichem druck befasst. trotz der vielen nebeneinander
herlaufenden handlungen und der zeitsprünge bleibt der text
übersichtlich. spannende kapitel wechseln mit eher ausufernden
passagen zu verschiedenen themen ab, was die spannung etwas verloren
gehen lässt. weshalb etliche kapitel ohne interpunktion auskommen
bleibt unklar, stört aber nicht eigentlich beim lesen. während ich
mir immer weniger vorstellen konnte, wie die geschichte zu einem ende
findet, läuft sie auf ein zwar offenes aber durchaus überraschendes
ende zu und ist faszinierend orchestriert.
16.07.2026
marek torčik: was die zeit nicht nimmt
marek, ein stiller, introvertierter junge, lebt mit seiner mutter und seiner
grossmutter in beengten wohnverhältnissen. die mutter hält als
arbeiterin in einer fabrik sich
und die familie über
wasser. daneben kümmert sie sich um ihren dem alkohol verfallenen,
immer wieder gewalttätigen vater. auch ihren sohn bindet sie immer
wieder in die betreuungsarbeit ein. in der schule ist marek, der sich
aus mädchen nichts macht, ein aussenseiter und wird von seinen
mitschülern geplagt, bis marián neu in die klasse kommt. jetzt
richten sich die aggressionen gegen diesen romajungen. langsam
freunden sich marek und marián an, verbringen viel zeit miteinander
und kommen sich sehr nahe. mit dem gelasseneren und erfahrenen marián
fühlt sich mareks leben zum ersten mal frei und gut an.
allein schon die beschreibung der prekären sozialen umstände lohnt das buch zu lesen. darin wird das bild einer verunsicherten und konservativen gesellschaft in der zeit nach dem fall des kommunismus berührend genau gezeichnet. die allgegenwärtigen vorstellungen von männlichkeit sind für die beiden jungen eine
herausforderung. etliche details, vor allem die erlebte
diskriminierung und brutale gewalt sind beim lesen schwer zu
ertragen. mit der genauen beschreibung der personen, der landschaften
und städte bildet der text ein überzeugendes zeugnis einer
realität, von der man sich fragt, wie man sie hat
überstehen können.
der autor erzählt die geschichte aus der erinnerung im wechsel
zwischen gegenwart und vergangenheit und reflektiert dabei in diesem
autobiografischen roman sein eigenes verhalten.
06.07.2026
wolf haas: müll
ein
geordneter recyclingbetrieb – in diesem roman despektierlich
mistplatz genannt – ist der schauplatz der handlung. in einer wanne
wird ein leichenteil gefunden. die eintreffenden polizisten treffen
auf ihren ehemaligen hier arbeitenden kollegen brenner, was die
ermittlungsarbeit aber
nicht
einfacher macht. die suche nach den andern leichenteilen fördert
alles zu tage, einzig das herz bleibt unauffindbar. brenner wähnt
eine organmafia dahinter. unbeschreibliche geschichten und
begegnungen führen zu verschiedenen beschuldigten, verdächtigungen
und sogar weiteren
toten. das ende bringt eine abenteuerliche und unwirkliche
verfolgungsfahrt.
es
ist eine art skurriler krimi mit vielen unerwarteten wendungen.
witzig und bis an die grenze des erträglichen sarkastisch zeichnet
der autor bilder von menschen und ereignissen, die teilweise absurd
bis unmöglich erscheinen: seine
phantasie scheint unlimitiert. zu beginn spannend und unterhaltend
zieht sich der roman aber in die länge. so driften die sich
teilweise wiederholenden personenbeschreibungen immer wieder ins
klischeehafte ab. wichtige erkenntnisse und botschaften zur richtigen abfallentsorgung scheinen immer mal wieder durch, gehen aber in diesem
etwas überladenen text leider verloren.
04.07.2026
ralph tharayil: nimm die alpen weg
die
kindheit der beiden geschwister verläuft zwischen zwei kulturen. die
eltern – eingewandert und in ihrer herkunftskultur verhaftet –
halten ihre werte hoch. die
kinder, die hier zur schule gehen, sehen sich konfrontiert mit dem
leben zwischen den beiden welten. sie befreunden sich mit einem
mitschüler, der von den anderen ausgegrenzt wird. gemeinsam ziehen
sie davon ohne sich abzumelden, werden gesucht und als ein polizist
vor dem zelt steht, endet nicht nur diese unternehmung, sondern auch
das buch.
in
einer art lyrischer prosa wird aus der sicht des einen die geschichte
der geschwister erzählt. in subtilen andeutungen beginnt sich ein
bild des lebens dieser zwei jugendlichen zu entfalten,
die ihren weg suchen müssen und finden. so schön der text ist, so
herausfordernd ist es, ihn zu lesen. spannend, wie zuweilen ein satz
konzentriert ein ganzes bild oder ein ganzes gefühl beschreiben
kann. unsicher, ob ich beim lesen wirklich alles richtig erfasst
habe, hinterlässt der roman bei
mir
eine etwas
seltsame erinnerung.
27.06.2026
daniel speck: jaffa road
der
verschollene grossvater moritz wird tot
in der garage seiner villa in palermo aufgefunden. nina, seine
christliche enkelin aus berlin, und seine jüdische tochter joëlle
aus paris werden
zur testamentseröffnung einbestellt. hier erscheint unerwartet
elias, ein muslimischer palästinenser, der sich als sohn vorstellt.
die beiden frauen misstrauen dem mann, verdächtigen ihn sogar des
mordes. drei verwandte menschen aus drei kulturen und drei religionen
treffen aufeinander und beginnen langsam das geheimnisvolle leben von
moritz zu entdecken. die zunächst schwierige begegnung nimmt ein
zwar offenes aber doch versöhnliches ende.
erzählt
wird die aktuelle geschichte von nina. grosse rückblenden lassen die
ganze lebensgeschichte von moritz, seinen drei familien und den damaligen politischen verhältnissen rund ums mittelmeer gestalt
annehmen: das ende des afrikafeldzugs der deutschen wehrmacht, die
konflikte vor, während und nach der gründung des staates israel und
die aktionen und attentate der plo, werden – verwoben mit den
familiengeschichten – zu einer art unterricht in weltgeschichte,
der den bis heute andauernden konflikt zwischen israelis und
palästinensern zu erklären weiss. die schilderung der menschen,
deren verluste und abhängigkeiten machen das buch zu einer
mitreissenden lektüre, die einen in die verschiedenen kulturen
versinken lässt und von der man nur schwer ablassen kann. trotz der
vielen handelnden personen und wechselnden schauplätzen bleibt das
ganze werk übersichtlich und lässt einen nie die orientierung
verlieren.
18.06.2026
seán hewitt: oeffnet sich der himmel
vom
abgelegenen dorf, in dem der 16-jährige james bei seinen eltern
wohnt, will er einfach nur weg. er hat keine freunde, muss sich oft
um seinen kleinen bruder kümmern und jeden morgen als milchjunge
dazuverdienen. dabei trifft er eines tages auf den ein jahr älteren
luke, der von seinen eltern als disziplinierende massnahme auf dem
hof seines onkels untergebracht wird. james ist fasziniert von luke,
diesem schönen, eigenwilligen und etwas verschlossenen jungen. james
verliebt sich in luke, was sein geheimnis bleibt. er wagt es nicht,
luke seine gefühle mitzuteilen. luke, der nie wirklich freunde hatte
und immer alleine war, wendet sich ihm zu. sie verbringen ein jahr in
gemeinsamer freundschaft, dann wird luke plötzlich wieder von seinem
vater zurückgeholt.
der
stoff dieses romans gäbe alles her um eine kitschige,
cliché-befrachtete
geschichte zu werden. und genau das tut er nicht. meisterhaft und mit
einer gewissen leichtigkeit führt uns der autor durch dieses jahr
zweier unterschiedlicher jungen. die langen und detaillierten
schilderungen von james’ träumen, wünschen, gefühlen und
aengsten sind ohne die realität zu verlassen sehr emotional.
trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erscheint alles so
nachvollziehbar. auch die milieubeschreibungen des englischen
landalltags tragen zur authentizität der handlung bei. eine
durchgehend aufrecht erhaltene spannung führt zu einem schluss von
eigener schönheit, der einen aber etwas fragend zurücklässt.
10.06.2026
marco balzano: bambino
triest
in den 1920er-jahren: als junge erfährt mattia, dass die frau
seines vaters nicht seine mutter ist. das lässt ihn nicht ruhen,
doch sein vater verweigert ihm die erklärung. er gerät in den kreis
der damals erstarkenden schwarzhemden, die versprechen ihm zu helfen
seine mutter zu finden. «bambino» wird er wegen seiner
bartlosigkeit genannt, was ihn antreibt, seine stärke durch brutales
handeln zu zeigen. er entwickelt sich zum stadtbekannten schläger
und mörder, der bis zum ende des krieges ungestraft sein unwesen
treibt. seine opportunistische haltung lässt ihn sich überall
andienen, wo es gerade
passt. erst spät beginnt er seine taten zu reflektieren und bereuen.
als die machtverhältnisse endgültig wechseln, muss er sich unter
fremder identität in den umliegenden bergen verstecken. heimweh
treibt ihn zurück nach triest, wo er erkannt wird. slowenische
partisanen nehmen ihn gefangen und bringen ihn weg. er endet, wie
viele seiner früheren opfer in den tiefen gräben der umliegenden
karstlandschaft.
die
schilderung aus der ungewohnten perspektive des täters macht dieses
buch ganz besonders. zeitweise kaum auszuhalten ist die
streckenweise
häufung von erschiessungen und folter. exemplarisch zeigt der text
auf, wie ein junger, beeinflussbarer mensch manipuliert und zu taten
verleitet werden kann, die er zunächst selbst kaum reflektiert. erst
langsam kommen gefühle und fragen auf. die den hintergrund bildenden
grossen politischen umwälzungen sind auch ohne detaillierte
geschichtskenntnisse gut nachvollziehbar.
07.06.2026
eni yousuf: nach oben und von dort über die dächer
mit
neun jahren wird er von den taliban in ein kinderarbeitslager
verschleppt, wo er teppiche knüpfen muss. als
jugendlicher wird
er später gezwungen
in einem kohlebergwerk unter schlimmsten bedingungen zu
arbeiten.
hunger und schläge von wachleuten bestimmen seinen alltag.
schliesslich gelingt ihm die flucht. unterwegs trifft er auf
hilfsbereite menschen, aber auch auf
solche,
die ihn ausnutzen oder betrügen. dauernde unsicherheit, die sich
immer wieder stellende frage, wem er vertrauen und auf wen er sich verlassen kann, begleitet
ihn. es ist
schwierig immer neuen herausforderungen gegenüber zu stehen. unter
vielen entbehrungen gelangt er endlich
auf abenteuerlichen wegen in die schweiz, wo die unsicherheit im
asylverfahren ihn weiter belastet. aber
er
schafft es dank eigener disziplin und harter arbeit sich hier ein
neues leben in freiheit und sicherheit aufzubauen.
dieses
sehr berührende lebenszeugnis zeigt, warum menschen die
unwägbarkeiten und gefahren einer flucht auf sich nehmen. sehr
persönlich und unverstellt berichtet der autor von seinen gefühlen
und gedanken, von seinen anstrengungen, misserfolgen und erfolgen.
eni yousuf schreibt zum schluss, er habe nicht alles aufschreiben
können, weil vieles zu grausam war. dieses buch ist ein
wichtiger beitrag zu den in diesem land dauernd geführten
diskussionen, in denen asylbewerbende immer nur objekte sind. zudem
wirft es einen blick auf die ungerechtigkeiten und nöte, denen
menschen unverschuldet ausgesetzt sind. dieses sehr persönliche buch ist harte kost, die mir beim lesen tränen in die augen getrieben
hat. einfach danke für dieses wichtige zeugnis.
05.06.2026
arno geiger: reise nach laredo
kaiser karl ist des regierens müde, dankt ab und zieht sich in das kloster yuste zurück. aber er findet nicht wirklich die ruhe und selbstbestimmtheit, die er sich wünscht. seine begleiter vom damaligen hof, sein leibarzt und andere akteure vergraulen ihm das leben. als er den auf der klostermauer sitzenden geronimo erblickt, sieht er seine chance zur flucht. mit dem unbekannten jungen macht er sich auf die reise nach laredo. unterwegs erleben sie viel schwieriges. sie begegnen menschen, die ihnen nicht alle gewogen sind. zeitweise geraten sie in lebensgefahr, aber immer wieder entkommen sie. zum schluss erreichen sie das ziel nach vielen mühen und entbehrungen.
die historische tatsache ist einzig kaiser karl v., seine abdankung und sein anschliessender aufenthalt im kloster yuste. der rest ist eine fantasiereiche, bildhaft erzählte fiktion. berührende liebevolle, aber auch schlimme momente der gewalt kontrastieren das harte leben im mittelalter. karl, der sein inkognito erfolgreich erlebt, wird mit dem leben des armen und einfachen volkes konfrontiert. als ein weiser und bescheidener mann mit dem herz am richtigen fleck und einem grossen gerechtigkeitssinn zeigt aber auch schwächen, die ihn sympathisch machen. diese geschichte zeugt von einer hohen erzählkunst und ist trotz all der schrecklichen begebenheiten schön zu lesen.
30.05.2026
monika zeiner: villa sternbald oder die unschärfe der jahre
nikolas kehrt nach vielen jahren der
abwesenheit für ein wochenende zurück ins elternhaus, die villa
sternbald. hier lebt seine familie, die in fünfter generation eine
schul- und büromöbelfabrik besitzt. sebastian, sein bruder wird als
nächster die firma übernehmen, nikolas bleibt der aussenseiter. aus
verschiedenen gründen zieht sich sein aufenthalt bis zu mehreren
monaten in die länge. auch trifft er auf seine frühere freundin
katharina, die in ihm wieder verunsichernde gefühle auslöst. durch
beobachtungen in diesem komplizierten familienbiotop und in
gesprächen mit früheren freunden, beginnt er sich mit der
geschichte der familie und ihrer firma zu beschäftigen und stösst
dabei auf ereignisse in der jüngeren vergangenheit. er beginnt
fragen zu stellen und in archiven nachzuforschen. dabei stösst er
auf die dunkle firmengeschichte und die nsdap-mitgliedschaft seines
grossvaters. innerhalb der familie liegt ein mantel des schweigens
über dieser zeit. alle versuche nikolas darüber zu sprechen werden
verunmöglicht.
aus der perspektive von nikolas führt
der roman in zeitsprüngen zwischen aktuellen und retrospektiven
kapiteln durch all die jahre. das buch beschäftigt sich mit einem
thema, über das in vielen deutschen familien schweigen herrscht: die
zeit des dritten reiches und der eigenen rollen im
nationalsozialismus. auch wenn der roman sich manchmal etwas in
details verlierend hinzieht, hilft der einen einzigartigen lesefluss
erzeugende text zumindest eine gewisse spannung aufrecht zu erhalten.
stark sind die differenziert beschriebenen charaktere der einzelnen
familienmitglieder, die ein klares bild erzeugen. besonders schön
sind die beschreibungen der erinnerungen nikolas’ an seine
kindheit und der damaligen – oft erst später verstandenen – sicht
auf die dinge. das buch ist ein wichtiger beitrag zu dem thema des
verschweigens dieser schwierigen zeit.
17.05.2026
aline valangin: das dorf an der grenze
unmittelbar
an der grenze zu italien liegt der ort der handlung. als der krieg
ausbricht, erscheinen die ersten flüchtlinge, denen sich die
dorfbevölkerung entgegen der vorgaben der regierung annimmt. auf dem
ausserhalb des dorfes liegenden hof bargada lebt die unverheiratete
zoe mit tochter und mutter. ein frauenhaushalt, der unter kritischer
beobachtung der leute im dorf steht. hier finden die immer mehr
auftauchenden schmuggler unterschlupf, hier wird vor allem reis, ihr
wichtigstes gut weiterverkauft. gegen ende des krieges kommen immer
mehr menschen über die grenze, die die solidarität und das
zusammenleben im dorf auf eine harte probe stellen.
der
roman zeigt wie die solidarität einer dorfgemeinschaft nicht nur
durch äussere umstände, sondern auch durch eigene
moralvorstellungen belastet wird. in einer zeit, in der viele männer
wegen des krieges in der armee sind, verändert sich die rolle der
frauen. treffend und fesselnd bearbeitet sind beziehungen,
liebschaften und unerfüllte erwartungen,
wie auch der frauenemanzipatorische aspekt. ich hätte mir etwas mehr
detaillierte beschreibungen zu den einzelnen menschen gewünscht,
unter denen sich einige originale vermuten lassen. der recht
spannende text bleibt trotz einer komplexen und vielfältigen
handlung dank der klaren und direkten erzählung gut lesbar. ein
kleines, aber exemplarisches stück schweizergeschichte, das heute
unter veränderten umständen weiterhin aktuell ist, wird uns hier
nahegebracht.
14.05.2026
fabio andina: sechzehn monate
giuseppe
vaglio lebt in cremenaga, einem dorf an der
italienisch-schweizerischen grenze. während des zweiten weltkrieges
hilft er flüchtlingen durch den fluss in die schweiz zu gelangen. er
wird aber verraten, von der deutschen ss gefangengenommen und ins
konzentrationslager mauthausen zur zwangsarbeit deportiert. dort
erlebt er die befreiung am
kriegsende. seine frau concetta bleibt während seiner abwesenheit
weitgehend nachrichtenlos, weiss nichts über seinen verbleib, gibt
die hoffnung auf seine rückkehr aber nie auf. nach der befreiung ist
giuseppe zwei monate zu fuss unterwegs und kommt nach vielen
entbehrungen wieder zurück nach cremenaga.
giuseppe
und concetta waren die grosseltern des autors, denen er mit diesem
roman ein eindrückliches denkmal setzt. dieses preisgekrönte buch
vermittelt anhand der lebensgeschichte eines einzelnen, wie
aufrichtige menschen opfer dieses systems wurden. in einem
faszinierend einfachen und klaren text wechselt der schauplatz immer
wieder, so wird parallel über das leiden giuseppes und das leben
concettas mit ihrer familie berichtet. trotz angst, unsicherheit und
verzweiflung verlieren beide eheleute die hoffnung nicht. die
rückkehr bildet einen überraschenden abrupten schluss. gerne wäre ich noch etwas bei der wiedervereinten
familie verweilt.
10.05.2026
jiři weil: mendelsohn auf dem dach
während
der deutschen besetzung prags wird das rudolfinum zum «haus der
deutschen kunst»: unter
den statuen auf dem dach ist auch jene von
medelsohn-bartholdy. auf befehl des reichsprotektors heydrich muss
das denkmal des jüdischen komponisten entfernt werden. der
hausverwalter weiss jedoch nicht, welche der figuren die richtige
ist. mit dieser wahren begebenheit beginnt der roman über die zeit
der besetzung prags durch die deutsche wehrmacht. juden und jüdinnen
werden systematisch verhaftet und abtransportiert, ihr eigentum
eingezogen. in prag formiert sich im untergrund aber auch der
widerstand gegen die besatzung und das attentat auf den verhassten
heydrich hat grausame sühneaktionen der nazis zur folge. erste
nachrichten von der landung der alliierten in der normandie lassen
die leidende bevölkerung hoffen.
verschiedene
wahre begebenheiten und einzelschicksale von menschen werden hier zur
grundlage eines romans über diese dramatische zeit. beim lesen spürt
man, dass der autor die geschichten der menschen, die opfer dieses
systems werden, aus eigener erfahrung kennt. durch die eindringliche
beschreibung der schreckensherrschaft der nazis gibt er einen tiefen
blick in die struktur des totalitären systems, die er mit ironie und
sarkasmus entlarvt. als gegenpol steht der widerstand der bevölkerung
und die solidarität der menschen, dem dieses buch ebenso raum gibt.
dieses unheimlich authentische und dichte werk geht unter die haut
und lässt einen lange nachdenken.
01.05.2026
dacia maraini: ein halber löffel reis
im
zweiten weltkrieg steht japan durch einen pakt verbunden gemeinsam
mit italien auf der seite des deutschen reiches. dacias familie lebt
in tokio, ihre eltern weigern sich – wie von den japanischen
behörden verlangt – mussolinis repubblica da salò anzuerkennen.
wie weitere mitglieder der kleinen italienischen gemeinde wird die
ganze familie in ein lager interniert, in dem unsägliche
hygienische zustände, willkür, vor allem aber hunger herrschen. die
damals siebenjährige erlebt harte kindheitsjahre, aber auch die
befreiung und die zeit unmittelbar nach kriegsende.
trotz
der erniedrigenden erlebnisse berichtet die autorin eindrücklich,
gleichzeitig emotional und sachlich über ihre schwerste zeit.
bedrückend ist nicht nur die detaillierte beschreibung der
persönlichen not, sondern auch die grausamkeit der sie bewachenden
männer. aus der sicht eines kindes versteht sie damals erstaunlich
viel: so gibt sie mit einer faszinierenden genauigkeit die damaligen
begegnungen und ereignisse wieder.
gleichzeitig ist es auch ein buch über ein stück uns weitgehend
unbekannte geschichte japans, abseits der clichées von kirschblüten
und zen-gärten.
26.04.2026
ozan zakariya keskinkılıç: hundesohn
zeko, dessen eltern aus der türkei nach deutschland ausgewandert sind, fährt jedes jahr mit ihnen einmal in ihr heimatdorf. dort trifft er hassan, der mehr als nur ein jugendfreund ist. hassan ist das objekt seiner liebe und seiner begierde. während des ganzen jahres trifft er über dating-apps verschiedene männer, doch er hat nur hassan im kopf und sehnt sich nach begegnungen und liebesnächten mit ihm. sein verlangen, seine not und sein zwiespalt diktieren seine tage. wie weit die familie davon weiss, wird nicht klar, jedoch nennen sie hassan «hundesohn». bei seiner besten freundin pari findet zeko etwas ruhe und ihren rat, dem zu folgen ihm aber oft nicht gelingt.
die zeitspanne von neun tagen bis zum erneuten treffen mit hassan wird in einem sprachlichen feuerwerk erzählt. sein ihn permanent umtreibendes begehren steht im vordergrund und wird detailliert beschrieben. der fulminante, collageartige, manchmal etwas hektische text lässt die gefühlslage zekos sehr unmittelbar erleben. regelmässig eingefügte türkische und arabische, teils unübersetzte sätze lassen einen beim lesen hin und wieder im ungewissen, geben aber dem gesamten roman farbe und authentizität. ein drama, das durch die schonungslose beschreibung vieler begegnungen sehr intensiv wirkt, durch die streckenweise mangelnde spannung jedoch etwas an kraft verliert, es gerade deshalb aber zur anspruchsvollen lektüre macht.
23.04.2026
joseph lloyd carr: ein monat auf dem land
als
mr. birkin aus london in einem nordenglischen ort ankommt, weiss
schnell das ganze dorf bescheid. als restaurator hat er den auftrag,
in der kirche ein altes wandgemälde freizulegen. traumatisiert vom
ersten weltkrieg hofft birkin hier auf dem land auch wieder ruhe zu
finden. je länger er hier ist, umso mehr fühlt er sich zuhause. ob
es immer nur das interesse am fortgang seiner arbeit ist, das leute
zu besuchen in die kirche verleitet, lässt sich bezweifeln. auch die
frau des pfarrers kommt öfters und bleibt zu immer längeren
gesprächen. es ist birkin zunächst unangenehm, weil er für die
ausserordentlich schöne frau gefühle entwickelt. was nicht sein
darf geschieht, die beiden verlieben sich ineinander. des
restaurators arbeit findet ein ende und man legt ihm nahe, möglichst
schnell den ort zu verlassen.
das
buch beinhaltet eine liebevolle, tiefgründige geschichte, die ruhig
erzählt wird. dörfliche neugier und menschliche schwächen, aber
auch schöne persönliche freundschaften und zuverlässige
verbindlichkeiten sind tragende elemente dieses kleinen werkes, das
einen besonderen blick auf die moralischen werte einer damaligen
ländlichen dorfgemeinschaft wirft.
18.04.2026
gina bucher: schattengänger
jo
wohnt alleine
in
einer wohnsiedlung – kaum jemand kennt ihn, er scheint keine
familie, keinen besuch, keine freunde zu
haben
was ihn zu einem objekt der beobachtung durch seine nachbarn macht.
man spricht über ihn hinter vorgehaltener hand und nennt ihn
schattengänger. als ein nachbarsmädchen dabei gesehen wird, wie sie
zu jo in die wohnung geht, entstehen gerüchte und vermutungen –
schon will jemand die polizei informieren. doch es gibt auch
mässigende stimmen. irgendwann wird er vermisst. er erscheint
nicht mehr zur arbeit und die wohnung macht
einen unbewohnten
eindruck.
letztlich klärt sich vieles überraschend auf, aber ein offenes ende
lässt die zentrale frage über seinen verbleib unserer fantasie
überlassen.
die
geschichte wird aus der perspektive von vielen verschiedenen leuten
erzählt,
von
nachbarn, arbeitskollegen und vorgesetzten, aber auch aus der sicht
seiner aerztin. aus all diesen teilen fügt sich langsam nicht nur das wesen dieses mannes, sondern auch eine art soziogramm dieser
siedlung zu einem bild. mit diesem kreativen ansatz vermag das buch die ganz
besondere spannung bis zum schluss zu halten.
13.04.2026
pier vittorio tondelli: getrennte räume
leo
und thomas verlieben sich ineinander und scheinen wie für einander
geschaffen. weit voneinander weg lebend, beginnen sie eine
komplizierte fernbeziehung. die beiden männer sind sehr verschieden
und haben unterschiedliche ansprüche und vorstellungen. während für
thomas «getrennte räume» diese beziehung erst möglich machen,
wünscht sich leo nichts anderes als im gleichen haus zu leben. nach
drei jahren wiederkehrenden streites und anschliessender versöhnung
trennen sie sich. später ereilt leo die mitteilung von
thomas’ baldigem tod. er liegt
schwer krank im spital. leo fährt hin, sieht thomas ein letztes mal
und bleibt alleine zurück.
die geschichte handelt im ausgehenden 20. jahrhundert -- einer zeit, da es männerbeziehungen oft noch schwer hatten, akzeptiert zu werden. erzählt wird sie aus der perspektive von leo, der sehr unter dem verlust leidet, unendlich trauert und sich mit dem alleine zurückbleiben schwer tut. den ausschweifenden text konnte ich nur sehr langsam lesen um all die emotionen, gedanken, ueberlegungen und handlungen leos ganz zu erfassen. ein sehr emotionaler roman, der trotz der schwere nie larmoyant ist, erfasst dieses drama auf eine psychologische und sehr persönliche weise.
09.04.2026
silvio blatter: das blaue haus
ende des 19. jahrhunderts wird
heinrich zinn geboren. er erlernt das schneiderhandwerk wie sein
vater. dieser folgt jedoch
längst mit einem kleinen zirkus unterwegs durch europa anderen
interessen. als junger mann wandert heinrich nach amerika, auch ihn
zieht es zeitweise ins artistenmilieu. beim ausbruch des ersten weltkrieges kehrt er in die schweiz zurück und wird zur armee
eingezogen. nach dem krieg beginnt er als fabrikant schürzen zu
produzieren, kommt dadurch zu einem kleinen vermögen und kann sich
das blaue schleusenhaus an der reuss kaufen. hier lebt er mit seiner
patchworkartigen familie. während des zweiten weltkrieges wird das
blaue haus immer mehr zur heimat von geflüchteten artisten und
künstlern. doch die fremdenpolizei nimmt den bei ihm untergekommenen
waisen karel mit, um ihn auszuweisen. heinrich setzt sich mit aller
kraft für den knaben ein, verliert aber diesen kampf gegen die
behörden. heinrich ist der grossvater des ich-erzählers, der diese
geschichte seiner tochter erzählt.
das buch berichtet auf eine leichte art
vom leben von menschen, die der damaligen gesellschaftlichen norm
nicht entsprechen, die unerschütterlich ihren menschlichen idealen
folgen. dies alles vor dem hintergrund eines stücks
schweizergeschichte während der weltkriege. die klare und direkte
sprache mit vielen einfachen und kurzen sätzen erzeugt einen eigenen
leserhythmus. ohne dramatik setzt der autor seinen vorfahren ein
liebevolles denkmal.